Die jW-Serie »Wohnen im Haifischbecken«
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Aus: Ausgabe vom 27.10.2020, Seite 12 / Thema
Bürgerliche Philosophie

Salonfaschisten

Über die reaktionäre Ideologie des Philosophen Peter Sloterdijk und seines Schülers, des AfD-Funktionärs Marc Jongen
Von Klaus Weber
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Während sich sein Lehrer Sloterdijk aus direktem politischen Engagement heraushält, hat der AfD-Bundestagsabgeordnete Marc Jongen weniger Hemmungen (Karlsruhe, 17.6.2017)

»... weil hier philosophische Gründe prostituiert werden, um das nackteste Verbrechen ins Recht zu setzen.«¹ (Ernst Bloch)

Die Frage, wie man die Anfänge des Faschismus erkennen konnte – und ob und wie man heutige Anfänge erkennen kann –, ist eine der zentralen Fragen der »Hartenstein«-Trilogie des Schriftstellers Wolfram Adolphi.² Heute wissen wir, dass Martin Heidegger, Eduard Spranger, Erich Rothacker, Arnold Gehlen und viele andere Philosophen an der Konstituierung des deutschen Faschismus beteiligt waren – auch wenn sie sich nach 1945 als »Abweichler« oder als Männer der »inneren Emigration« inszenierten. Noch bis in die Gegenwart hinein wird die Nazivergangenheit vieler Geisteswissenschaftler verschleiert, verharmlost oder einfach übergangen. »Es gibt nichts zu entlarven, das Belastungsmaterial liegt vor«, heißt es bei Thomas Laugstien, der die Verhältnisse im Fach der Philosophie ab 1933 akribisch untersucht hat.³

Schwieriger wird es, wenn wir in unserer Zeit auf die Suche gehen nach denjenigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die der Entwicklung und Konstitution eines neuen Faschismus den Weg ebnen oder ihn ideologisch mit vorbereiten. Denn viele Fachphilosophinnen und -philosophen agieren nur innerhalb des akademischen »Elfenbeinturms« und erreichen mit ihren Schriften kaum ein größeres Publikum. Selbst eine Koryphäe wie der Sozialphilosoph Jürgen Habermas erreicht mit seinem neuen Werk »Auch eine Geschichte der Philosophie« von 2019 bei weitem nicht mehr Auflagenzahlen wie noch in den 1980er und 1990er Jahren. Bei aller Weltabgewandtheit vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sticht jedoch seit Jahren einer heraus, der im Fernsehen, in rechten Zeitschriften wie Cicero, aber auch in Bild seine Meinung verbreiten darf: Peter Sloterdijk, »einer der klügsten Köpfe der Welt« (Bild, 19.10.2020).

Der Philosoph und sein Lehrling

Sloterdijk wird von vielen Journalisten und politisch Interessierten als linksliberaler Philosoph betrachtet. Selbst im Neuen Deutschland darf Hans-Dieter Schütt schreiben, er gelte als einer der »aufreizendsten und einzig erzählerischen deutschen Philosophen, dessen Literatur eine Odyssee durch die Wirren der Menschenkämpfe« sei (ND, 26.6.2017). Was Schütt als »tendenzlose Neugier« etikettiert, stellt sich auf den zweiten Blick als Wortgestammel heraus, das nicht nur frauenverachtend (Frauen »tropfen wie Kieslaster«, ist zum Beispiel bei ihm zu lesen) ist, sondern auch mit Nietzsche im Tornister die Hochzüchtung der westlichen aristokratischen Menschen gegen die »Herde« und den »Mob« propagiert.⁴

Sein 2006 erschienenes Buch »Zorn und Zeit« predigt die Notwendigkeit einer Wiederkehr des »Thymos« sowie des kriegerischen und kämpferischen Zorns,⁵ um demokratische Verhältnisse, die für ihn nichts anderes als die »Magerstufe des Muts für Verlierer« darstellen, zu überwinden. Interessant ist die Vorgehensweise Sloterdijks: Er holt sich aus der griechischen Philosophie und Literatur einen Begriff, den er zu einer prominenten Denkfigur »aufbläst«, um damit ganze Epochen oder kulturelle Logiken zu erklären. Die politisch-philosophische Stoßrichtung ist jedoch vorab bereits festgelegt: Es soll bewiesen werden, dass Kampf, Krieg und Heldentum notwendig sind, während die demokratischen und aus seiner Sicht verweichlichenden Tugenden von Friedensliebe, Zärtlichkeit und Solidarität mit Schwächeren und Ausgebeuteten abgewertet werden.

