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Aus: Ausgabe vom 28.10.2020, Seite 16 / Sport
Tennis

In einer Wüste von gar nix

Tennis bizarre: Zum de facto Abschluss der WTA-Saison in Ostrava
Von Peer Schmitt
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Die Vasen gab’s als Bonus: Aryna Sabalenka und Elise Mertens holten sich den Titel in der Doppelkonkurrenz (Ostrava, 25.10.2020)

Während die ATP auch unter Quarantänebedingungen eine halbwegs normale europäische Hallentennissaison der Männer mit zahlreichen Turnieren zusammengezimmert hat, ist im Frauentennis der Turnierkalender der WTA praktisch nicht mehr vorhanden.

So hatte derselbe Veranstalter, der in diesem Sommer schon kurzfristig die seltsame Exhibition in Berlin organisiert hatte, in Köln gleich zwei ATP-250-Turniere in Folge veranstaltet. Der Sieger hieß beide Male Alexander Zverev, keine zu unterschätzende Leistung. Parallel gewann der Franzose Ugo Humbert das 250er in Antwerpen.

In dieser Woche trifft sich der ATP-Zirkus beim exzellent besetzten 500er in Wien – und obwohl in diesem Herbst mit Stockholm und Basel gleich zwei traditionsreiche Hallenturniere der Pandemie zum Opfer gefallen sind, scheint der Abschluss der Saison im November mit den Höhepunkten des Masters 1000 in Paris und den Tour Finals in London so sicher wie in jedem Jahr.

Eigentlich wäre der Herbst die Zeit der großen Turniere in Asien, hauptsächlich in der VR China. Dort aber sind seit Monaten alle internationalen Sportveranstaltungen abgesagt. Das trifft die WTA ungleich härter. Die ATP hat einen flexiblen, wirklich internationalen Turnierkalender mit solider ökonomischer Basis. Für Damentennis aber scheint es dagegen abseits Asiens keinen Markt mehr zu geben. Die europäische Hallensaison ist von der WTA über Jahre zugunsten der asiatischen Goldgruben ausgedünnt worden. Eine letzte Erinnerung an die Vergangenheit wird in zwei Wochen (ab dem 9.11.) das 30jährige Jubiläum des Turniers in Linz sein. Das letzte WTA-Turnier des Jahres inmitten einer Wüste von … gar nix.

Im Profisport geht es nicht anders zu als in der Ökonomie generell. Die Covidkrise verstärkt und beschleunigt nur die langfristig ohnehin absehbaren Entwicklungen: Wer da hat, dem wird gegeben.

Es gab eine Ausnahme. Vergangene Woche fand in Ostrava das letzte WTA-»Premier«-Turnier dieses Jahres statt (Äquivalent eines ATP 500; Linz ist lediglich ein »International«, sprich ein 250er). Eines der wenigen verbliebenen Länder, in dem Damentennis ein größeres Zuschauerpotential und einen entsprechenden Marktwert zu haben scheint, ist wohl die Tschechische Republik. Merkwürdigerweise hat es gerade dort aber noch nie ein WTA-Turnier einer höheren Kategorie gegeben. Tschechien ist das gelobte Land des Damentennis. Das Turnier in Ostrava stand jedoch unter keinem guten Stern. Ursprünglich war es herausragend besetzt gewesen. Doch direkt nach den French Open hagelte es Absagen. Sowohl Iga Swiatek als auch Sofia Kenin und Petra Kvitova nahmen kurzfristig nicht teil. Symptomatisch dann auch vor Turnierbeginn die Nachricht von der Covidinfekion der letztjährigen tschechischen French-Open-Finalistin Marketa Vondrousova. Die derzeit ranghöchste tschechische Spielerin Karolina Pliskova verlor, an zwei gesetzt, gleich ihr erstes Match.

Das Turnier durfte ohnehin nur mit einer Sondergenehmigung stattfinden. Zuschauer waren nicht zugelassen. Im Land herrschen, nachdem im Hochsommer fast schon Normalität eingekehrt war, seit September wieder strikte Quarantänemaßnahmen – »es wird so schlimm heimgesucht wie kein anderes Land auf der Welt« (FAZ). Dass das Turnier stattfinden konnte, war beinahe ein organisatorisches Wunder. Seltsamkeiten waren unausweichlich.

Eine davon war das erste rein belarussische WTA-Finale der Geschichte zwischen Aryna Sabalenka und Wiktoryja Asaranka. Eine klare Angelegenheit für Sabalenka, die mit 6:2, 6:2 Revanche für ihre vergleichbar klare Niederlage gegen ihre Landsfrau in der zweiten Runde der US Open vor wenigen Wochen nahm. Sehr seltsam: Asaranka schien nach verlorenem ersten Satz urplötzlich unter einem Migräneanfall zu leiden und grimassierte bei jedem Ballwechsel entsprechend. Seltsam auch, dass ausgerechnet die 31jährige nach der Quarantäneunterbrechung in praktisch jedem großen Hardcourt-Finale dieser kastrierten Saison stand. Zuvor hatte sie monatelang nicht ein einziges Match gewinnen können. Eine sehr merkwürdige Statistik.

Beinahe so merkwürdig wie der Verlauf von Sabalenkas Viertelfinale gegen die spanische Qualifikantin Sara Sorribes Tormo. Sabalenka lag bereits 0:6, 0:4 zurück und musste zwei Breakbälle zum 0:5 abwehren, um danach kein einziges Game mehr abzugeben. Sie gewann 0:6, 6:4, 6:0. Ein Ergebnis, das zu bizarr ist, um den Verdacht des Match-fixing aufkommen zu lassen. Das Bizarre ist zum Status quo der WTA geworden.

Sabalenka gewann mit dem belarussischen Migränefinale in Ostrava ihren dritten Titel dieser Saison. An der Seite von Elise Mertens holte sie sich noch den in der Doppelkonkurrenz als Bonus. In der wegen der Regeländerungen unter Quarantänebedingungen stark verzerrten Weltrangliste steht sie dennoch immer noch nicht in den Top ten. Die WTA ist und bleibt, wie gesagt, bizarr und wird auf diesem Weg mittelfristig ökonomisch nicht überleben können.

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