Gegründet 1947 Montag, 30. November 2020, Nr. 280
Die junge Welt wird von 2453 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 23.11.2020, Seite 16 / Sport
Sportpolitik

»Wir schließen da eine Lücke«

Mündig statt mundtot: Verein »Athleten Deutschland« kämpft für das Recht auf politische Meinungsäußerung
Von Andreas Müller
16.jpg
Freut sich über rasanten Zuwachs: Geschäftsführer Johannes Herber, hier noch als Basketballnationalspieler, 2011

Spitzensportler sollen weit mehr sein als stumme Stars, die ihre Wettbewerbe absolvieren, freundlich in die Kamera winken und dann aus dem Bild verschwinden. Nicht politisch mundtot, sondern mündig sollen sie sein dürfen. Nicht Empfänger von Almosen sollen sie länger sein, sondern fair beteiligt werden an den Milliarden, die das Internationale Olympische Komitee (IOC) dank der Protagonisten in der Arena einnimmt. Der Verein »Athleten Deutschland« bohrt die dicksten Bretter, und seine handwerkliche Begabung scheint sich inzwischen herumgesprochen zu haben. Erst seit drei Jahren existent, nahm die Interessenvertretung jüngst Taekwondokämpfer Jan Jürgens als tausendstes Mitglied auf. Ihre Kartei umfasst damit rund ein Viertel sämtlicher Kaderathleten.

»Voriges Jahr hatten wir noch nicht einmal 450 Mitglieder«, freut sich Geschäftsführer Johannes Herber. Der rasante Zuwachs ist ein Statement. Im Beziehungsgeflecht zu Vereinen, Verbänden und den Olympiastützpunkten, bei den sogenannten Athletenvereinbarungen, bei Nominierungen und auch bei ihrer medizinischen Betreuung und finanziellen Absicherung gibt es für Sportler viel »Kleingedrucktes«. Darum hatte sich lange kaum jemand gekümmert, außer bei Sportstars, die sich entsprechend versiertes Management leisten. »Wir schließen da eine beachtliche Lücke«, so Herber gegenüber jW.

Erst neulich hat der 37jährige erfahren, welchen Einfluss selbst die Pandemie auf seine Arbeit hat. Der ehemalige Basketballspieler bot seinem noch aktiven Kollegen Joshiko Saibou juristische Hilfe an, nachdem der von den Telekom Baskets die fristlose Kündigung erhalten hatte. Saibou hatte zuvor mit seiner Freundin, der Weitspringerin Alexandra Wester, die inzwischen vorläufig aus dem Nationalteam verbannt wurde, an einer Anticoronademo in Berlin ohne Mund-Nasen-Schutzmaske teilgenommen. Wer sie braucht, kann von Athleten Deutschland eine rechtliche Erstberatung bekommen. Anwälte zu finanzieren und bei Gerichtsverfahren zu assistieren, übersteigt noch das aktuelle Jahresbudget von 450.000 Euro. Gespeist wird es vom Bundesministerium des Innern (BMI), das auf diese Weise wie mit erstmaligen Zuschüssen für eine »Sportlerrente« signalisieren möchte: Wir kümmern uns um unsere Olympioniken, mehr denn je.

So sehr der Geschäftsführer und das Präsidium um Weltklassefechter Max Hartung, zu dem außerdem Manuela Schmermund, Amélie Ebert, Moritz Geisreiter, Elena Gilles, Jonathan Koch und Marc Zwiebler gehören, die Geste des BMI würdigen: Von ihren politischen Forderungen wollen sie nicht lassen. Ihr Ziel ist es, auch heikle Themen und Inhalte in die Öffentlichkeit zu transportieren und eine breite Diskussion darüber zu entfachen. »Ist es zum Beispiel schon ein politisches Statement, wenn eine Schwimmerin zum Wettkampf ihre Fußnägel in Regenbogenfarben lackiert hat?« fragt Geschäftsführer Herber. Das größte Hemmnis im Bemühen um mehr Meinungsfreiheit für die Athleten ist nach wie vor die Regel Nummer 50.2 der Olympischen Charta. Sie untersagt »jede politische, religiöse oder rassistische Demonstration oder Propaganda« in und auf olympischen Sportstätten, bei Siegerehrungen und bei öffentlichen Zeremonien. Für IOC-Präsident Thomas Bach der Garant, um Olympia vor einem »Marktplatz der Demonstrationen« zu schützen.

Das Grundproblem bei alldem für Athleten Deutschland: Die IOC-Charta stellt so etwas »wie die Weltverfassung des Sports« dar, wird von allen Nationalen Olympischen Komitees akzeptiert, von sämtlichen Verbänden anerkannt. »Zugespitzt gesagt heißt das: Diese Charta gilt bei jedem Wettkampf und in jedem Stadion, auch bei nationalen Meisterschaften«, erklärt Herber, »deswegen ist diese Regel so elementar.« Falls sie nicht mit Einverständnis des IOC »von oben« zu ändern sei, regt der Geschäftsführer Maßnahmen »von unten« an. »Wir könnten nationale Lösungen kreieren, die progressiver sind als die IOC-Charta in diesem Punkt. Wir könnten eigene Vorschläge für mehr Liberalisierung im kleineren Rahmen erarbeiten. Und es mich würde mich wundern, wenn das IOC diesen Weg sanktionieren würde.«

Der Unterstützung seiner 1.000 Mitglieder darf sich der Geschäftsführer sicher sein. Ihnen geht es nicht nur um Gesten auf größter Bühne wie die Black-Power-Fäuste der schwarzen Sprinter Tommie Smith und John Carlos auf dem olympischen Siegerpodest 1968 oder das Hinknien von American-Football-Spieler Colin Kaepernick aus Protest gegen Rassismus. Sondern auch um die etwas kleinere »Preisklasse Fingernagel«. Bei einer Umfrage im August dieses Jahres brachten übrigens rund 90 Prozent der 335 teilnehmenden Kaderathleten zum Ausdruck, dass für sie die persönliche Meinungsäußerung ein wichtiges Anliegen ist. Rund die Hälfte wünscht sich mehr Informationen zum Thema, 53 Prozent plädierten für eine Lockerung der IOC-Regel 50.2. Das ist eine direkte Vorlage für die Athletenkommission des IOC für die Spiele 2021 in Tokio und 2022 in Beijing. In der sitzt unter anderem die ehemalige Fechterin Britta Heidemann aus Köln.

Unverzichtbar!

»Mit ihrer umfangreichen Berichterstattung in der Rubrik Betrieb und Gewerkschaft ist die junge Welt bei meiner Tätigkeit in einer betrieblichen Tarifkommission unverzichtbar – sie motiviert und stärkt in der Argumentation!« Claudia K., Angestellte in einem IT-Unternehmen

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung im Netz ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme – gedruckt und online!

Mehr aus: Sport

»Gemeinsam statt alleinsam«: 3 Monate lang junge Welt im Aktionsabo lesen – für 62 €!