Marc Jongen, einst wissenschaftlicher Mitarbeiter und Promovend Sloterdijks an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, griff die Thymos-Metapher in einem Vortrag am Institut für Staatspolitik (IfS), dem rechten Thinktank Götz Kubitscheks, auf und erklärte mit ihr den »offenen Selbsthass« sowie die »Widerstandslosigkeit«, mit der im Herbst 2015 die »Deutschen sich überrennen« und »als Knechte der Schutzsuchenden in Anspruch haben nehmen lassen«. Jongen war von 2017 bis 2019 Landessprecher der AfD in Baden-Württemberg, sitzt heute für die Partei im Bundestag und wird gerne als »Parteiphilosoph« bezeichnet. Als solcher artikuliert er die aktuellen politischen Probleme vor dem Hintergrund eines positiven Bezugs zur griechischen Philosophie und der für ihn darin enthaltenen Thymosstrategie. In seinem Vortrag »Migration und Thymostraining« vom 17. Februar 2017 weist er anfangs darauf hin, dass er die rechte Zeitschrift Sezession lese, ein Freund des IfS und Götz Kubitscheks sei – und froh sei, dass dieser Thinktank der neuen Nazis »den starken Gegenkräften seit so vielen Jahren standhält«.⁶

Der Thymosbegriff

Thymos, das Thymotische – so Jongen – muss »ein Schlüsselbegriff der politischen Theorie werden«. Das Thymotische bezeichne dabei die »Kämpfe um Macht und Anerkennung«, in ihm hätten die »Regungen des Stolzes, des Zorns, des Mutes bis hin zum Hass« ihren Sitz. Im Buch seines Lehrers Sloterdijk sind es die »männlichen« Regungen Zorn und Stolz (Frauen kommen bei ihm nur als Sexobjekte, nicht als politisch oder kulturell handelnde Subjekte vor), welche die thymotische Spannung ausmachten: »Wo der Zorn aufflammt, ist der vollständige Krieger gegeben. Durch den Aufbruch des entflammten Helden in den Kampf verwirklicht sich eine Identität des Menschen mit seinen treibenden Kräften, von der die häuslichen Menschen in ihren besten Momenten träumen.«

Kampf, Krieg, Männlichkeit, Stolz,⁷ Ehre und Zorn: Das alles soll durch »das Thymotische« als zentraler Begriff neofaschistischen »Wordings« zum Ausdruck gebracht werden. Sloterdijk schwelgt geradezu in Anbetungsfloskeln in bezug auf Helden als Hüter des Zorns, auf Kämpfer, die ihr Leben für eine große Sache aufgeben, und auf Nietzsche, der »der anregendste neothymotische Psychologe der Moderne« gewesen sei. Wer im gängigen Wörterbuch der altgriechischen Sprache, dem »Gemoll«, nachliest, kann beim Eintrag »θυμός« die deutschen Äquivalente Herz, als Sitz der Gemütsbewegungen, Leben, Lebenskraft, Leidenschaft, Geist, Verstand, Verlangen sowie Empfindungsvermögen finden. Nur als Nebeneintrag sind »Heftigkeit, Glut, Zorn« verzeichnet. Doch Sloterdijk und Jongen ficht die exakte etymologische Auslegung oder korrekte Übersetzung eines griechischen Textes nicht an. Ihnen geht es darum, die »deutsche Situation der Gegenwart« vor nebulös-mythischem griechischen Hintergrund so zu erklären, dass die gewalttätige Zerstörung demokratischer Prozesse und Strukturen als logische Folge einer psychopolitisch fundierten, männlich-natürlichen Strategie erscheint. Mit dem Thymos erklären die beiden »Philosophen« – unterlegt durch biologistische und naturalisierende Thesen – schlicht alles: die Weltgeschichte, die Geschlechterordnung, die ökonomischen Prozesse und die ihnen zufolge einzig mögliche Zukunft des deutschen Volkes, nämlich Krieg und Kampf gegen Feinde von innen wie von außen.

