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Aus: Ausgabe vom 14.11.2020, Seite 15 / Geschichte
Geschichte der Arbeiterbewegung

Rote Verbände

Vor 90 Jahren billigte ein Reichskongress der Revolutionären Gewerkschaftsopposition den Aufbau kommunistischer Richtungsgewerkschaften
Von Leo Schwarz
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Kämpft mit der RGO: Demonstration am 1. Mai 1932 im sächsischen Dohna

In den Jahren 1929 und 1930 geriet der von sozialdemokratischen Funktionären beherrschte Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) in eine Krise. Zwar hatten die angeschlossenen Gewerkschaften den scheinbar unaufhaltsamen Rückgang der Mitgliederzahl nach dem Höchststand des Jahres 1920 (7,9 Millionen) am Vorabend der Weltwirtschaftskrise vorerst gestoppt, doch zeigte sich nun, dass die mit der Parole der »Wirtschaftsdemokratie« zusammengefasste Strategie der mit 4,9 Millionen Mitgliedern weitaus größten deutschen Arbeiterorganisation in eine Sackgasse geraten war: Während die Unternehmerverbände immer konfrontativer auftraten, setzten die ADGB-Gewerkschaften weiterhin auf Kooperation und in Konfliktfällen auf das System staatlicher Zwangsschlichtung. Dieser Ansatz hatte sich bereits im Herbst 1928 beim sogenannten Ruhreisenstreit blamiert und machte 1930 mit der Ausbootung der SPD aus der Reichsregierung sowie den ersten Schiedssprüchen (wie beim Berliner Metallarbeiterstreik im Oktober 1930) und Notverordnungen, mit denen Tarifverträge außer Kraft gesetzt und Löhne gesenkt wurden, endgültig bankrott.

Dennoch hielt die ADGB-Spitze an ihrem Kurs fest, der – unter vollkommen veränderten Bedingungen – auf eine Neuauflage der Politik der »Arbeitsgemeinschaft« von 1918 und auf ein Zurückweichen vor der Unternehmeroffensive und dem einsetzenden autoritären Staatsumbau hinauslief. Sie hatte dabei allerdings mit einer wachsenden Opposition in den einzelnen Gewerkschaftsverbänden zu kämpfen, über die der Vorsitzende der Schuhmachergewerkschaft, Josef Simon, 1931 im Bundesausschuss des ADGB klagte: »Einer unserer größten Betriebe hat uns die Beitragssperre angedroht; man sagt, was brauchen wir Gewerkschaften, wenn die von den Gewerkschaften tolerierte Regierung die Löhne festsetzt.«

Eigene Listen

Das war die Situation, in der die KPD im Herbst 1930 damit begann, die Revolutionäre Gewerkschaftsopposition (RGO), die bis dahin als organisierte Fraktion innerhalb der »freien« Gewerkschaften auf- und als solche seit 1929 auch mit eigenen (»roten«) Listen bei Betriebsratswahlen angetreten war (1929 waren das etwa 150, 1930 knapp 600, 1931 etwas mehr als 1.000), in eine kommunistische Richtungsgewerkschaft umzuwandeln – wozu auch die Bildung von Branchengewerkschaften (»Einheitsverbänden«) gehörte. Die 340 Teilnehmer des zweiten Reichskongresses der RGO, der am 15. und 16. November 1930 in Berlin stattfand, stellten dafür die Weichen.

Der V. Kongress der Roten Gewerkschaftsinternationale (RGI) hatte diese Orientierung im August 1930 vorgegeben: Die kommunistischen Parteien in bestimmten Ländern, »wo eine organisatorisch gefestigte große revolutionäre Gewerkschaftsopposition besteht«, sollten ihre Mitglieder und Anhänger nicht mehr dazu auffordern, den reformistischen Gewerkschaftsverbänden beizutreten, sondern sich an den Aufbau selbständiger kommunistischer (»revolutionärer« oder »roter«) Gewerkschaften machen.

In Deutschland wurde diese Linie allerdings keineswegs mit letzter Konsequenz umgesetzt. Schon in Moskau hatten Fritz Heckert, der KPD-Vertreter bei der RGI, und Franz Dahlem, der die RGO-Delegation leitete, sie eher verhalten gebilligt. Der RGO-Kongress im November 1930 fasste Beschlüsse, die bei näherem Hinsehen widersprüchlich waren. Einerseits konstituierte sich die RGO als selbständige Organisation, die die Gründung »roter Verbände« betrieb – der erste war der Einheitsverband der Metallarbeiter Berlin (EVMB), es folgten unter anderem der Einheitsverband der Bergarbeiter Deutschlands (EVBD) und der Einheitsverband der Land- und Forstarbeiter. Andererseits sollten auch weiterhin Mitglieder von ADGB-Gewerkschaften für die RGO gewonnen werden, um dann in diesen Organisationen Oppositionspolitik im Sinne der RGO zu machen. Ausdrücklich wurde auf die Notwendigkeit der Arbeit in den »freien« Gewerkschaften hingewiesen. Die RGO wollte also Fraktion und Sonderorganisation zugleich sein. Das entsprach, streng genommen, nicht den Beschlüssen der RGI, und zeigt die Vorbehalte gegenüber dieser Linie in der KPD-Führung. Die hatten im Frühjahr 1930 schon zur Absetzung des damaligen RGO-Reichsleiters Paul Merker geführt, nachdem dieser dazu übergegangen war, auch die einfachen Mitglieder der freien Gewerkschaften und der SPD als »sozialfaschistisch« zu attackieren.

