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Aus: Ausgabe vom 21.11.2020, Seite 15 / Geschichte
Geschichte Italiens

Risse in der Einheitsfront

Im November 1945 stürzten rechte Kreise mit Deckung aus den USA die antifaschistische Regierung Ferruccio Parri in Italien
Von Gerhard Feldbauer
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Scheiterte nach 1945 mit seinem Partito d’Azione und wechselte danach noch mehrfach die Partei: Ferruccio Parri (Rom, 9.1.1957)

Nach der Niederlage des Faschismus in Italien standen Kommunisten, Sozialisten und andere Linke vor der Entscheidung über die zu errichtende gesellschaftliche Ordnung des Landes. Es ging um eine demokratische, antifaschistische und antiimperialistische Umwälzung, die die politischen und sozialökonomischen Grundlagen des Faschismus beseitigen musste. Dazu existierten günstige Voraussetzungen.

Mit dem am 25. April 1945 beginnenden bewaffneten Aufstand befreiten die Partisanenarmee und regionale Einheiten noch vor dem Eintreffen der alliierten Truppen Mailand, Turin, Genua, Bologna, Padua, Venedig und insgesamt etwa 200 Städte Norditaliens. Örtliche Befreiungskomitees übernahmen die Macht und leiteten antifaschistisch-demokratische Umgestaltungen ein. In den von den Unternehmensleitungen verlassenen Fabriken bildeten Kommunisten und Sozialisten Fabrikräte, die die Leitung der Produktion übernahmen. Im Süden besetzten Landarbeiter und Halbpächter das Land der den Faschisten nahestehenden Latifundisti. Die Kommunistische Partei Italiens (PCI) hatte in der Einheitsregierung ihr Vorgehen mit einem Dekret legalisiert.

Die Partisanenarmee griff zwischen Piemont und Venetien die Stellungen von noch 19 verbliebenen Divisionen der Hitlerwehrmacht an. In Genua ergaben sich 9.000 Mann. Am 27. April kapitulierte das X. Panzerkorps, am 30. April nahmen Kämpfer der Brigade Garibaldi am Monte Grappa 33.000 deutsche Soldaten gefangen. Insgesamt ergaben sich bis zum 4. Mai allein im Veneto 140.000 Soldaten der Wehrmacht den Partisanen.

Mailand wurde am 27. April eingenommen, fünf Tage vor dem Eintreffen der Alliierten. Das Befreiungskomitee für Norditalien (CLNAI) übernahm die Macht, erklärte den Ausnahmezustand, bildete Kriegsgerichte und erließ Justizdekrete. In einem Ultimatum forderte es alle italienischen Faschisten auf, bedingungslos zu kapitulieren. Basis dafür war, dass das CLNAI vom alliierten Kommando als Organ der Regierung mit »allen entsprechenden Vollmachten« anerkannt worden war. Benito Mussolini und weitere führende Faschisten, die sich geweigert hatten zu kapitulieren und unter dem Schutz einer SS-Einheit zur Schweizer Grenze flüchteten, wurden vom Tribunal des CLNAI zum Tode verurteilt. Am 28. April vollstreckte auf Weisung des Zentralen Befreiungskomitees (CLN) ein Exekutionskommando unter dem Befehlshaber der Garibaldi-Brigaden, Oberst Walter Audisio (Kampfname »Valerio«), das gegen den am Vortag festgenommenen »Duce« verhängte Todesurteil.

Nachkriegslage

Damit existierte eine klassische revolutionäre Situation: Der italienische Imperialismus war militärisch geschlagen, seine ökonomischen und politischen Positionen waren ernsthaft erschüttert. Er verfügte über keine ihm hörige Regierung mehr. Die großbourgeoisen Vertreter in der antifaschistischen Einheitsregierung befanden sich in der Minderheit und mussten lavieren.

Der PCI agierte als aus dem antifaschistischen Widerstand hervorgegangene, mit mehr als 1,5 Millionen Mitgliedern politisch einflussreiche Kraft. Die von der Partei dominierten Operationen der Partisanen hatten ihre militärische Stärke demonstriert. Von mehr als einer halben Million Widerstandskämpfer, die unter Waffen standen, waren etwa drei Viertel Kommunisten oder Sympathisanten. Der PCI stellte allein 155.000 der 256.000 Kämpfer der Partisanenarmee, und die Ortsgruppen der Partisanen, die Gruppi di Azione Patriottica (GAP), rekrutierten sich überwiegend aus Kommunisten. Alle Partisanenformationen bestanden zu 85 bis 90 Prozent aus Arbeitern und Bauern.