Faschismus als »Thymosaufwallung«

Sloterdijk wie Jongen haben keine Scheu, den deutschen Faschismus mit seiner Vernichtungs- und Kriegsmaschinerie durchaus positiv zu würdigen. Sloterdijks Strategie der Ent-Nennung faschistischer Politik besteht darin, alles andere – nur nicht die deutschen Verhältnisse zwischen 1933 und 1945 – als faschistisch zu bezeichnen. In »Zorn und Zeit« sind es »Lenins Direktiven vom Spätherbst 1917, die die ersten faschistischen Initiativen des 20. Jahrhunderts auslösten. Am linksfaschistischen Original leninscher Prägung kamen die Merkmale des neuen politischen Stils (…) in endgültiger Prägnanz zum Vorschein.« Die »deutsche Katastrophe« ist für ihn – da gibt es keinen Dissens zur Dresdner Rede des AfD-Faschisten Björn Höcke – nicht der Faschismus, sondern die Zeit nach 1945 bis zur Gegenwart. Noch im 2019 in 7. Auflage bei Suhrkamp erschienenen Bändchen »Stress und Freiheit« benennt der Philosoph als die großen Menschheitsverbrechen unter anderem: den jakobinischen Terror, die Taten der Roten Khmer und Ghaddafis libyschen Sozialismus; der deutsche Faschismus kommt bei Sloterdijk nicht vor, und wenn doch, dann als »das maßlose Unheil des vergangenen Jahrhunderts in den ideologischen Aufbrüchen zur Übernahme der Rache durch irdische Zornagenturen«.⁸ Es gibt keine (deutschen) Täter, es gibt keine Opfer, es gibt keine ökonomischen Interessen. Weil Sloterdijk den deutschen Faschismus nur als »Katastrophe« oder als »Unheil« denken und beschreiben kann,⁹ negiert er sowohl die Frage nach den Hintergründen und Ursachen von Antisemitismus als auch die Praktiken der Vernichtungspolitik und aller anderen faschismustheoretisch bedeutsamen Themen.

Für Marc Jongen ist der deutsche Faschismus nichts anderes als »die letzte große thymotische Aufwallung vor siebzig Jahren«, in einem Deutschland, das inzwischen »unter einer besonders niedrigen Thymosspannung, geradezu unter einer Thymosflaute« leide. Der Krieg, den die Nazis führten, wurde verloren. Das habe zu »einer Umdeutung, einer Umwertung der Werte der ehemals imperialen Kultur zugunsten von Opfergruppen und Marginalisierten« geführt. Im Klartext: Die Juden, die Sinti und Roma, die Schwulen und alle anderen der Vernichtung preisgegebenen Menschen »machen jetzt ihre materiellen und moralischen Kosten geltend« und »nehmen an ihren tatsächlichen oder vermeintlichen Unterdrückern Rache« – womit sie den bereits weit fortgeschrittenen thymotischen Niedergang noch beschleunigten. Die einzige Möglichkeit für Deutschland und sein Volk bestehe darin, die Thymosspannung durch Konfrontation und Krieg (gegen den neuen Feind: die Islamisten) zu erhöhen und damit das »Verliererdekorum«¹⁰ abzustreifen.

Jongen sieht die parlamentarische Demokratie nicht als existent an. Er denkt den deutschen Staat biologisch und völkisch: Die Nation und das Volk sind ihm »soziale Großkörper«, in die durch einen »Akt der Gewalt« Hunderttausende »kulturfremde Menschen rechtswidrig eindrangen« und damit das »Volk traumatisierten«. »Auf eigene Faust« hätten sich Fremde »gegen geltendes Recht Eingang in das Land verschafft« und verübten dort nun Verbrechen gegen »den Stolz und die Würde des Volkes«. Die vom Bundestag gewählte Kanzlerin, Angela Merkel, nennt er – mit Bezug auf eine Aussage des US-Präsidenten Donald Trump – »geisteskrank« (­insane) und tut so, als sei der deutsche Staat von einer Gangsterbande übernommen worden, die man nicht mehr los werde: »Wie konnte eine Gruppe von Personen an die Regierung kommen und sich dort hartnäckig halten, deren Tun und Unterlassen auf die Abschaffung des eigenen Volks hinausläuft?« Als Ausweg aus der Logik einer demokratisch verfassten Gesellschaft propagiert er die »Verjüngung« der völkischen »Selbstbehauptungskräfte« plus »Erhöhung der Thymosspannung« – was beides am besten durch Kriege (die Jongen beschönigend »Maximal-Stress-Kooperationen« nennt) gegen Feinde (Islamisten und geistig verwirrte Antifaschisten) erreicht werden könne.