Noch bei der ersten Reichskonferenz der RGO Ende 1929 hatten rund 800 der etwa 1.100 Teilnehmer einer ADGB-Gewerkschaft angehört; die anderen waren Ausgeschlossene und Unorganisierte. Für die kommunistische Gewerkschaftsopposition sollten, hatte es im Juni 1929 beim 12. Parteitag der KPD in Berlin geheißen, »nicht Anwärter auf Invaliden- oder Altersrente nach 20jähriger Mitgliedschaft, die in jeder Versammlung für die Sozialimperialisten stimmen«, gewonnen werden, sondern »Klassenkämpfer«. Die Partei zielte dabei neben den Unorganisierten auf die vor allem von jüngeren Arbeitern getragene innergewerkschaftliche Opposition, gegen die freilich viele ADGB-Verbände schon zu diesem Zeitpunkt mit einer rigorosen Ausschlusspolitik vorgingen. Ein besonderes Merkmal der RGO-Politik war darüber hinaus der Ansatz, die betrieblichen Kämpfe mit der Mobilisierung der Erwerbslosen zu verbinden.

Viele Parteilose

Marxistische Historiker – nicht nur in der DDR – haben diese »ultralinke Wende« der KPD-Gewerkschaftspolitik überwiegend kritisiert und einen »sektiererischen« Fehler genannt. Tatsächlich lassen sich gewichtige Einwände vorbringen. Verwiesen wurde etwa auf die vor dem Hintergrund des immer drängenderen Problems der Abwehr der faschistischen Gefahr hochproblematische organisatorische Absonderung und weitere Isolation der kommunistischen Arbeiter von der Masse der gewerkschaftlich organisierten Belegschaften (verschärft ohnehin dadurch, dass mit Beginn der Wirtschaftskrise in der Regel die Kommunisten die ersten waren, die von den Unternehmen entlassen wurden). Bemängelt wurde auch die fehlerhafte politische Analyse, die der neuen Linie zugrunde lag: Die KPD habe die Streikkämpfe am Vorabend und zu Beginn der Weltwirtschaftskrise »als erste Anzeichen einer breiten Linksentwicklung und Radikalisierung« der Arbeiterklasse gedeutet und so »den ökonomisch-sozialen Defensivcharakter dieser Kämpfe« (Jürgen Harrer/Witich Roßmann) verkannt.

Das ist alles nicht falsch, aber eben auch eine Argumentation, die vor dem Hintergrund der Katastrophe des Jahres 1933 urteilt und außerdem dazu neigt, die Handlungsspielräume und die Reichweite der Beschlüsse der KPD-Spitze zu überschätzen. Neuere Forschungsliteratur – hervorzuheben ist die Studie von Stefan Heinz über den EVMB – scheint nahezulegen, dass es sich bei der RGO-Politik nicht in erster Linie um eine »Parteiveranstaltung« handelte, sondern um einen Reflex auf die authentische Radikalisierung gewerkschaftlich organisierter und unorganisierter Arbeiter, die mit den ADGB-Gewerkschaften nichts mehr anfangen konnten, aber weiterhin Kämpfe im Betrieb – und zwar offensiv – führen wollten. Heinz etwa weist die alte Denunziation, hier seien »Moskaus Söldner« am Werk gewesen, ausdrücklich zurück und betont die »relative Autonomie« des EVMB gegenüber der Partei. Schon länger ist bekannt, dass drei Viertel der RGO-Mitglieder – 1932 etwa 300.000 bei hoher Fluktuation – parteilos waren.

1929/30 stand die KPD also vor der Frage, wie mit dieser Tendenz umzugehen war. Hier gab es im Grunde nur zwei Optionen. Die Partei konnte, wie sie das seit 1925 getan hatte, diese »nach links« drängenden Arbeiter weiter zur Mitarbeit in den ADGB-Gewerkschaften auffordern und damit an eine Organisation ketten, die – ihr Untergang 1933 hat das abschließend bewiesen – zu jeder Anbiederung und Kapitulation bereit war. Oder sie entschloss sich trotz aller Risiken dazu, einen für die Partei ansprechbaren und handlungsfähigen gewerkschaftlichen Organisationskern zu schaffen. Es überzeugt nicht, die Entscheidung für letzteres einfach als »falsch« zurückzuweisen.

Auch der Verweis darauf, dass die RGO als Organisation keine Erfolgsgeschichte war und die roten Verbände »Splitterorganisationen« blieben, führt hier nicht sehr weit. Sie hatten nur etwas mehr als zwei Jahre Zeit, um sich zu entwickeln – und zwar in einer Wirtschaftskrise mit extremer Massenarbeitslosigkeit, in der die ADGB-Gewerkschaften weit mehr als eine Million Mitglieder verloren. Die RGO verzeichnete durchaus lokale Erfolge, etwa in einigen großen Metall- und Verkehrsbetrieben sowie im Ruhrbergbau, wo die »roten« Listen 1931 eine beachtliche Zahl der Betriebsratsmandate gewannen. Dennoch blieb die Gesamtbilanz bei diesen letzten Betriebsratswahlen vor der Errichtung der faschistischen Diktatur – 1932 wurden sie durch eine Notverordnung unterbunden – mager: Etwas mehr als 4.500 RGO-Mandaten standen 115.000 Mandate der ADGB-Gewerkschaften gegenüber (darunter allerdings nicht wenige Betriebsräte mit KPD-Parteibuch).

1935 beendete die KPD-Führung das Experiment mit den kommunistischen Richtungsgewerkschaften. Zu diesem Zeitpunkt existierten in Deutschland immer noch einige RGO-Strukturen, die sich aus der Illegalität heraus am antifaschistischen Widerstand beteiligten.

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