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Aus: Ausgabe vom 24.11.2020, Seite 12 / Thema
Einen Präsidenten machen

»Der Mozart der Finanzen«

Vorabdruck: Große Kampagne. Wie die französischen Medien den wirtschaftsnahen Minister Emmanuel Macron zum letztlich siegreichen Präsidentschaftskandidaten hochschrieben
Von Éric Stemmelen
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Gekrönt. Der baldige Präsident, umringt von seinen Königsmachern. Emmanuel Macron, da noch Wirtschaftsminister, mit Presseleuten am 6. Januar 2016 in einer Pariser Shopping Mall

In der kommenden Woche veröffentlicht der Kasseler Mangroven-Verlag eine deutsche Übersetzung des 2019 auf Französisch erschienenen Buchs »Operation Macron«. Der Autor Éric Stemmelen schildert darin in einer Chronik den Aufstieg von Emmanuel Macron zum Präsidenten der Französischen Republik. Die folgende Auswahl behandelt den Zeitraum von März bis August 2016, als sich der damalige Wirtschaftsminister, von der französischen Presse wohlwollend begleitet, als Kandidat in Stellung brachte. Stemmelen nennt bei jeder Erwähnung einer Zeitung oder eines Fernsehsenders in Klammern zugleich den Haupteigentümer. Wir danken dem Mangroven-Verlag für die Genehmigung zum Abdruck. (jW)

9. März 2016. Im ganzen Land widersetzen sich 500.000 Menschen der Einschränkung ihrer Rechte als Arbeiter, die mit dem »El-Khomri-Gesetz« durchgesetzt werden soll. Faktisch wurde dieses Gesetz unter der Schirmherrschaft Emmanuel Macrons geschrieben. Am 31. März demonstrieren mehr als eine Million Menschen und am 28. April noch einmal 500.000. Die Gegner des Projekts können ihre Positionen weder im Rundfunk noch im Fernsehen verteidigen, denn sie werden – als stünden sie vor Gericht – aufgefordert, sich zu Gewalteskalationen am Ende der Aufmärsche zu erklären, die, und zwar vor laufenden Kameras, von Provokateuren begangen wurden. Die Polizei sieht dabei zu, verprügelt dann aber friedliche Passanten. In Endlosschleifen werden die »spektakulären Schreckensszenen« gezeigt. Einige Moderatoren reagieren hysterisch. Zum Beispiel Olivier Galzi, der auf I-Télé (Bolloré) ausruft: »Weniger Teilnehmer, aber mehr Gewalt. Da sind Polizisten, die versuchen zu schützen, und Menschen, die sie angreifen.« Oder Apolline de Malherbe auf BFM TV (Drahi), die dem linken Aktivisten Olivier Besancenot mehrfach ins Wort fällt und dabei achtmal die gleiche Frage stellt: »Verurteilen Sie die Gewalt?«

3. März 2016. L’Obs (Niel) macht mit der Schlagzeile »Projektil Macron: sein geheimer Plan für 2017« auf und lüftet auf den Innenseiten ein Geheimnis: »Mit dem Start seiner Bewegung und der Veröffentlichung von zwei Büchern demonstriert der Wirtschaftsminister seine Ambitionen: die Oberhand über den Präsidentschaftswahlkampf von François Hollande zu erringen; oder diesen zu ersetzen, wenn der Staatschef verzichtet.«

8. März 2016. Abendveranstaltung anlässlich des Relaunchs von L’Express (Drahi). Der Redaktionsdirektor Christophe Barbier zeigt sich Arm in Arm mit Brigitte und Emmanuel Macron, alle lächeln.

9. März 2016. Auf dem Titelblatt von L’Express (Drahi) eine Nahaufnahme, ernsthafter Blick, zusammengepresste Lippen, gerunzelte Stirn: »Macron, was ich für 2017 will«. In einem langen Gespräch, »exklusiv für L’Express, skizziert er zum ersten Mal ein umfassendes Projekt, das Land zu reformieren. Ein präsidentielles Programm?« Doch statt eines Programms legt er alles und nichts dar, und das in einer pedantischen, oft nebelhaften Sprache, durchzogen von widersprüchlichen Forderungen der Art: »Der Jugend die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden, wann sie die Verantwortung übernimmt«. Oder: »Die klare Wahl zugunsten eines wirtschaftlichen und politischen Liberalismus auf einem Sockel der kollektiven Solidarität und der Regulierung zum Ausdruck bringen«. Er verkündet: »Mein Kampf ist einer um Fortschritt und Bewegung.«