»Auch die Modernen haben die Aufgabe, den Krieg zu denken, nie völlig vernachlässigt, ja, dieser Auftrag wurde über lange Zeit mit dem männlichen Pol der Bildung assoziiert.« Diese »lange Zeit«, in der Krieg und Männlichkeit eins waren, ist für Sloterdijk 1945 zu Ende gegangen. Doch er sieht – ohne sie beim Namen zu nennen – bei der rechten »Identitären Bewegung« Hoffnung, dass neue Heroen sich aus »den Archiven des Zorns mit ihrem jahrtausendealten ›Erbe‹« bedienen. Sloterdijk spielt damit auf die spartanischen »Helden« im Kampf gegen die Perser an, die der Identitären Bewegung als Vorbild dienen und schon bei den Nazis »für propagandistische Zwecke instrumentalisiert wurden«.¹¹

Für Jongen ist Krieg noch in einer anderen Hinsicht bedeutsam. Gewaltattacken von Neofaschisten gegen Flüchtlinge sowie Brandanschläge auf deren armselige Bleibe greift er (gespickt mit Wörtern aus dem Begriffsarchiv des Meisters Sloterdijk) in Manier einer Täter-Opfer-Umkehr auf: »Sachbeschädigungen von Flüchtlingsheimen werden sofort mit empfindlichen langjährigen Gefängnisstrafen geahndet«, während angeblich »Schutzsuchende mit großer Milde, selbst bei schwersten Verbrechen, rechnen« könnten. Weil dadurch der »deutsche Großkörper verletzt« werde, sei es wichtig, dass der »Mutbürger, der die Pegida-Demonstrationen und ähnliche Veranstaltungen besucht«, sein »Wertesystem neu formatiert« und den Krieg gegen innere und äußere Feinde wieder in sein Repertoire (Jongen nennt das »kulturelle Regeleinstellungen«) aufnimmt.

Beide, Sloterdijk wie Jongen, beziehen sich in ihren Ausführungen zu Kriegen, die wir wieder lernen müssten zu führen, auf den »Wissenschaftler« Heiner Mühlmann und dessen 1996 erschienenes Buch »Die Natur der Kulturen«. Am Anfang jeder Kultur – so erläutert Jongen Mühlmanns Thesen – »steht ein Akt der Gewalt, nämlich der Krieg: Die Individuen einer Population arbeiten zusammen im Maximalstress des Kampfes um Leben und Tod gegen einen realen und zuweilen auch imaginierten Aggressor.«

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Bei soviel geistigem Unfug möchte man sich auch nur noch an den Kopf fassen. Peter Sloterdijk bei einem seiner zahlreichen Interviews (Wien, 1.7.2020)

Als Motivationsquelle für kriegerisches Verhalten spielt der Thymos eine zentrale Rolle. Jongen weist darauf hin, dass »Entsagungen«, »Entbehrungen« und auch das »Opfern des eigenen Lebens« wichtige Handlungsweisen seien, um ein »höheres Ziel« zu erreichen. Wer das eigene Leben aufs Spiel setzt und damit die Folgen seines Kampfes bis zum Tod nicht erleben kann, stirbt für die große Sache des Volkes oder der Nation, die weiterleben sollen, auch wenn der männliche Krieger tot ist. Hier findet sich der direkte Anschluss an die faschistische Logik, nach der die einzelnen nichts sind und das Volk alles. Auch wenn Jongen den Zusammenhang bestreiten würde, seine Ausführungen sind fast wörtlich in beiden Bänden von Hitlers »Mein Kampf« zu finden. Siebzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sind in Jongens Ausführungen Dutzende Millionen Tote und Verstümmelte vergessen – damit die deutsche Thymosspannung wieder steigen kann und ein neuer Krieg »Stolz und Ehrgefühl« im deutschen Mann wecken kann.

Weder bei Jongen noch bei Sloterdijk gibt es die Idee, dass Menschen friedlich in einem Gemeinwesen zusammenleben, ihre Produktion wie Reproduktion (man könnte auch schreiben: Arbeit, Liebe, Genuss und Freude) gemeinsam regeln, ohne anderen dabei ein Haar zu krümmen. Arbeits- und Lebenswelt sind Bereiche, die vollständig aus den philosophisch verbrämten »Theorien« der beiden ausgegliedert sind. Die wirkliche Lebenspraxis der Menschen, die Herstellung von Gebrauchswerten sowie die Sorgearbeit füreinander, sind für die heroisch-maskulinen Phantasien der völkische Gewalt propagierenden »Philosophen« undenkbare Lebens- und Gesellschaftsmodelle.

