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Aus: Ausgabe vom 18.11.2020, Seite 16 / Sport
Mixed Martial Arts

Leben für den Ring

Mixed Martial Arts: Walentina Schewtschenko kämpft am Sonnabend um den UFC-Titel
Von Rouven Ahl
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Im Striking die Beste: Walentina Schewtschenko (r.) im Duell mit Katlyn Chookagian (Houston, 8.2.2020)

Was treiben profilierte Mixed-­Martial-Arts-Kämpferinnen so in ihrer Freizeit? Walentina Schewtschenko spielt Ukulele. Während eines Urlaubs in Hawaii 2015 entbrannte ihre Leidenschaft für das Saiteninstrument. Das erzählte die gebürtige Kirgisin Mitte April dieses Jahres im Podcast von Journalist Ariel Helwani. Und gab dort eine Kostprobe ihres Könnens.

An gleicher Stelle berichtete die 32jährige von ihrer Knieverletzung, die sie für längere Zeit vom Ring fernhielt. Der letzte Kampf von Schewtschenko (19 Siege, drei Niederlagen) war im Februar 2020, also noch vor dem Ausbruch der Coronapandemie. Damals besiegte sie souverän Katlyn Chookagian (USA) und verteidigte ihren Titel im Fliegengewicht der UFC, der größten und bekanntesten Liga für Mixed Martial Arts (MMA). Ein anderes Ergebnis wird von den meisten Fans und Experten auch für ihren nächsten Kampf gegen Jennifer Maia am kommenden Sonnabend in Las Vegas nicht erwartet. Zwar gilt Maia als fähige Kampfsportlerin; Schewtschenko im Zweikampf zu besiegen sollte für die 32jährige Mexikanerin (18 Siege, sechs Niederlagen) aber ein äußerst schwieriges Unterfangen werden. Für Schewtschenko ist es die vierte Titelverteidigung.

»Jede Kontrahentin von Schew­tschenko im Fliegengewicht hat letztendlich einen Kampf gegen Windmühlen vor sich«, so Experte und Ex-UFC-Athlet Dan Hardy in einem Vorschauvideo. Schewtschenko ist durch und durch Kampfsportlerin. Bereits in früher Kindheit hatte sie mit Taekwondo begonnen, ist Trägerin des schwarzen Gürtels. Auch im Thaiboxen reüssierte sie später.

»Ich kann mir ein Leben außerhalb des Rings nicht vorstellen, weil diese Welt mir alles bedeutet«, so Schew­tschenko 2010 in einem Interview mit der spanischen Zeitung Marca. Das liegt wohl in der Familie. Ihre Mutter hat ebenfalls einen schwarzen Gürtel in Taekwondo, derweil Schewtschenkos Schwester Antonina mittlerweile auch in der UFC angekommen ist.

Walentina Schewtschenko hat sich dort bisher als komplette Kämpferin präsentiert, die ihre Gegnerinnen mit ihrer Vielseitigkeit regelmäßig zur Verzweiflung bringt. Technisch und taktisch ist sie herausragend, kämpft kontrolliert und nutzt die kleinsten Fehler ihres Gegenübers aus. Kommentator Joe Rogan sagte während ihres letzten Kampfs, dass es im Striking (Schlagen mit den Fäusten) in der gesamten UFC »technisch wohl kaum bessere« Kämpferinnen gebe. Wenn es darum geht, die Gegnerin auf den Boden zu bringen, zeigt sie außerdem ihre Fähigkeiten im Judo.

Getrübt wird Schewtschenkos sportliche Bilanz in der UFC lediglich von zwei Niederlagen gegen Amanda Nunes. Die 32jährige Brasilianerin gilt als weltbeste MMA-Kämpferin, gleich danach kommt Schewtschenko. Vor allem der letzte Kampf zwischen den beiden im September 2017 war eine knappe Angelegenheit, Nunes siegte nach Punkten. Die beiden trafen damals im Bantamgewicht aufeinander. Schewtschenko trat später den Gang in die leichtere Gewichtsklasse an. Gerüchte über ein drittes Aufeinandertreffen der beiden gibt es freilich immer wieder.

Beim Einmarsch Richtung Käfig präsentiert Schewtschenkos Team neben der Flagge Kirgistans die von Peru. 2007 kam Schewtschenko in das südamerikanische Land, um dort Kickboxen zu unterrichten. Nach eigener Aussage verliebte sie sich in das Land, machte es zu ihrem Lebensmittelpunkt und nahm die peruanische Staatsbürgerschaft an.

Mittlerweile hat sich Schewtschenko auch außerhalb des Kampfsportuniversums einen Namen gemacht. Im neuen Film von Oscar-Preisträgerin Halle Berry, »Bruised«, konnte sie eine Rolle ergattern. Berry, die als großer Fan des Sports gilt, spielt hier eine MMA-Kämpferin. Ein Zeichen dafür, dass der lange als hirnlose Prügelei verschriene Sport mittlerweile den Weg in den Mainstream gefunden hat. Was sicher auch an Athletinnen wie Schewtschenko liegt, die nicht allein durch ihre sportlichen Fähigkeiten überzeugt, sondern abseits des Käfigs mit einnehmendem Auftreten einen Kontrapunkt zum immer noch verbreiteten Brutaloimage setzt. Überhaupt: Wer Ukulele spielt, kann kein schlechter Mensch sein.

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