11. März 2016. Der Figaro (Dassault) titelt: »Die Ambitionen Macrons bringen die Sozialisten zur Verzweiflung«.

17. März 2016. Das Titelblatt von VSD (Mohn) zeigt uns die Macrons, warm angezogen beim Spaziergang: »Emmanuel und Brigitte Macron. Ein Paar für den Élyséepalast«. Die Blattmacher preisen Macrons Vorzüge: »Die Franzosen halten ihn für glaubhaft. Komitees von jungen Menschen unterstützen ihn. Seine Frau spielt eine Schlüsselrolle an seiner Seite.«

Am gleichen Tag wird eine Umfrage von IFOP-Fiducial unter dem Titel »Die Franzosen und die Kandidatur Emmanuel Macrons für die Präsidentschaftswahl 2017« veröffentlicht, die im Auftrag des winzigen Senders Sud Radio (Latouche) durchgeführt worden sein soll. Der Umfrage zufolge – nach François Hollande wurde nicht gefragt – liegt Macron im direkten Vergleich fast gleichauf (17 Prozent) mit Nicolas Sarkozy (19 Prozent), aber weit hinter Marine Le Pen (28 Prozent) und Alain Juppé (32 Prozent).

Das älteste französische Meinungsforschungsinstitut IFOP gehört Laurence Parisot, seit 2005 Präsidentin des Arbeitgeberverbands Medef. 2006 trat sie in den Verwaltungsrat von BNP Paribas ein und trug dem 28jährigen Emmanuel Macron den Posten des Generaldirektors von Medef an, doch der lehnte ab. Die beiden bleiben allerdings in Kontakt. Im Mai 2013 erklärt Parisot im L’Express (de Nolf): »Emmanuel ist ein wertvoller Vermittler für die Stimme der Unternehmen.«

Der Eigentümer von Sud Radio und zugleich auch von Lyon Capitale TV, der Geschäftsmann Christian Latouche (Vermögen: zwei Milliarden Euro), gründete das Wirtschaftsprüfungsunternehmen Fiducial, das Unternehmen in juristischen und finanziellen Fragen berät. Es geht um »Steueroptimierung«, was natürlich etwas ganz anderes ist als Steuervermeidung oder Steuerbetrug. Spezialisten haben darauf aufmerksam gemacht, dass einige Paragraphen des »Macron-Gesetzes« wie maßgeschneidert für Fiducial schienen, denn sie ermöglichten dem Unternehmen eine beträchtliche Ausweitung seiner Aktivitäten. Fiducial finanziert die Umfragen von IFOP.

6. April 2016. Bei einer Zusammenkunft in Amiens reiht Macron vor zweihundertfünfzig Zuhörern mit ernstestem Ausdruck Plattitüden wie Perlen an einer Schnur aneinander. Er kommt zu dem Schluss, dass er letzten Endes und nach reichlicher Abwägung eine Verbesserung der Lage in Frankreich einer Verschlechterung vorzöge. Am Ende einer Stunde derartigen Unsinns kündigt er die Gründung von »En Marche« an: »Ich habe beschlossen, dass wir eine neue politische Bewegung gründen. Es ist eine Bewegung, die nicht rechts und die nicht links sein wird.«

En Marche wird von den Medien und den Politologen – die auf den Trick hereinfallen – als »politisches Startup« präsentiert, als eine Organisation »from the bottom up«. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Sie ist streng von oben her organisiert, die Beschlüsse fasst ein zahlenmäßig kleines Politbüro, wenn nicht gar der Chef allein. Diskutiert wird nicht. Die Mitglieder sind bloßes Fußvolk, zuständig für Masse und Beifall bei den Meetings und nützliche Idioten für den Wahlkampf.

7. April 2016. Le Figaro (Dassault) jubiliert über die gesamte Breite seiner Titelseite: »Emmanuel Macron erschüttert die Linke«. Halleluja! Le Monde (Niel) verblüfft: »Emmanuel Macron hat die Maske fallen lassen: Ja, der Wirtschaftsminister würde sich gern selbst eines Tages als Präsident der Republik sehen.« Donnerwetter! Wer hätte das gedacht?

10. April 2016. Le JDD (Lagardèrre) öffnet Macron die Spalten, um seine Bewegung En Marche vorzustellen, deren vorrangige Qualität es sei, »authentisch« zu sein. Am Abend ist die Nachrichtensendung von France 2 an der Reihe, Macron Werbezeit zu gewähren: »Alle 30 Sekunden ein Neumitglied«, behauptet er. Das ist nicht wahr. In Wirklichkeit handelt es sich nur um Klicks auf die Website, nicht um Beitritte. Die Presse spricht in freundlichem Ton von der »Kunst, die Wirklichkeit aufzuhübschen«.

