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Aus: Ausgabe vom 21.11.2020, Seite 7 / Ausland
Italien

Obdachlose außen vor

Italien: Menschen ohne Unterkunft bei staatlichen Coronahilfsmaßnahmen nicht mitbedacht
Von Gerhard Feldbauer
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In Italiens leeren Straßen sichtbar geworden: Obdachlose (Venedig, 14.4.2020)

Die Coronapandemie hat in Italien zu einer bisher nicht gekannten Zunahme der Armut geführt. Zu diesem Ergebnis kommt ein am 17. Oktober – dem Internationalen Tag der Beseitigung der Armut – veröffentlichter Bericht der Caritas Italien. Angesichts des Gesundheitsnotstands ist der Anteil der Armen an der Bevölkerung demnach von 31 Prozent im September 2019 auf 45 Prozent im September 2020 gestiegen. Und die Zahl der Bedürftigen nehme ständig zu: Hunderttausende haben ihre Arbeit verloren, viele im Zuge dessen auch die Wohnung. Familien mit Kindern stehen völlig mittellos da.

Die Pandemie und der Lockdown haben auch dafür gesorgt, dass die »Unsichtbaren« sichtbar wurden: Straßen und Plätze sind oftmals leer. Zumeist befinden sich dort nur noch die Obdachlosen. In Rom schlafen sie rund um die Gegend am Bahnhof Termini, in Trastevere, Esquilino, auf der Via Nazionale und in der Nähe des Vatikans. Während der Wintermonate ist die Angst um die Gesundheit der Obdachlosen noch größer, denn die Zahl der geschützten Plätze in den Aufnahmezentren ist aufgrund der notwendigen Abstände oder vorübergehender Schließungen zurückgegangen.

Für sie, die ohnehin aus der Gesellschaft ausgegrenzt sind, hat es einen bitteren Beigeschmack, wenn die Menschen in Quarantäne geschickt werden und »ihre Wohnungen« nicht verlassen dürfen. Der Situation von Obdachlosen in Rom widmete die italienische Nachrichtenagentur ANSA am Sonntag eine längere Reportage, denn sie tauchen nicht in den Coronahilfsmaßnahmen der Regierung auf. Wie viele Menschen in der Hauptstadt auf der Straße leben, sei nicht genau bekannt. Die von der rechten »Fünf-Sterne-Bewegung« (M5S) geführte Stadtverwaltung nenne keine Zahlen, doch es werde geschätzt, dass es mehr als 8.000 sind. In Rom gibt es für sie jedoch weniger als 800 Plätze, wobei diese weiter reduziert werden.

Ohne Unterstützung wären die Obdachlosen dem Verhungern und im einbrechenden Winter dem Erfrieren ausgesetzt. Hilfe kommt beispielsweise vom Italienischen Roten Kreuz. Dessen Gebietskomitees in Rom, Mailand, Catania, Palermo, Neapel und Benevento haben seit Ausbruch der Pandemie ihre Aktionen für Obdachlose um sechs Prozent gesteigert und ganze 48.455 Mal interveniert, berichtete ANSA. Besonderer Bedarf bestand an Mahlzeiten, Kleidung und medizinischen Utensilien wie Mund-Nasen-Schutz oder Desinfektionsgel. In einigen Städten wurden Duschmöglichkeiten organisiert.

Laut der Leiterin des Empfangsbereichs der Caritas-Herberge in der römischen Via Marsala, Roberta Molina, gebe es immer mehr Menschen, die auf der Straße leben, darunter häufig »gesundheitlich besonders gefährdete Personen«. Sie kritisierte, das Thema stünde »ganz unten auf der politischen Tagesordnung«. Hilfe leistet ebenfalls die katholische Laiengemeinschaft Sant’Egidio, die in der Hauptstadt während des ersten Lockdowns 30.000 sowie in Palermo und Neapel 3.500 bzw. 2.500 Lebensmittelpakete verteilte. Sie unterhält Suppenküchen und kostenlose Essensausgaben. Auch Papst Franziskus hatte zum Welttag der Armen dazu aufgerufen, diese nicht zu vergessen. In der Ambulanz unter den Kolonnaden am Petersplatz wurden Tupfer und Grippeimpfstoffe für die täglich rund 50 dort in den Schlafsälen Beherbergten kostenlos zur Verfügung gestellt.

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