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Aus: Ausgabe vom 20.11.2020, Seite 5 / Inland
Tarifpolitik

Mitgliederoffensive bei GDL

Lokführergewerkschaft will stärkste Interessenvertretung bei Deutscher Bahn werden
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Lokführergewerkschaft GDL fordert Bahn-Management und Konkurrenzgewerkschaft EVG gleichermaßen heraus

Die Ansage ist eindeutig: Nach der jüngst gescheiterten Tarifschlichtung bei der Deutschen Bahn (DB AG) will die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) ihren Einflussbereich im Konzern ausweiten. »Wir öffnen uns: Wir werden als GDL die vereinte Kraft der Eisenbahner in diesem Lande abbilden«, gab der Vorsitzende Claus Weselsky am Donnerstag bei einer Onlinepressekonferenz in Dresden als Ziel aus.

Demnach hatten der Hauptvorstand und die Bundestarifkommission der GDL am 17. und 18. November 2020 in der sächsischen Landeshauptstadt entschieden, die gewissermaßen selbst auferlegte Beschränkung auf das Zugpersonal aufzugeben und Verantwortung für das Gesamtsystem Eisenbahn und die dort vertretenen systemrelevanten Berufsgruppen zu übernehmen. Nicht nur das: In den nächsten Monaten wolle man, so Weselsky, ausreichend Mitglieder gewinnen, um die Tarifverträge der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) in allen wichtigen Bereichen der Eisenbahn hierzulande verdrängen zu können. Die EVG ist die mit der GDL konkurrierende DGB-Einzelgewerkschaft.

Weselsky monierte des weiteren, von der DB AG und ihrem »Arbeitgeberverband« Move in eine Schlichtung gezwungen worden zu sein. »Wir lassen uns aber nicht die Butter vom Brot nehmen«, sagte er. Hintergrund dieser Diskussion ist das sogenannte Tarifeinheitsgesetz, demzufolge in einem Betrieb lediglich ein Tarifabschluss mit der mitgliederstärksten Gewerkschaft gilt. In diesem Zusammenhang nannte der GDL-Chef die EVG erneut einen »willfährigen Steigbügelhalter des Arbeitgebers«. Weselsky verstieg sich sogar zu der Aussage, wonach die EVG als »Wasserträger der Gegenseite« nicht mehr als Gewerkschaft bezeichnet werden könne.

Die Bahn hatte im September mit der EVG einen Tarifabschluss erzielt. Nach dem Einnahmeeinbruch in der Coronakrise sieht er deutlich niedrigere Entgelterhöhungen vor als in den Jahren zuvor. Dafür erhielten die Mitarbeiter eine Beschäftigungsgarantie. Inzwischen fordert die EVG zusätzlich einen »Coronabonus«.

In einer Schlichtung unter Leitung des früheren brandenburgischen ­Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD) hatte die Bahn versucht, auch mit der GDL einen neuen Tarifabschluss auf der Basis der EVG-Ergebnisse zu erzielen. Darauf wollte sich die Lokführergewerkschaft nicht einlassen, sieht darin eine »bewusste Abkehr von der bisher gelebten Praxis der Tarifpluralität.« Zumal der mit der GDL ausgehandelte Tarifvertrag erst Ende Februar 2021 ausläuft. Bis dahin gelte die Friedenspflicht, sagte Weselsky, um im selben Atemzug eine indirekte Kampfansage Richtung DB AG zu verkünden: »Ich drohe nicht mit künftigen Streiks, denn alle Welt weiß, dass wir streiken können.« (dpa/jW)

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