14. April 2016. Am Vortag in Gala (Mohn) und heute auf dem Titelblatt von Paris-Match (Lagardère) das Ehepaar Macron, in Großaufnahme, strahlend, Hand in Hand: »Gemeinsam auf der Straße zur Macht.« Alle falsche Bescheidenheit ist längst abgelegt. Die »Fotos aus ihrem persönlichen Album« hat Brigitte freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Madame Macron scheint überwältigt: »Mein Mann, ein Arbeitssüchtiger, ist ein Ritter, eine Person von einem anderen Planeten, der eine seltene Intelligenz mit einer außergewöhnlichen Humanität vereint.« Macron, ein außerirdisches Wesen?

14. April 2016. Macron ist auf Einladung eines Managers von Goldman Sachs zu einem Abendessen mit Bankern und Geschäftsleuten in London. Er gibt vor, gekommen zu sein, um Spender für En Marche zu finden, als ob es davon innerhalb seiner Mannschaft von Bankern in Frankreich nicht schon genug gibt.

17. April 2016. Beim Sender BBC freut sich Macron, mit Tony Blair verglichen zu werden: »Thanks for the compliment.« Nach seiner brillanten politischen Karriere ist der »sehr ehrenwerte« (The Right Honourable) Tony Blair Berater für die Bank J. P. Morgan, den Versicherer Zurich Financial Service, die Regierung von Kuwait, einen Investitionsfonds von Abu Dhabi usw. Außerdem wurde er von Nursultan Nasarbajew, dem bizarren Potentaten von Kasachstan, für ein jährliches Honorar von acht Millionen Pfund als Berater gewonnen. Ein nachahmenswertes Beispiel.

20. April 2016. Macron gibt der belgischen Tageszeitung Le Soir (Hurbain) ein Interview: »En Marche hat das Ziel, an einem ›präsidialen Projekt‹ zu arbeiten.«

21. April 2016. Emmanuel Macron ist überall. Er gibt den Tageszeitungen der EBRA-Gruppe (Crédit Mutuel) Le Progrès, Le Dauphiné, Dernières Nouvelles d’Alsace, L’Est Républicain usw., Interviews. En Marche habe das Ziel, »die notwendige Umgestaltung des Landes auf vielen Gebieten vorzubereiten«.

24. April 2016. Macron gibt auf Arte ein 25 Minuten langes Interview unter anderem zur europäischen Handelspolitik. Beiläufig weist er zweimal darauf hin, dass En Marche das Ziel hat, »eine gemeinsame Aktion für das Land zu gestalten«. Eher unverständlich.

25. April 2016. Beim Besuch eines Werks in Issoire (Département Puy-de-Dôme) wird der Wirtschaftsminister von Arbeitern konfrontiert: »Sie wissen nichts von der Arbeitswelt! Sie wissen nicht, was es heißt, jeden Morgen um fünf Uhr aufzustehen, um auch nur den unwürdigen Mindestlohn zu verdienen. Sie werden dafür bezahlen müssen, dass Sie die Menschen hinters Licht führen.« Reaktion Macron: »Es gibt Menschen, für die es nicht besser wird, aber es gibt ein Land, dem es im Durchschnitt besser geht.« Sicher, das lässt sich behaupten, wenn man den Durchschnitt zwischen den Milliardären, deren Privatvermögen jährlich um mindestens 15 Prozent wächst, und jenen, deren Lebensstandard seit zehn Jahren stagniert, zugrundelegt.

29. April 2016. In den Valeurs actuelles (Safa) schreibt der Chefredakteur Yves de Kerdriel, ein intimer Freund Macrons: »Niemand kann seine Kompetenz, seine Kenntnis des Privatsektors und seine Gewandtheit auf dem internationalen Parkett leugnen. Alles, was er schon unternommen hat, und alles, was er noch durchführen könnte, wird ganz bestimmt nützlich für Frankreich sein.«

30. April 2016. Brigitte und Emmanuel werden mit einem Fotografen im Schlepptau eine Nacht in einem schicken Hotel in Ville-D’Avray verbringen. Closer (Berlusconi) macht aus diesem Ereignis eine Titelstory, widmet ihm mehrere Seiten, schreibt, »der Mozart der Finanzen weiß, dass er in dieser Landschaft, die schon die Impressionisten so beeindruckt hat, Energie tanken kann«.

