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Aus: Ausgabe vom 02.12.2020, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Viel zu lange übersehen

Frauenmusik als Genre? Das britische Label Cherry Red präsentiert zwei voluminöse Compilations
Von Christina Mohr
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Nur Mädchen sollten bestimmen, was Mädchen tun: Female-Punkband The Slits, 1979

In ihrem zum Klassiker avancierten Buch »She Bop. The Definitive History of Women in Rock, Pop and Soul« blickt die britische Autorin Lucy O’Brien zum Schluss optimistisch in die Zukunft: »Wenn Frauen weiter ins Zentrum der Musikindustrie vordringen, um sie für sich selbst zu gestalten, wird sich die Art und Weise, wie Musik konsumiert, performt und rezipiert wird, völlig verändern.« Das war 1995, Madonna, PJ Harvey, Salt ’n’ Pepa und Courtney Love waren die Königinnen von MTV, zumindest was ihre Videodauerpräsenz betraf. Und »Girl Power!« in Gestalt der Spice Girls stand ja erst noch bevor.

Seit Beginn der Popgeschichtsschreibung hatte sich in puncto weiblicher Beteiligung durchaus einiges verändert: Die Ära der von windigen Impresarios kreierten Zauberwesen, die neben singen und hübsch aussehen allenfalls männliche Obsessionen bedienen durften, schien vorüber. Viele Popkünstlerinnen begannen, die Kontrolle über ihre Produktionen selbst zu übernehmen. Worauf jedoch offensichtlich weder 1995 noch heute verzichtet werden konnte und kann, ist die mediale Rubrizierung »Women in Pop« (oder: in Rock, Techno etc.).

Womit wir wieder bei Lucy O’Brien wären, die 25 Jahre nach »She Bop« die Linernotes zur 90 Tracks starken Compilation »Make More Noise: Women in Independent Music UK 1977–1987« geschrieben hat. Erschienen ist der Sampler beim Londoner Label Cherry Red, das seit Ende der 70er mit Bands wie The Monochrome Set oder Everything but the Girl eine wichtige Institution für »Independent Music of all Genres« ist, sich mit Wiederveröffentlichungen verschollener Raritäten verdient macht und überdies regelmäßig prächtig ausgestattete Boxsets herausbringt: In der jüngeren Vergangenheit erschienen etwa Compilations zu Gothicbands, Creation Records oder Shoegaze. Und mehrere Sampler, auf denen ausschließlich Künstlerinnen bestimmter Stilrichtungen vertreten sind, wie »Sharon Signs to Cherry Red« (Indie) oder die Sixties-Folk- und -Beat-Compilation »Am I Dreaming?«, die vom jüngst veröffentlichten Set »Right Back Where We Started From« fortgesetzt wird: Ausgehend von Maxine Nightingales gleichnamigem Hit aus dem Jahr 1975 versammelt die Compilation 77 Songs aus der Hochphase der Northern-Soul-Begeisterung bis hin zu Disco-Rock-Hybriden aus den späten Siebzigern.

Damit die tanzwütige, von Motown besessene Modszene der immer gleichen Soulklassiker nicht überdrüssig wurde, suchten die DJs nach seltenen US-Importsingles – oder man produzierte Motown-Soundalikes im Königreich selbst, wie »Tainted Love«, 1965 im Original gesungen von Gloria Jones. Auf »Right Back« befindet sich eine zehn Jahre später entstandene Coverversion von Ruth Swann, die schneller und schärfer ist, wie angespitzt wirkt. Songs wechseln in dieser Epoche häufig ihre Interpretinnen, Interpreten und Erscheinungsformen, und auch die Sängerinnen waren oftmals eigentlich jemand anderes: Ruth Swann war das Pseudonym von Jill Saward, später bei Shakatak, die auch als Carol Kay, Dee Dee Martin oder Miss Dee Dee auftrat. Samantha Jones (»Stop«, 1979) gab es gleich mehrfach: Da es bereits eine bekannte Northern-Soul-Sängerin dieses Namens gab, schien es der jüngeren völlig plausibel, ebenfalls als Samantha Jones im selben Genre unterwegs zu sein. Hauptsache, die Assoziation stimmte. »Right Back« präsentiert aber auch in jeder Hinsicht einzigartige Künstlerinnen: Helen Shapiro, die junge Hazel(l) Dean, Petula Clark oder Eartha Kitt mit einer herrlichst geknurrten Version von Donovans »Hurdy Gurdy Man«.

