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Aus: Ausgabe vom 26.11.2020, Seite 10 / Feuilleton
Erziehung

»Mehr Eltern für alle«

Ein Sammelband stellt alternative Lebensformen mit Kindern vor
Von Katharina Bendixen
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»Ort, an dem es sich lohnt, für bestimmte Dinge einzutreten«: Der Spielplatz

»Ich bin so froh, dass ich nicht mehr auf Spielplätzen rumhänge und mich frage, was ich da eigentlich tue.« Das sagt Jelena, die mit vier anderen Erwachsenen und fünf Kindern auf einem Hof in Brandenburg lebt. Die Kinder spielen zusammen, die Erwachsenen lohnarbeiten, renovieren den Hof und teilen sich die Verantwortung für die Kinder. Ein logischer Schritt, nicht nur in Anbetracht einer Statistik, der zufolge die wöchentliche Lohnarbeitszeit einer Kleinfamilie in den vergangenen 60 Jahren um 20 Stunden gestiegen ist: Männer arbeiten mittlerweile durchschnittlich zwar weniger, dafür aber müssen (und wollen) mehr Frauen auf den Arbeitsmarkt. Für Care-Arbeit (Tätigkeiten des Sorgens und Sichkümmerns) bleiben also 20 Wochenstunden weniger, und gleichzeitig sind die Anforderungen an die Kindererziehung gestiegen, nicht nur durch die allseits geschürte Abstiegsangst und die damit verbundene Sorge um die beste Förderung. Zwei Erwachsene sind für Wutanfälle und Wocheneinkauf, für Spielen, Toben und Trösten einfach zuwenig. Um damit umzugehen, wäre eine Möglichkeit, noch mehr Care-Arbeit auszulagern und zu bezahlen. Die schönere Möglichkeit ist, das zu tun, wofür Jelena und ihre Mitbewohner sich entschieden haben.

Um biologische und rechtliche, vor allem aber um soziale Elternschaft – sprich: Koeltern, Beutefamilien, Care-Communities – geht es in dem Sammelband »Links leben mit Kindern«, der rund 30 theoretisch fundierte bis sehr persönliche Beiträge versammelt. »Mehr Eltern für alle«, fordert beispielsweise Ana, und dieser Slogan kann im übrigen auch ganz unabhängig vom Kinderhaben gelesen werden als Wunsch nach mehr verbindlichen Beziehungen und weniger Individualismus. Dass die Umsetzung problematisch ist, geben Jelena und ihre Mitbewohner offen zu: Ihnen gelingt das Zusammenleben nur, weil die Erwachsenen sich schon sehr lange kennen und Erfahrung mit Gruppenprozessen haben. Trotzdem kommt es regelmäßig zu Konflikten, nicht nur beim Umgang mit dem Geld, sondern eben auch bei der Kindererziehung. Mitherausgeberin Almut Birken beschreibt das gemeinschaftliche Leben mit Kindern als »the hardest way to make an easy living«, und es ist sicher kein Zufall, dass nicht wenige Beiträge vom Scheitern dieser Versuche erzählen – was die Berechtigung dieser Utopie keineswegs in Frage stellt.

In vielen Beiträgen schwingt die grundsätzliche Frage mit, wie Kinder überhaupt in linkes Denken und Handeln passen. Wer sich für Kinder entscheidet, steht schnell unter dem Verdacht, sich an bürgerliche Verhältnisse angepasst zu haben – ein Verdacht, der noch genährt wird, wenn frischgebackene Eltern plötzlich seltener zum Plenum kommen oder an der Zimmerrotation im Hausprojekt nicht mehr teilnehmen wollen. Viele beitragende Eltern empfinden es selbst als problematisch, plötzlich keine Zeit mehr für ihr politisches Engagement zu haben, sondern ein »selbstsüchtiges Schöner Leben 2.0« zu verfolgen, wie es einer von Jelenas Mitbewohnern nennt.

Dabei ist Kindererziehung selbst ein politischer Akt, auch wenn sie in der Dreiraumwohnung stattfindet, in der viele linke Familien nach dem Scheitern des Gemeinschaftslebens vorerst stranden. Wie Eltern nach den richtigen Rollen suchen, ist ein zweites wichtiges Thema in »Links leben mit Kindern«. Wer Kinder zur Welt gebracht hat, ist unweigerlich mit der Tatsache konfrontiert, dass engagierte Vaterschaft subversiv, engagierte Mutterschaft dagegen reaktionär sei, wie Mis Chief schreibt. Neben den Widersprüchen zwischen der Verzückung über das kleine Wesen und dem dekonstruierenden Feminismus lauert da auch noch das Problem, »in einer so beknackten Gesellschaft mit Kindern zu leben« (Ana). Alles ist rosa oder hellblau, alles kann und soll gekauft werden, und fortschrittliche Erziehungsratgeber propagieren, dass auch Kinder schon ein Recht auf Privateigentum haben und demzufolge selbst entscheiden müssen, ob sie ihr Spielzeug verleihen oder nicht. Bagger und Kipper zum Beispiel, womit wir wieder beim Spielplatz wären. Franziskas »kleiner bescheidener Spielplatztraum« sind Boxen mit gemeinschaftlichem Sandspielzeug, und wer sich selbst mit seinen Kindern regelmäßig auf Spielplätzen aufhält, der weiß, dass dieser Traum fast so revolutionär ist wie die Auflösung der Kleinfamilie. »Der Spielplatz wird die Welt nicht verändern«, schreibt Franziska. »Aber er ist ein Ort, an dem es sich lohnt, für bestimmte Dinge einzutreten.« Dann also los.

Almut Birken/Nicola Eschen (Hg.): Links leben mit Kindern. Care Revolution zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Unrast-Verlag, Münster 2020, 280 Seiten, 16 Euro

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