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Aus: Ausgabe vom 26.11.2020, Seite 11 / Feuilleton
Corona und die Folgen

Es kracht im Gebälk

Vom Tragikpotential dieser trostlosen Tage
Von Marco Gottwalts
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Kann einen dieser Mann zum Weinen bringen? Corona macht das Unmögliche möglich

In diesen Tagen entdecke ich Seiten an mir, von denen ich bislang nichts ahnte. So bin ich bei denen, die mich kennen, nicht dafür bekannt, mich federleicht zu empören. Das genaue Gegenteil ist sogar der Fall: Wenn andere mit hochroten Köpfen wütend gegen den Staat, den Kapitalismus, die Merkel, die Klimakatastrophe oder sonstwas anbrüllen, bleibe ich in aller Regel ruhig und unaufgeregt. So sehr sogar, dass es die Wütenden und Empörten noch wütender und noch empörter macht. Meine Lehrer allesamt waren sich einstens, meine Person betreffend, in dem Punkte einig, dass ich den Lerninhalten gegenüber phlegmatisch und uninteressiert war. Diese Grundhaltung ist mir bereits früh im Leben zur Natur geworden und lässt mich die angeblich zentralen Menschheitsprobleme im Schaukelstuhl des Lebens überwiegend entspannt und relativierend betrachten.

Umso erstaunter war ich kürzlich über mich selbst, als ich am Küchentisch sitzend, mein Frühstück zu mir nehmend und Radio hörend, plötzlich wie von Furien gehetzt aufsprang und wilde Schimpfkanonaden in Richtung des Radioapparates abfeuerte. Was war passiert? Die Moderatorin, die natürlich unnatürlich gut gelaunt und fröhlich vor sich hin plapperte, kam auf das trübe, kalte Novemberwetter zu sprechen. Aber der Herbst – so plapperte sie weiter – sei die Jahreszeit, »in der man es sich zu Hause so richtig gemütlich machen« könne. Zur Überraschung meiner selbst und meiner mitfrühstückenden Lebensfrau ging ich auf wie ein Klappmesser und brüllte: »Du blöde Sau! Wir machen es uns schon seit März zu Hause gemütlich!« Es folgten weitere unschickliche Beleidigungen in Richtung der Radiosprecherin, die an dieser Stelle unerwähnt bleiben können. Die Leser dürfen ihre Phantasie bemühen.

Meine Neigung zum Allgemeinphlegmatismus bringt mit sich, dass ich nicht in dem Ruf stehe, besonders nahe am Wasser gebaut zu sein. Verstirbt qualvoll ein knuddeliges, süßes Haustier, bleibt mein Auge trocken. Eine gewisse Hartleibigkeit mir vorzuwerfen, ließe ich durchaus gelten. Doch auch diesbezüglich musste ich lebhaft verblüfft andere Facetten meiner Persönlichkeit wahrnehmen. Wiederum Radio hörend – Sie merken, das Altmodische gehört ebenso zu meinem Innenleben – vernahm ich den mir wohlbekannten, von Gunter Gabriel geschriebenen und von Juliane Werding gesungenen 70er-Jahre-Schlager »Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst«. Ein harmloses Liedchen ohne Tragikpotential, sollte man meinen. Und in der Tat: Der Refrain des Liedes, den viele Menschen meiner Altersgruppe und auch Schlagerfans jüngerer Generation vermutlich ohne große Anstrengung mitsingen können, lautet:

»Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst,
ein Mädchen kann das nicht.
Schau mir in die Augen, und dann schau in mein Gesicht!
Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst,
du hast ein leichtes Spiel.
Doch ich weiß, was ich will. Drum lach nur über mich,
denn am Ende lache ich über dich!«

Weniger geläufig ist allerdings der Text der Einführungsstrophe, die mich – das sei hier zugegeben – zu Tränen rührte, ach was sag’ ich, in ein heulendes Etwas verwandelte.

Gunter Gabriel, der als öffentliche Person das ziemlich unsympathische, arrogante, machohafte Arschloch gab, im persönlichen Gespräch aber ziemlich reflektiert und einnehmend sein konnte, wie ich nach einem seiner Auftritte am Tresen des Veranstaltungsortes feststellen durfte, textete wie folgt:

»Der Tag war zu Ende, und ich war zufrieden mit mir.
Da ging ich,
weil ich nicht schlafen konnte, noch aus auf ein Glas Bier.
Dorthin, wo die Männer an Theken und an Tischen
sich den Schaum von den Lippen wischen.
Und ich hörte sie schon von draußen schrei’n.
So trat ich ein.
Augenblicklich war es still;
nur drei Männer am Tisch, die spielten Skat.
Und einer, der stand mit seinem Glas am Spielautomat (…)«

Eine Szene aus einer untergegangenen Welt, will mir heute scheinen. Aus einer Zeit, als man noch »auf ein Bier« gehen konnte und das noch keinem Verbot unterlag. Bitte gestatten Sie: Wer bei diesem Bild nicht sofort losflennt, soll mir nicht unter die Augen treten. Ich könnte auch jetzt beim Niederschreiben schon wieder heulen wie ein Schlosshund.

Um meiner aus Gastronomieentbehrung gespeisten Trübnis etwas entgegenzusetzen, gehe ich ein- bis zweimal in der Woche in mein Stammcafé und bestelle dort Essen zum Mitnehmen. Natürlich rufe ich nicht vorher an: So kann ich dort wenigstens im abgetrennten Wartebereich länger sitzen und während der Speisenzubereitung warten. Während des Wartens (»Lasst euch Zeit, ich hab’s nicht eilig!«) lese ich in meiner Zeitung, so dass wenigstens der anteilige Eindruck eines normalen Cafébesuchs entsteht. Ist das armselig und/oder unwürdig? Ich denke schon.

Und wenn ich beim Einkaufen im nächstgelegenen Discounter noch den traurigen, gebeugten Wirt der »Gaststätte zum Schorsch«, die als mein Lebenselixier zu bezeichnen ich mich nicht schäme (siehe jW vom 22.7.2020), treffe, frage ich ihn schon gar nicht mehr, wie es ihm geht. Auch das kenne ich nicht von mir.

Ist es nicht bizarr und lebensrealitätsausblendend, dass Restaurants, Cafés und Kneipen derzeit den »Freizeiteinrichtungen« zugeschlagen und dichtgemacht werden – und es folglich im finanziellen Gebälk nur so kracht? Es sollte doch jedem einleuchten: Anders als die Feinkostabteilung des KaDeWe sind Kneipen Stätten existentieller Daseinsvorsorge. Verstehen Sie: Trotz Corona dürfen Sie sich »coachen« lassen; auch Antidepressiva dürfen Sie weiter einnehmen. Der Gaststättenbesuch aber, die Psychoanalyse des kleinen Mannes, wird behördlich verboten. Folglich säuft man sich zu Hause voll. Das muss man sich einmal vorstellen: Der Idealtypus des gehorsamen Bürgers in Coronazeiten ist der, der ungewaschen in der Unterhose mit Bremsspuren den Sessel vollfurzt und am Tag einen Kasten Bier und ’ne Flasche Korn wegsäuft, ansonsten aber seine vier Wände nicht verlässt und virenmäßig nicht schmutzt. Ein selbst marktwirtschaftlich weitgehend nutzloses Verhalten wird zum gesellschaftlichen Leitbild. Auch das hätte man vor diesen Zeiten kaum für möglich gehalten.

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