Die jW-Serie »Wohnen im Haifischbecken«
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Die jW-Serie »Wohnen im Haifischbecken«
Aus: Ausgabe vom 31.10.2020, Seite 10 / Feuilleton
Comic

Lederjacken aus der Hölle

Comicempfehlungen für ein pandemisches Halloween
Von Michael Streitberg
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Herr Merz, sind Sie’s? In »Baltimore« überrennen Untote Europa

Kein »Süßes oder Saures« für Kinder, keine Kostümbälle für die Älteren: Halloween, die Nacht der Wesen aus der Anderswelt und des Unheimlichen in all seinen Facetten, wird in diesem Jahr anders sein als gewohnt. Eine Pandemie, die dem Rambazamba im Freien oder im Club entgegensteht, drängt Freunde der Finsternis zur Ruhe.

Was also kann man tun, nachdem man einen kunstvollen Kürbiskopf geschnitzt und ans Fenster gestellt hat? Horrorklassiker schauen. Oder lesen: Auch im Comic sind die Gestalten, welche Alpträume bevölkern, seit jeher allgegenwärtig. Ein ikonisches Werk, in dem Volksmärchen, Pulp-Romane und manches mehr kongenial zu einem eigenen Universum verwoben werden, ist zweifelsohne Mike Mignolas »Hellboy«. Sein halbdämonischer Held wird in der Endphase des Zweiten Weltkriegs im Auftrag okkultistischer Nazis aus der Hölle auf die Erde geholt. Der Plan der Faschisten, ihn zur Superwaffe zu machen, misslingt jedoch: Hellboy wird von den Alliierten aufgegriffen und wächst in den USA in der Obhut des Professors Trevor Bruttenholm heran. Alsbald wird er Teil der »Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen«, B.U.A.P. (im Original: B.P.R.D). Hellboy zieht in den Kampf, nicht nur gegen untote Nazis; seine vielen Einsätze führen ihn etwa auch nach Mexiko oder direkt zurück in die Hölle. Doch wohin es ihn auch verschlägt: Der rauhbeinige Lederjackenträger mit Hörnerstumpen und Superfaust, der Höllengestalten verkloppt und Pfannkuchen mit Ahornsirup verspeist, bleibt eine der coolsten Säue der Comicwelt. Besonders seine von Mignola gezeichneten Abenteuer bestechen durch expressive Bilderwelten, in denen Gothic Horror, Abstraktion und Popart ineinanderfließen. Sie sind Meisterwerke des graphischen Erzählens.

Doch auch andere Zeichner und Autoren haben innerhalb des ausufernden, gern als »Mignolaverse« bezeichneten Kosmos von Hellboy, B.P.R.D. und Co. herausragende Werke erschaffen. Eines davon ist die von Mignola und Christopher Golden geschriebene und von Ben Stenbeck gezeichnete Serie »Baltimore«, deren Protagonist John Baltimore durch ein in Krieg und Pest versinkendes Europa der 1910er Jahre jagt. Es ist eine Welt voller Dämonen und Vampire, denen auch Baltimores Frau zum Opfer fiel und an deren Anführer Hagius er sich nun rächen will. Die actionreiche Serie ist ein spektakuläres, zugleich im besten Sinne klassisches Genrewerk. Stenbecks Zeichnungen wirken im Vergleich zu denen Mignolas weniger experimentell, auch hinsichtlich des Seitenlayouts. Wenn jedoch untote Taucheranzugträger dem Meer entsteigen oder in finsteren Wäldern der Nebel wabert, zeigt sich sein großes Können. Leider verliert die Serie in der zweiten Hälfte aufgrund eines Zeichnerwechsels etwas an Reiz.

In den vielen Welten des japanischen Comics sind Geister und Dämonen ebenfalls feste Größen. In Junji Itos »Uzumaki« etwa treiben Spiralen eine kleine japanische Stadt in den Wahnsinn und lassen keinen Stein auf dem anderen. Während die Hauptfiguren (ein Oberschülerpaar) etwas blass bleiben, sorgen die plötzlich auftauchenden Spiralen für dämonische Rauchwolken, tödliche Haarkreisel und Schüler, die als menschliche Schnecken zur Schule kriechen. Die kunstvoll-drastischen Bilder und allerlei durchgeknallte Einfälle sind von abgründiger Faszination.

Einen ganz anderen Ansatz wählt Q Hayashida in ihrem Epos »Dorohedoro«einem einzigartigen, nur in englischer Übersetzung erschienenen Genremix, der sich nicht um Konventionen schert. Ihre Geschichte beginn in einem nur als »Hole« (Loch) bezeichneten Moloch. Dieser wird von Zauberern heimgesucht, die durch Dimensionstüren eindringen und die Bewohner als Versuchskaninchen für magische Experimente benutzen. Caiman, der mal ein junger Mann gewesen sein mag, wurde in einen Echsenmenschen verwandelt. Gemeinsam mit seiner guten Freundin, der kampferprobten Köchin Nikaido, versucht er herauszufinden, wer er wirklich war bzw. ist. Doch im anfangs übersichtlichen Kampf von Menschen gegen Zauberer verschwimmen schnell die Grenzen.

Die Zeichnerin und Autorin wirft ihre Leser in eine surreale Welt, die man nicht mehr verlassen will, hinter jeder Ecke wartet eine neue Überraschung. Der rauhe Zeichenstil dient der Atmosphäre; zugleich beweist Hayashida immer wieder, dass sie auch das Feine und Filigrane beherrscht. Man findet sich inmitten eines Wirbelsturms von Eindrücken, stolpert über Genrereferenzen von »Nosferatu« bis »Tanz der Teufel« (»Evil Dead«) – und über noch viel mehr nie zuvor Gesehenes. Faszinierende Charaktere, Dialogwitz und drastische Splatter-Einlagen bilden ein opulentes Ganzes. Fabelhafte Verkleidungen und Masken (letztere spielen in »Dorohedoro« eine wichtige Rolle) bieten zudem zahlreiche Ideen für neue Kostüme. Bis nächstes Halloween ist viel Zeit zum Nähen.

Mike Mignola (u. a.): Hellboy Kompendium. Cross Cult, 2016–2019. 4 Sammelbände, 448–656 Seiten, je 50–60 Euro

Mike Mignola/Christopher Golden (u. a.): Baltimore. Cross Cult, 2017. 2 Sammelbände, 576–600 Seiten, je 50 Euro

Uzumaki: Spiral into Horror. Carlsen, Hamburg 2019, 656 Seiten, 28 Euro

Q Hayashida: Dorohedoro. Viz Media, San Francisco 2010–2019. 23 Bände, 176–352 Seiten, umgerechnet jeweils zwischen 11 und 19 Euro

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