Werbung für heldenhaftes Sterben

Es gibt gute Gründe dafür, dass Bild Sloterdijk und nicht Jürgen Habermas als Deutschlands berühmtesten Philosophen bezeichnet. So wie das Blatt selbst einen Katalysator darstellt zur Erzeugung gewalttätiger Phantasien und Taten gegen Menschen, die ihr gerade nicht in den Kram passen (etwa Flüchtlinge oder Sozialhilfeempfängerinnen und -empfänger), so ist Sloterdijk der Prototyp eines Wissenschaftlers, der den reibungslosen Ablauf des Systems garantiert: ein Paradebeispiel bürgerlicher Dummheit mit dem wichtigtuerischen Bestreben, seine völkisch-philosophischen Kampf- und Kriegsideen den bürgerlichen wie den extrem rechten Ideologiemaschinen (FAZ, Junge Freiheit, Cicero, Sezession etc.) als »Philosophie« anzubieten. Im Bild-Interview vom 19. Oktober lässt er sich darüber aus, dass »die Menschen« den Tod »nie wirklich akzeptiert haben«. Gegen eine »entfesselte Lebensgier«, welche Sloterdijk verantwortlich macht für »alle Probleme, die wir heute haben«, setzt er »Ordensleute« und »junge Männer, die in die erste Schlachtreihe gestellt wurden«. Sterben für eine höhere Idee – für den Glauben oder das Vaterland – ist Sloterdijks Devise. Er selbst, der weder als Bhagwan-Jünger noch als »Ökoapokalyptiker« zu Ruhm und Ansehen kam, schickt gerne andere in Kämpfe, von deren Schlachtenlärm er dann – wie Homer – erzählen will. Was sein Verhältnis zu Marc Jongen – die beiden sollen inzwischen zerstritten sein – angeht, so ist festzustellen: Die faschistische Soße, die das AfD-Leichtgewicht anrührt, besteht aus Ingredienzen, die durchweg aus Sloterdijks Feder stammen.

Anmerkungen

1 Ernst Bloch: Briefe 1903–1975, Erster Band, S. 251

2 Siehe auch das Interview Arnold Schölzels mit Adolphi in der jungen Welt vom 25.1.2020

3 Thomas Laugstien: Philosophieverhältnisse im deutschen Faschismus. Argument-Verlag, Hamburg 1990. Siehe auch Wolfgang Fritz Haug (Hg.): Deutsche Philosophen 1933. Argument-Verlag, Hamburg 1989

4 Vgl. Klaus Weber: Der »weit entfernte Kontext« der Nazizeit. Zum Faschisierungsprojekt Peter Sloterdijks. In: Widerspruch. Münchner Zeitschrift für Philosophie 68, 2019, S. 53–64

5 »Zorn« ist für Sloterdijk ein zentraler Begriff. Die jüdische Kultur missachtend, behauptet er, Homers Anfangssatz der »Ilias« sei »der erste Appell unserer Kulturüberlieferung«: »Den Zorn singe, Göttin ...« Doch ist weder die Übersetzung eindeutig (Raoul Schrotts »Ilias«-Übersetzung von 2008 beginnt mit: »Von der bitternis sing, göttin ...«), noch ist »Zorn« die einzige Möglichkeit, das altgriechische μένος (ménos) ins Deutsche zu transferieren. Das griechisch-deutsche Schul- und Handwörterbuch »Gemoll« (Wien 2014) nennt »heftiges Verlangen, Eifer, Kampfesmut, Lebenskraft und Schwungkraft« neben »Zorn«.

6 Die folgenden Zitate Jongens sind seinem Vortrag »Migration und Thymostraining« entnommen, der auf Youtube nachzuhören ist.

7 Der »berühmteste deutsche Philosoph« behauptet, die Psychoanalyse habe zu »Stolz« nichts zu sagen. Doch Sigmund Freud hat gerade dem Stolz viele Seiten in seiner Studie zu »Der Mann Moses und die monotheistische Religion« gewidmet.

8 Peter Sloterdijk: Zorn und Zeit. Politisch-psychologischer Versuch. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2006, S. 72f.

9 Mehr dazu in meinem Beitrag: Elitenzüchtung und Selektion der »Einfältigen«. Das Zarathustra-Projekt Peter Sloterdijks, in: Jan Rehmann und Thomas Wagner (Hg.): Angriff der Leistungsträger? Das Buch zur Sloterdijk-Debatte. Argument-Verlag, Hamburg 2010, S. 184–195

10 »Dekorumsystem« ist ein theoretisches Konstrukt von Heiner Mühlmann, das sich durch alle Lebensbereiche (Kultur, Ökonomie, Soziales, Architektur etc.) ziehe und als »Regeleinstellung eines Volkes« festlege, was politisch korrekt sei und was nicht. Das deutsche Volk, das sich vor 1945 durch eine »Siegerkultur« ausgezeichnet habe, habe sich dem »Verliererdekorum« gefügt – bis »Pegida« und die AfD auftauchten.

11 Vera Henßler: Geschichte als Legitimationsideologie. In: Der Rechte Rand, Ausgabe 163, November 2016

Klaus Weber schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 25. April über den marxistischen Denker und wissenschaftlichen Revolutionär Lucien Sève, der am 23. März verstarb.

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