In der antifaschistischen Einheitsregierung hatte der PCI für die Nachkriegsordnung den Grundsatz vertreten, dass mit »der Arbeiterklasse als Hauptkraft« für »immer die Macht der imperialistischen Kräfte, die für den räuberischen Krieg und den Ruin der Nation verantwortlich sind«, gebrochen werden muss und die zu errichtende Demokratie »den rechten Kräften nicht noch einmal erlauben darf, sich in ihr wieder breitzumachen«. Obwohl damit keine sozialistischen Forderungen gestellt wurden und der PCI-Generalsekretär Palmiro Togliatti für einen parlamentarischen Weg eintrat, lehnten Faschisten, Monarchisten, die Democrazia Cristiana (DC) und andere bürgerliche Rechte, gestützt auf die von den USA geleitete Militärregierung der Alliierten, bereits Forderungen wie die des kommunistischen Finanzministers Mauro Scoccimarro nach einer Währungsreform, einer progressiven Besteuerung der Vermögen und einer außerordentlichen Abgabe für Kriegsgewinne der Rüstungsunternehmen ab. Um die Macht von PCI und Sozialistischer Partei (PSI) zu beschneiden, verlangten die DC, die nunmehr führende Partei der Großbourgeoisie, und die Liberalen bereits im Mai 1945 von der Besatzungsmacht die Entwaffnung der Partisanen. Mit der Auflösung aller ihrer Verbände im Mai/Juni kamen die USA diesen Forderungen nach und ordneten ebenso die Amtsenthebung der örtlichen Befreiungskomitees als Regierungsorgane an.

Rücktritt und Rollback

Zur gleichen Zeit allerdings, im Juni 1945, setzten die Linken den Rücktritt des Liberalen Premiers Ivanoe Bonomi und die Berufung Ferruccio Parris vom liberalsozialistischen Partito d’Azione durch. Die USA reagierten mit der Auflösung des »Hohen Kommissariats zur Verfolgung der Regimeverbrecher« und einer sogenannten Amnestie der »nationalen Versöhnung«. Damit fanden die Säuberungen im öffentlichen Dienst ein Ende. Von etwa 20.000 bis 30.000 von ordentlichen Gerichten durchgeführten oder eingeleiteten Verfahren wurden die meisten eingestellt, mehr als 11.000 bereits ergangene Urteile wurden aufgehoben oder Begnadigungen gewährt. Im August wurde die Konstituierung der Sammlungsbewegung »Uomo Qualunque« (»Jedermann«) der Musso­lini-Faschisten zugelassen.

Besonders beunruhigte die USA und die italienische Reaktion, dass der hochrangige PCI-Funktionär Luigi Longo die Basis der Partei mobilisierte, die starke Bastionen in den Betrieben von Mailand, in Turin (Sitz der FIAT-Zentrale) und der Hafenstadt Genua hatte. Vor dem Provinzkomitee in Rom forderte Longo im Oktober, gegen »alle faschistischen Überbleibsel« vorzugehen, gegen »die Magnaten der Industrie, der Finanz und des Großgrundbesitzes«. Man müsse »gegen die Reaktion marschieren, die sich um die Monarchie gesammelt hat«, führte er da aus.

In den USA arbeitete man da bereits an der Absetzung des ungeliebten Premiers. Anfang November forderte der Präsident der Bank of America, der Italoamerikaner Amadeo Giannini, vor Spitzen aus Industrie- und Finanzkreisen in Rom Parris Sturz, wenn die italienischen Partner weitere »Finanzhilfen« erhalten wollten. Am 22. November folgten die Liberalen und drei Tage später die DC der Weisung aus Washington und provozierten mit dem Rücktritt ihrer Minister eine Regierungskrise. Parri musste zurücktreten. Christdemokraten und Liberale setzten am 6. Dezember die Berufung von Alcide De Gasperi von der DC durch. PCI und PSI verblieben in der Regierung mit dem Ziel, den rechten Vormarsch aufzuhalten und antifaschistische Grundsätze der Resistenza zu verteidigen. Das gelang ihnen nicht einmal zwei Jahre lang.

Mit Kommunisten und Sozialisten verbündet: Ferruccio Parri

Ferruccio Parri, geboren am 9. Januar 1890 in der Nähe von Turin, gestorben am 8. Dezember 1981 in Rom, war Mitbegründer und Führer des liberalsozialistischen, antimonarchistischen Partito d’Azione. Er beteiligte sich an der Resistenza, dem antifaschistischen Widerstandskampf gegen die Naziokkupanten, und wurde zum Vorsitzenden des Nationalen Befreiungskomitees von Oberitalien (CLNAI), das de facto die Regierungsgeschäfte ausübte, gewählt. Zusammen mit Luigi Longo vom PCI und Sandro Pertini vom PSI war er Organisator der Partisanenarmee. Nach Kriegsende war er von Juni bis November 1945 Ministerpräsident (und zugleich Innenminister) der antifaschistischen Einheitsregierung und sollte zwischen den rechten und den linken Kräften im Kabinett vermitteln. Nach dem demonstrativen Rücktritt der liberalen und christdemokratischen Minister verließ Parri am 24. November das Ministerratspräsidium, berief im Innenministerium eine Pressekonferenz ein und sprach dort von einem Staatsstreich. Anschließend erklärte er gegenüber dem Nationalen Befreiungskomitee seinen Rücktritt, und nicht, wie gesetzlich vorgeschrieben, gegenüber dem Statthalter, General Umberto di Savoia. Parri war ein mit Kommunisten und Sozialisten eng verbundener kleinbürgerlicher radikaler Demokrat. 1963 wurde er zum Senator auf Lebenszeit ernannt. Gerhard Feldbauer

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