2. Mai 2016. Eine Umfrage von IFOP-Fiducial, wieder bloß für den Minisender Sud Radio (Latouche), bringt das erhoffte Ergebnis: Macron (22 Prozent) würde Sarkozy (18 Prozent) im ersten Wahlgang schlagen. Aber mit 20 Prozent liegt er in der Gunst weit hinter dem Bürgermeister von Bordeaux, Alain Juppé, der auf 29 Prozent kommt. Die Firma Elabe macht es für Les Échos (Ayrault) und Radio Classique (Arnault) besser: 25 Prozent der Befragten würden für Macron stimmen. Damit läge er vor Le Pen (24 Prozent) und Sarkozy (18 Prozent). Versehen ist das Ergebnis mit dem Kommentar: »Während Präsident François Hollande und Premier Manuel Valls es in keinem der untersuchten Szenarien in die Stichwahl schafften, läge Emmanuel Macron im Falle einer Kandidatur von Nicolas Sarkozy für Les Répubicains an der Spitze. Träte Juppé an, fiele Macron auf den dritten Rang zurück.«

8. Mai 2016. In Orléans hält Macron eine Rede über Jeanne d’Arc, die voller Anspielungen auf seinen eigenen Werdegang ist. Zweifellos vergleicht er sich mit der Jungfrau von Orléans (die nach Ansicht eines prominenten Neuropsychiaters von einer »von Halluzinationen begleiteten Megalomanie« befallen war): »Jeanne verkörperte einen verrückten Traum, nahm es wie eine Offenbarung auf sich. In einem zerrissenen, in zwei Teile gespaltenen Frankreich verstand sie es, das Land in einer Bewegung zu einen und zu verteidigen. Und obwohl Frankreich nicht daran glaubte – sie hatte die Vorahnung seiner Einigung.«

27. Mai 2016. Bei einem Besuch in Lunel wird Macron von einem jungen Arbeiter angefahren: »Wir haben es satt! Ich habe nicht die Moneten, um mir einen Anzug wie Ihren zu leisten.« Macron erwidert: »Sie werden mich mit Ihrem T-Shirt nicht zum Weinen bringen. Die beste Art und Weise, sich einen Anzug leisten zu können, ist es, zu arbeiten.« Der junge Mann protestiert vergebens: »Ich arbeite seit meinem 16. Lebensjahr, Monsieur!«

Aus diesem Wortwechsel zieht die PR-Maschinerie ihre Schlüsse. Am 24. November 2016, gleich nach dem Erfolg von François Fillon beim ersten Wahlgang der Vorwahlen für Les Républicains, klärt ein in Paris-Match (Lagardère) erschienener Artikel die Öffentlichkeit über die Kleidung Emmanuel Macrons auf: »Der Exminister hat seine 1.200-Euro-Anzüge von Lagonda abgelegt und gibt sich zufrieden mit solchen für 340 Euro. Er bezieht sie von Jonas et Cie., einer Schneiderfirma in der Rue d’Aboukir.« Warum so viel Augenmerk auf dieses Thema? Der Preis für die Maßanzüge von Fillon wird die Blätter jedenfalls während des Wahlkampfes noch in Aufregung versetzen.

28. Mai 2016. Die Kommunikationsagentur Liegey Muller Pons (LMP) bläst zum »großen Marsch«: Die ersten Aktivisten von En Marche sollen für eine Kampagne von Haustürgesprächen mobilisiert werden. In Wirklichkeit findet gar keine Kampagne statt, denn das wahre Ziel besteht erstens darin, den Anschein zu erwecken, dass es bereits Zehntausende Mitglieder gebe, und zweitens glauben zu machen, dass Macron einen modernen und populären Wahlkampf »à la Barack Obama« führe. Das ist der Gipfel des »Zeitalters der Leere«: über seine angebliche Kommunikation zu kommunizieren.

