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Aus: Ausgabe vom 22.10.2020, Seite 15 / Medien
Einknicken vor Gewalt

Polizeischutz für Medien

Spucken, anpinkeln, Mittelfinger zeigen: Journalisten des Senders NOS in den Niederlanden künftig mit Autos ohne Logo unterwegs
Von Gerrit Hoekman
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Fake News? Protestaktion gegen den öffentlich-rechtlichen Sender NOS 2018 in Den Haag

Der öffentlich-rechtliche Nachrichtensender NOS aus den Niederlanden entfernt alle Logos und Embleme von seinen Sendewagen. Das teilte die NOS am vergangenen Donnerstag auf ihrer Homepage mit. Der Grund: Die Reporterinnen und Reporter, Kameraleute und Techniker geraten bei der Arbeit immer häufiger in brenzlige Situationen, wenn sie als NOS-Mitarbeiter zu erkennen sind.

Wer als Reporterin oder Reporter für die Öffentlich-Rechtlichen in den Niederlanden unterwegs ist, braucht inzwischen ein dickes Fell. Bei ihrer Arbeit auf der Straße werden die Medienvertreter inzwischen regelmäßig als Lügner und »Volksverräter« beleidigt. Man zeigt ihnen den Mittelfinger, sie werden bespuckt, und manche pinkeln aus Verachtung gegen die Sendewagen. Das Internet ist voll mit entsprechenden Videos.

Besonders gefährlich sei es auf der Autobahn: »Jeden Tag scheren Fahrer mit ihren Autos knapp vor einem ein und steigen dann auf die Bremse«, berichtete die NOS-Reporterin Kysia Hekster auf der Journalistenwebseite Villamedia aus dem Alltag der Kolleginnen und Kollegen. »Ein Kollege bekam zu hören, dass sie wüssten, wohin seine Kinder nach der Schule gingen«, so Hekster.

Marcel Gelauff, Chefredakteur der Nachrichtensendung NOS Nieuws, glaubt keine andere Wahl zu haben: »Wir wollen als NOS sichtbar sein, anwesend sein in der Gesellschaft. Aber aus Verantwortung für die Sicherheit der Leute, die mit den Autos fahren, sehen wir keine Möglichkeit mehr«, erklärte er vor einer Woche in der Nachrichtensendung »Een Vandaag«. Am Anfang habe die Redaktion das noch als einzelne Vorfälle abgetan, so Gelauff. »Aber jetzt passiert das strukturell.«

Gegen die Attacken vorzugehen ist schwer. Reicht sich ins Bild stellen, den Mittelfinger zeigen, spucken oder auf den Satellitenwagen schlagen für eine Anzeige aus? Und wird es dadurch beim nächsten Mal nicht vielleicht noch schlimmer? »Die Angst, dass etwas passiert, ist mindestens ein genauso großes Problem wie das, was tatsächlich passiert«, schrieb Gelauff am vergangenen Donnerstag auf der Homepage von NOS.

Bestimmte politische Parteien im Parlament förderten die Vorbehalte gegen die Öffentlich-Rechtlichen noch, so Gelauff. Er nennt die PVV von Geert Wilders und das rechtspopulistische Forum für Demokratie als Beispiel. Auch die Dauerattacken von US-Präsident Donald Trump gegen die angeblichen Fake News dienten niederländischen Rechten als Blaupause.

NOS-Reporterin Hekster kann das bestätigen: Die Angriffe auf Journalisten kommen überwiegend aus der rechten Ecke. »Es ist zu einem großen Teil dieselbe Gruppe von Menschen, die als herumreisende Demoagitatoren immer auf der Suche sind. Ich sehe dieselben Gesichter«, sagte sie in der Sendung »Op 1«.

Angefangen habe es bei Aufmärschen von Fußballhooligans, später seien sie bei den »Gelben Westen« aufgetaucht, danach bei den Bauernprotesten und jetzt bei der Anticoronabewegung »Viruswaanzin«. Das heißt überall dort, wo die Agitatoren eine große Chance sehen, wütende Bürgerinnen und Bürger noch aufzustacheln, egal, um welches Thema es geht.

»Wir beobachten, dass die Gewalt gegen Journalisten sowohl auf der Straße als auch in den sozialen Medien zunimmt«, sagte Peter ter Velde, Leiter der Organisation »Pers Veilig« (Sichere Presse), am Montag gegenüber der Tageszeitung Het Parool. Pers Veilig ist im April 2019 von der Gewerkschaft Nederlandse Vereniging van Journalisten (NVJ), dem Verband der Chefredakteure, dem Innenministerium und der Polizei als Meldestelle eingerichtet worden.

Seit der Gründung haben 115 Journalisten, Fotografen und Kamerateams angegeben, beleidigt, eingeschüchtert, bedroht oder geschlagen worden zu sein. Davon 72 alleine in diesem Jahr. Im Juli waren es erst 36 gewesen – also eine Verdopplung innerhalb von nur drei Monaten. Dabei handele es sich nur um die Spitze des Eisbergs, vermutet Ter Velde.

Fotografen und Kameraleute seien besonders gefährdet. »Ein Reporter kann mit einem Notizblock in der Tasche herumlaufen. Aber oft ist auch der Reporter Opfer, denn er steht neben der Kamera. Reporter und Kolumnisten werden auch häufiger online bedroht«, so Ter Velde. »Das Misstrauen gegenüber Journalisten ist gewachsen. Vielleicht gibt es auch eine Abwertung des Berufs Journalist. Jeder darf sich gegenwärtig Journalist nennen.«

Pers Veilig hat mittlerweile das Trainingsprogramm »Umgehen mit Aggressionen« aufgelegt, um vor allem junge Journalisten auf ihren Einsatz auf den Straßen in Zwolle, Utrecht, Eindhoven oder Amsterdam vorzubereiten. Früher waren solche Kurse nur nötig, wenn die Kolleginnen und Kollegen in die Krisengebiete der Welt reisten, nach Kabul oder Aleppo.

Auch wenn es sich bei den Aggressoren nur um einen kleinen Teil der Gesellschaft handele, wie die NOS-Reporterin Hekster betont, gehen die Journalisten auf manche Demonstrationen schon seit längerem nicht mehr ohne Personenschutz. Dass die NOS nun ihre Logos und Embleme von den Sendewagen entfernt, betrachtet Hekster mit gemischten Gefühlen: »Ich finde es extrem schmerzhaft, wenn ich das so sehe. Es fühlt sich wie ein Einknicken vor Gewalt und Terror an.«

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