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Aus: Ausgabe vom 04.12.2020, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Obacht! Der König ist tot

Von Pierre Deason-Tomory
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Mein politischer Übervater, ohne den ich vielleicht niemals ein anständiger Staatsfeind geworden wäre: Franz Josef Strauß beim Starkbieranstich (19.3.1987)

Was einem wieder einfällt, wenn man den ganzen Tag alleine zu Hause ist und irgendwann am Herd steht und sich einen Kaffee kocht. Es war der 3. Oktober 1988, ein Montag, da saßen Achim, der Hippie-Klaus und ich in Achims Zimmer in seiner WG in Fürth hinter der Billinganlage. Wir spielten Backgammon, tranken literweise Kaffee aus dem Espressokocher und kifften. Schon seit Stunden. Zwei würfelten, einer baute, und nebenan wummerte etwas rhythmisch gegen die Wand. Auch schon seit Stunden.

Das war Enzo, der Mitbewohner von Achim und Hippie-Klaus, er hatte da gerade eine Frau kennengelernt. Wir würfelten, während Enzo bumste, und hörten nebenher Radio und warteten auf die Meldung, dass Franz Josef Strauß gestorben sei. Mein politischer Übervater, ohne den ich vielleicht niemals ein anständiger Staatsfeind geworden wäre.

Strauß hatte am Samstag zuvor auf dem Oktoberfest gezecht und sich dann im Hubschrauber zur Hirschjagd beim Fürsten von Thurn und Taxis fliegen lassen, um dort zu kollabieren und dabei seine Wiesn-Brotzeit in den falschen Hals zu kriegen. Seitdem siechte er im Hospital dahin, und zwei Tage später hockten wir also in der Bude, hörten Radio, rauchten und würfelten.

Es wurde sonst auch viel musiziert in dieser WG. Achim versank oft in seinem Gitarrenspiel, Enzo war ein begnadeter Perkussionist und trommelte mitreißend auf allem herum, was Töne hergab, wenn er nicht gerade bumste, und Hippie-Klaus lernte fleißig und laut Trompete. Sie wohnten zu dritt in drei winzig kleinen Zimmern, und es waren immer noch ein paar andere da. Man saß viele Stunden lang auf dem Boden, trank einen Kaffee nach dem anderen, rauchte und fragte alle fünf Minuten: Was mach mern etz? Wo gemmern hie?

Die Kneipen waren fast alle scheiße, und in den coolen wollten die Coolen uns Junge nicht. Und um eins wurde eh alles dichtgemacht, auch am Wochenende. Ganz schlimm war es, wenn es nichts zu kiffen gab, dann war die Langeweile unerträglich. Und es gab oft nichts im Polizeistaat Bayern. Im Jahr zuvor hatten sie mich erwischt, mit 0,3 Gramm Haschisch.

Achim: »Da waren Peter und ich dabei, das war auf der Insel Shit.«

»Genau. Polizeikontrolle auf der Insel Schütt in der Nürnberger Innenstadt. Die haben uns gefilzt, bei mir ein Piece gefunden, mich mitgenommen und fünf Stunden lang auf der Wache festgehalten. Ich habe natürlich keine Aussage gemacht.«

Achim: »Bei der Polizei vielleicht nicht, aber beim Prozess.«

»Ich habe mich halt verteidigt und eine Geschichte erzählt! Dass ich das zum ersten Mal gemacht habe und … –«

Achim: »Und dass du das Piece von einem jungen Türken vor dem ›Komm‹ gekauft hast.«

Enzo: »Das ist echt übel!«

»Vom ›Komm‹ habe ich nichts gesagt. Und sollte ich denen die Wahrheit erzählen? Dass ich den Shit von einem Bullen hatte? Außerdem hat das alles nichts mit meiner Geschichte zu tun.«

Also zurück zum Strauß: Wir saßen in deinem Zimmer und spielten Backgammon und rauchten, und gegen Mittag waren wir schon völlig durch, nur Enzo wummerte weiter gegen die Wand, …

Enzo: »Es gibt übrigens keinen Grund, das andauernd zu wiederholen.«

… und draußen war es schön, und wir beschlossen, zum Wachwerden spazierenzugehen. Wir hatschten im Rednitzgrund herum, und plötzlich läuteten die Kirchenglocken Sturm. Wir rannten zurück in die Wohnung, schalteten das Radio ein und hörten erst getragene Musik und dann die Todesmeldung.

Anke: »Und was ist dann passiert?«

»Was machst jetzt du mit meiner Geschichte?«

Anke: »Ich habe auch in der Wohnung gewohnt.«

Enzo: »Das war nach dem Hippie-Klaus.«

Hippie-Klaus: »Ich kann mich an gar nix erinnern.«

Jedenfalls weiß ich nicht mehr, was wir dann gemacht haben. Vermutlich haben wir Kaffee gekocht und einen geraucht, Achim hat Gitarre gespielt und Enzo hat …

Enzo: »Obacht!«

… dazu getrommelt. Und jetzt ist gut! Geht wieder weg, ich muss die Kanne vom Herd nehmen.

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