Macron, der zur Aufnahme eines Facebook-Videos in die Agentur LMP gekommen ist, gibt beiläufig einige Floskeln von sich: »Es gibt eine wachsende Menge von Menschen. Man muss mit diesen Menschen weiter arbeiten.« Meine Menschen, hätte der kleine Marquis sagen sollen. Mit Begeisterung käut die Presse die ihr vorgehaltenen Phrasen wieder. Die gleichen Satzbauelemente sind in Artikeln von Le Monde und Figaro, auf France-Inter, BFM TV etc. zu lesen bzw. zu hören. Beispiel Les Échos (Arnault): »Eine Kampagne von Haustürgesprächen in ganz Frankreich, zu denen sich 12.000 Personen als Freiwillige zur Verfügung stellen (von den 50.0000 Anhängern der Bewegung). Um sie zu einem Erfolg zu machen, stützt sich Emmanuel Macron auf die Technologie eines französischen Startup. Eine Handy-App soll ermöglichen, die vor Ort von den En-Marche-Leuten bei ihren 100.000 Gesprächspartnern erhaltenen Informationen zu sammeln.« Unter den präsentierten Vorschlägen nach den Haustürgesprächen finden sich Plattitüden wie: »Jedem ermöglichen, seine Fähigkeiten zu entwickeln und sein Leben zu leben«.

Aber die trügerische Botschaft kommt an: enorme Anhängerzahlen, eine breite Basis von Freiwilligen, Bürgernähe und Bereitschaft zum Zuhören, eine jugendliche und technikorientierte Sprache, eine sympathische kleine Firma an der Spitze des Fortschritts. In Wahrheit wird Macrons PR weitgehend von Experten von Havas, eine der weltweit größten Werbe- und PR-Agenturen, unter der Führung von Gilles Finchelstein gesteuert, den der Minister jede Woche trifft. Aber diese Wahrheit erfährt man nur in der ehrwürdigen Schweizer Zeitung Le Temps (Ringier): »Die Agentur Havas Worldwide beschäftigt sich damit, aus ihm den politischen Menschen zu machen, an dem kein Weg vorbeiführt« (14. April 2016).

Ein Vertrag wird nicht geschlossen, getreu den Prinzipien von Yannick Bolloré, dem Chef von Havas: »Wenn der Kandidat verliert, wird man mit der Niederlage in Verbindung gebracht, wenn er gewinnt, beschuldigt man uns eines Interessenkonflikts. Kurz, beides ist schlecht fürs Geschäft.«

31. Mai 2016. Macron, der Wirtschaftsminister, und Xavier Bertrand, Präsident des Regionalrats, ernennen Philippe Vasseur zum »Sonderkommissar für die Wiederbelebung und die Reindustrialisierung der Region Hauts-de-France«. Vasseur, Landwirtschaftsminister von 1995 bis 1997, war von Juni 2000 bis Januar 2016 Präsident der Bank und Versicherung Crédit Mutuel Nord Europe. Er erklärt im Courrier picard (Hurbain): »Wäre die Mission mir von einem anderen als Emmanuel Macron anvertraut worden, dann hätte ich gezögert.«

1. Juni 2016. Édouard Tétreau lädt etwa dreißig Firmenchefs zu einem Treffen mit Macron ein. Tétreau nennt sich Trusted Advisor, »vertraulicher Berater«, und erteilt strategische Ratschläge für Unternehmenschefs, und zwar besonders für die christliche Unternehmerschaft. Bei dieser Gelegenheit sagt er: »Meine wirkliche Befürchtung für die christliche Identität meines Landes, das ist die Koalition der Nachfolger von 1793, ein Ungeheuer: der Mélencho-Lepenismus.« Was er da phantasiert, ist ein Bündnis des linken Politikers Jean-Luc Mélenchon und der extrem Rechten Marine Le Pen. Tétreau kennt Macron seit 2010 und »ist einer der Verbindungsmänner des Kandidaten mit der katholischen Welt«, informiert Famille chrétienne, eine Wochenzeitung der französisch-belgischen Gruppe Média-Participations, die mit der finanziellen Unterstützung durch Axa von der Familie Montagne-Michelin kontrolliert wird.

23. Juni 2016. Macron hält auf einem vom Institut Montaigne und dem McKinsey Global Institute organisierten Kolloquium in Paris einen Vortrag: »Heute stellt die Solidaritätssteuer auf Vermögen (ISF) ein Problem für alle die dar, die einfach nur investieren und zur Entwicklung der Unternehmen beitragen wollen«, behauptet er. Die ISF erfasst allerdings nur Rentiers oder Aktienanleger. Der spätere Präsident Macron wird handeln: Die Abschaffung der ISF und die Einführung einer minimalen Flat Tax (12,8 Prozent) auf Kapitalerträge besorgen einen Verlust von jährlich mindestens sieben Milliarden Euro an Staatseinnahmen, die sich der Fiskus durch übermäßige Besteuerung von Kraftstoffen zurückholt.

