Gegründet 1947 Montag, 30. November 2020, Nr. 280
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Aus: Ausgabe vom 14.11.2020, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Borschtsch à la truite

Von Maxi Wunder

Genervt betritt Chef Udo den Laden, die Lockdownstrapazen sind ihm anzumerken. Er schmeißt einen Stapel weißer T-Shirts auf den Tresen, die vorne mit »Je suis Udo« bedruckt sind. »Was soll das denn?«, fragt Roswitha auf der Suche nach dem Telefon. »Das zieht ihr jetzt an! Ist nämlich für Menschen, die sich mit mir solidarisieren, nach all dem, was mir auf der Anti-Corona-Demo in Leipzig angetan wurde! Kannste angucken im Youtube.« – »Ach, das Filmchen, wo du auf den Po fällst, weil dich ’n Bulle geschubst hat, als du die Absperrung durchbrechen wolltest? Entschuldige bitte, aber das war ja wohl selbst eingerührt, wenn ich als Köchin mal so sagen darf, und – mit Verlaub – je ne suis pas Udo!«

Udo holt Luft zum Gegenangriff, doch es naht Kundschaft. Das »Probierstübchen« betreibt auflagenbedingt Außerhausverkauf: »Bütte einmal – öhm – Bortschuschuh …« – »Nehmen Sie gefälligst die Maske ab, wenn Sie mit mir reden!« herrscht Udo den jungen Mann durchs Fenster an, »Sie stehen an der frischen Luft, wir haben Ostwind, die Viren fliegen nach links, Ihr Hintermann steht rechts von Ihnen, kann also gar nüscht passieren! Ihr müsst mal ’n bissl querdenken in eurem Pandemiewahn! Hier ist nämlich bald Revolution, so!« – »Revolution ist nur die sehnsüchtige Empörung nach einer geliebteren Faust!«, brülle ich aus der Küche, in die der Ostwind Udos Aluhutgerede getragen hat, und zitiere damit den anarchistischen Gourmet Walter Serner. »Du hältst mal schön die Klappe, Fräulein!«, dröhnt Udo zurück. Und zum Gast: »Hören Sie der nicht zu, die ist westsozialisiert!« Frechheit! Ich stürme in Schürze nach vorne: »Wer steht denn hier am Herd und schuftet für euch?!« Aber Rossi deeskaliert und drückt mir das Telefon in die Hand. »Hier, ich lös’ dich in der Küche ab.«

Der inzwischen demaskierte Gast deutet schüchtern auf unseren französisch-russischen Wintereintopf: »Das hier bitte!« Er tut gut daran, denn auch ohne Nuscheltuch vorm Mund ist die leckere Suppe unaussprechlich: Borschtsch chou chinois à la truite:

Zwei Zwiebeln halbieren und in Streifen schneiden. 1 Tl Koriandersaat in einem Mörser grob zerstoßen. Ein Pfund Kartoffeln schälen und in 2 cm große Würfel schneiden. Einen halben Esslöffel Butter in einem Topf zerlassen und die Zwiebeln 2 Min. darin dünsten. Koriandersaat und Kartoffeln zugeben und 3 Min. mitdünsten. 500 ml Gemüsebrühe darüber, aufkochen und bei mittlerer Hitze abgedeckt 20 Min. garen. 400 g Chinakohl putzen und in 2 cm breite Streifen schneiden. 400 g Rote Beete schälen und in 2 cm große Würfel schneiden (Einweghandschuhe verwenden, weil Rote Beete stark färbt). Ein geräuchertes Forellenfilet (ca. 70 g) in kleine Stücke zupfen und mit 150 g Crème fraîche verrühren. Chinakohl und Rote Beete in den Topf geben, untermischen und zugedeckt 5 Min. mitgaren. Eintopf mit Salz, Pfeffer und Zitronensaft würzen. Mit der Forellencreme servieren. Reicht für drei Personen.

»Bagen Bie mal, wap prinkt man denn bapu?« fragt die nächste Kundin in der Schlange, die renitenterweise ihre Maske nicht absetzen will. »Kbas!« veräppelt sie Udo. »Was?« – »Kwas!!!«

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