Auf die Frage, ob solche Kopplungen die Ausnahmestellung von Popkünstlerinnen erst noch betonen und damit das »normale« Format (drei bis vier Männer an den üblichen Instrumenten) manifestieren, antwortet Richard Anderson, Geschäftsführer und Produzent von Cherry Red: »Wir sind uns natürlich bewusst, dass Künstlerinnen keine mittelalten Männer aus der Mittelschicht brauchen, um ihren Platz zu behaupten. Tatsache ist, dass so viele brillante Künstlerinnen übersehen oder als Obskuritäten behandelt wurden, weil die Industrie so lange Zeit männlich dominiert war – bevor Punkrock die Dinge verändert hat. Es gibt also interessante Gebiete, die es zu erforschen gilt, und eine Menge großartiger Musik, an die man sich erinnern sollte.«

Das ist zweifelsohne richtig und trifft auch bzw. erst recht auf die Punk-, Postpunk- und Wave-Ära zwischen ca. 1977 und 1987 zu: Neben den zahllosen Männerbünden von The Clash bis PiL nahmen sich auch viele Frauen das von Punk eingeforderte Recht, alles machen zu können, was man verdammt noch mal will. Dementsprechend eröffnet die bereits erwähnte Compilation »Make More Noise« logischerweise mit der Female-Empowerment-Hymne schlechthin: »Oh Bondage! Up Yours!« von X-Ray Spex war Statement und Schlachtruf zugleich und hat auch 43 Jahre nach der Erstveröffentlichung nichts von ihrer aufrührerischen Energie verloren. Wie Lucy O’Brien in den Linernotes schreibt, erstaunt vor allem die von Punk und Do-it-yourself-Ethos ermöglichte stilistische Bandbreite britischer Acts jener Zeit: Neben dem saxofonbefeuerten Punk der X-Ray Spex entsteht der artsy New Wave von Lene Lovich ebenso selbstverständlich wie Ska von The Selecter und The Bodysnatchers. In den frühen 80ern wird es noch freier, spielerischer: Bananarama debütieren mit »Aie a Mwana«, dem Song einer belgisch-angolanischen Band, auch The Raincoats entfernen sich mit »No One’s Little Girl« von wildem Punkrock, bleiben aber der von Poly Styrene und The Slits begonnenen Tradition verbunden, dass nur Mädchen bestimmen sollten, was Mädchen tun. Auch diese Compilation besticht durch das gleichberechtigte Miteinander bekannter Namen à la Pretenders, Girlschool, Tracey Ullman und Nico und vergessener Projekte wie Ova, The Skodas oder Grab Grab The Haddock.

Wenig überraschend scheint indes die Tatsache, dass »Right Back« und »Make More Noise« von Männern kompiliert wurden. Ist die Auswahl des passenden Songs nach wie vor ein Männerding, Mr. Anderson? »Ich würde gerne Nein sagen, aber in Wahrheit stelle ich fest, dass die Besessenheit von Musik, die diese Compilations erfordern, häufiger bei Männern als bei Frauen zu finden ist. Ich habe keine Ahnung, warum, und natürlich gibt es Ausnahmen, aber da ist etwas unter Männern, dass das Sammeln und Crate digging wettbewerbsfähig macht: größter Schwanz, schnellstes Auto, seltenste Platte … Ich finde, dass weibliche Fans ein wenig über diesen Dingen stehen.« Eine von Lucy O’Brien kompilierte Box, »Do Anything You Wanna Do. Male Punkrock from 1975 until today« mit Linernotes z. B. von Viv Albertine, bleibt also bis auf weiteres unvor(be)stellbar.

V. A.: »Make More Noise: Women in Independent Music UK 1977–1987« (vier CDs)

V. A.: »Right Back Where We Started From: Female Pop and Soul in Seventies Britain« (drei CDs)

(beide: Cherry Red)

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