12. Juli 2016. Meeting von Macron im Pariser Konferenzzentrum Mutualité unter starkem Polizeischutz, zum Freundschaftspreis organisiert vom Lyoner Unternehmen GL Events. Die Showausstattung: grelle Beleuchtung, Riesenleinwand, ein gecastetes Publikum, das Transparente zeigt, vier Teleprompter und ein weißes Hemd mit offenem Kragen. Inhalt der Rede: Fehlanzeige. Neue Ankündigungen: null. Originelle Vorschläge: nichts. Der Kandidat schließt mit den Worten: »Diese Bewegung kann niemand aufhalten. Wir werden sie bis ins Jahr 2017 und bis zum Sieg weiterführen.«

14. Juli 2016. Ein Amokläufer steuert einen Lastwagen mit einem Gewicht von 19 Tonnen mit hoher Geschwindigkeit in eine Menschenmenge auf der Promenade des Anglais in Nizza. 86 Menschen werden getötet, 458 verletzt.

19. Juli 2016. Unter dem Vorwand einer Reaktion auf das Attentat fliegt die französische Luftwaffe Angriff auf den Norden Syriens. In der Ortschaft Tukhan Al-Kubra, die bereits von islamistischen Kämpfern geräumt war, sollen dabei 164 Zivilisten gestorben sein.

11. August 2016. Paris-Match (Lagardère) präsentiert auf seiner Titelseite die Macrons am Strand, die Füße im Wasser, Madame im Badeanzug, Monsieur in Shorts und Polo: »Vor der Offensive: das Liebespaar im Urlaub.«

19. August 2016. Bei einem Ausflug in den Themenpark Puy du Fou in der Vendée zeigt sich Macron an der Seite des Vicomte Philippe de Villiers. Der Reaktionär vertritt ein vorsintflutliches Familienbild, verteidigt christliche Werte und spricht sich für den repressiven Staat bei vollkommenem Laissez-faire auf wirtschaftlichem Gebiet zugunsten des Großgrundbesitzes und der Industriekonzerne aus. Bei dieser Gelegenheit steckt Macron den anwesenden Journalisten: »Die Ehrlichkeit verpflichtet mich, Ihnen zu sagen, dass ich kein Sozialist bin.« Ein Knüller!

30. August 2016. Macron tritt als Wirtschaftsminister zurück und mimt den General de Gaulle bei dessen Aufbruch nach London: »Ich möchte heute eine neue Etappe meines Kampfes einleiten.« Den ganzen Tag lang widmen die Fernsehsender BFM TV (Drahi), I-Télé (Bolloré) und selbst das öffentlich-rechtliche France Info diesem historischen Ereignis gefühlt 100 Prozent ihrer Sendezeit. Am Abend ist Macron zu Gast in der Nachrichtensendung »20 heures« auf TF 1 (Bouygues), wo er sich fast achtzehn Minuten lang äußern darf. Das ist mehr als jemals einem anderen Politiker in dieser Sendung gewährt wurde. Dazu vier weitere Beiträge über insgesamt fast zehn Minuten voll des Lobes für den zurückgetretenen Minister. Gleichzeitig spendieren ihm die Abendnachrichten von France 2 ihrerseits zweiundzwanzig Minuten in elf kurzen Beiträgen, alle geradezu hymnisch: »Er fühlt sich auf gleichsam mystische Art und Weise berufen, Frankreich zu dienen. Heute abend bringt er sich in Position, diese Berufung zu erfüllen.«

Zwei Jahre hatte Macron als Wirtschaftsminister Gelegenheit, sich in Stellung zu bringen. Er hat die Geschäfte von General Electric, Nokia und Vinci, von Vincent Bolloré (Havas und Vivendi) und Patrick Drahi (SFR) gefördert. Er hat seinen Beitrag geleistet, die Rechte der Arbeiter weiter einzuschränken. Und er hat die Besteuerung auf Erlöse von Wertpapieren, die den Unternehmenschefs qua Posten zugeteilt werden, halbiert.

31. August 2016. Emmanuel Macron ist auf den Titelseiten aller Tageszeitungen in Frankreich.

Éric Stemmelen: Operation Macron, Mangroven-Verlag, Kassel 2020, 223 Seiten, 19 Euro

Éric Stemmelen ist Statistiker und Doktor der Wirtschaftswissenschaften. Er war unter anderem Studiendirektor beim Meinungsforschungsinstitut Sofres und bei France Television, der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt Frankreichs, sowie Programmdirektor beim staatlichen Fernsehsender France 2.

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