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Aus: Ausgabe vom 07.11.2020, Seite 5 / Inland
Prekäre Jobverhältnisse

Unfaire Landarbeit

Bericht: Coronakrise bedeutet für Saisonkräfte erhöhtes Gesundheitsrisiko und noch schlechtere Arbeitsbedingungen
Von Bernd Müller
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Pure Plackerei: Osteuropäische Saisonkräfte schuften oft ohne angemessenen Infektionsschutz auf den Feldern

Die deutsche Landwirtschaft wäre ohne die Saisonarbeiter aus Ost- und Südosteuropa verloren, das hat die Coronakrise im Frühjahr deutlich gemacht. Doch behandelt werden sie oftmals wie Knechte auf einem Gutshof. Die Initiative »Faire Landarbeit« hat am Donnerstag ihren aktuellen Bericht über die Arbeitsbedingungen vorgelegt, mit denen viele Osteuropäer in diesem Jahr konfrontiert waren.

Einer von ihnen ist Darian. In Wirklichkeit heißt er anders; um ihn zu schützen, wurde sein Name in dem Bericht geändert. Darian kommt aus Rumänien, und seit mehreren Jahren arbeitet er in Deutschland bei der Spargelernte. In den vergangenen Jahren habe es keine Probleme gegeben, sagte er, die Leute hätten ihr Geld ganz normal bekommen und seien dann nach Hause gefahren – in diesem Jahr war es allerdings anders.

Die Arbeit sei sehr schwer gewesen: 14 bis 18 Stunden mussten die Arbeiter am Tag schuften – jeden Tag, auch wenn es regnete. Zwei Monate und zehn Tage habe man bei jedem Wetter ohne Pause gearbeitet und nicht einmal einen halben Tag Ruhe gehabt; dann habe es gereicht: Die Arbeiter seien zum Chef gegangen und hätten ihm gesagt, dass sie nach Hause fahren wollten. Doch der zahlte ihnen das Geld nicht aus und bestand darauf, dass sie bis zum Ende der Saison bleiben.

Dass sich die Arbeitsbedingungen in diesem Jahr in der landwirtschaftlichen Saisonarbeit deutlich verschlechtert haben, liegt an den Folgen der Coronapandemie – aber nicht nur. Durch »Lockdown« und Reisebeschränkungen reisten deutlich weniger Personen für die Landarbeit ein als in den Vorjahren. Der Verband der Süddeutschen Spargel- und Erdbeeranbauer (VSSE) schätzte nach einer Mitgliederbefragung, dass 2020 rund 27 Prozent weniger Saisonarbeitskräfte in der Spargel- und Beerenernte tätig waren als ein Jahr zuvor. Wo ansonsten rund 146.000 Menschen arbeiteten, waren es in diesem Jahr nur etwa 106.000. In der Folge stieg die Arbeitsbelastung enorm an.

Die Coronakrise erlaubte es den Bauernverbänden allerdings auch, langgehegte Forderungen endlich umzusetzen. Nicht nur die Arbeitszeit wurde deutlich ausgedehnt, sondern auch die sozialversicherungsfreie Beschäftigungszeit. Statt der bislang geltenden 75 Tage durften Saisonarbeiter nun 115 Tage sozialversicherungsfrei beschäftigt werden.

Möglich machte das die enge Verbindung zwischen Agrarlobby und Bundeslandwirtschaftsministerium, schreibt die Initiative »Faire Landarbeit« in ihrem Bericht. Am 16. März, neun Tage bevor der Einreisestopp verkündet wurde, saß demnach Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) mit Vertretern mehrerer Agrarverbände an einem Tisch und sprach über Regeln für die Einreise von Saisonarbeitern nach einer möglichen Schließung der deutschen Grenzen.

Am 2. April wurde dann ein »Konzeptpapier« des Bundeslandwirtschaftsministeriums und des Innenministeriums veröffentlicht. In ihm fanden sich laut »Faire Landwirtschaft« fast alle Forderungen der Bauernverbände wieder, die zuvor vorgebracht wurden. Gewerkschaften wurden nicht beteiligt.

Durch die Regelungen für den Infektionsschutz und die Sonderregeln für die Landwirtschaft wurden die Saisonarbeiter noch abhängiger vom Betrieb. Nach Ankunft sollten sie beispielsweise für zwei Wochen in Quarantäne – aber auch gleichzeitig arbeiten. Konnten sie in den Vorjahren den Betrieb einfach verlassen, wenn die Jobverhältnisse schlecht waren, so verhinderten dies nun die Quarantänebestimmungen.

Hygieneregeln wurden in dem »Konzeptpapier« zwar definiert, kontrolliert wurden sie offenbar kaum. Darüber berichtet Adina. Sie ist ebenfalls eine rumänische Arbeiterin, die mit rund 600 anderen Menschen in einem Betrieb bei der Gurkenernte arbeitete. Trotz Pandemie mussten vier bis fünf Personen in einem Container übernachten; mehr als 100 Personen teilten sich ein Bad. Fuhren sie auf die Felder, so seien auch etwa 100 Personen in einem Bus gewesen, und bei der Ernte hätten sie dicht nebeneinander auf dem Traktor liegen müssen. Fazit: Die Agrarwirtschaft hierzulande ist von fairen Jobs mit Infektionsschutz bei Saisonkräften weit entfernt.

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