Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt
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Aus: Ausgabe vom 19.10.2020, Seite 16 / Sport
Breitensport

Es tickt hinter der Thekenwand

Zelluloid und Reinkultur: Eine ungewöhnliche Tischtennisrunde startet in ihre 45. Saison
Von Andreas Müller
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Danach ein Bierchen: Nach dem Sport darf man sich belohnen

Dieser wöchentliche Termin ist den älteren Herren heilig, auch wenn es dem örtlichen Pfarrer so gar nicht gefallen mag. Mit ihrem sonntäglichen Hobby gehen die grau-, silber- oder weißhaarigen Tischtennisenthusiasten im äußersten Osten von Frankfurt am Main dieser Tage in ihre 45. Freizeitsportsaison. So lange schon schwänzen sie dafür den Kirchgang. Nicht einmal die Coronapandemie konnte dem vergnüglich-sportlichen Treiben dieser Oldies Einhalt gebieten: Wer sonntags vormittags ab 9 Uhr an der Halle der Turnerschaft Alt Bischofsheim vorbeikommt, wird garantiert den tickenden Klang der kleinen, weißen Bälle vernehmen. Drei Stunden lang wird geschmettert, der Topspin versucht, geblockt, geschnippelt, gelacht und auch mal geflucht – und anschließend ein Bierchen getrunken.

Entstanden sei diese Sonntagsrunde buchstäblich aus einer Schnapsidee, erzählt Gerold Euler. Als 25jähriger war er 1976 Stammgast im Vereinslokal, und Kellner Dieter Müller, ein begeisterter Tischtennisspieler im Verein, hatte immer wieder insistiert: Um diese Uhrzeit, den ganzen Vormittag über, stehe die große Sporthalle dort hinter der Thekenwand vollkommen leer und könnte mit Leben gefüllt werden. Versucht’s doch mal, klimpert mal ein bisschen! Eines Sonntags im Spätsommer griffen sie sich ein paar abgespielte Schläger, stellten einen grünen Tisch mit wackligem Netz auf und begannen zu spielen. Plastikbälle, wie sie inzwischen überall im Ligaspielbetrieb verpflichtend sind, werden hier bis heute verschmäht. Die Oldies setzen auf Tradition und halten an den 40-Millimeter-Bällen aus Zelluloid fest.

Von den fünf Urmitgliedern ist nur noch Euler übrig. »Keiner von uns hatte am Anfang so richtig Ahnung vom Tischtennis«, erinnert er sich. Mittlerweile 70 Jahre alt und längst in Rente, ist der Mitbegründer so etwas wie der Kopf der Truppe. Schnell waren nach den allerersten Trainingseinheiten damals weitere Hobbyspieler wie Horst Kiolbassa, Reinhard Krumbein oder Karl-Heinz Werner dazugestoßen und wirbeln nun seit über vier Jahrzehnten regelmäßig mit. Schon im Frühjahr 1977 waren die Freizeit- und Hobbyspieler dermaßen vom Tischtennisfieber ergriffen, dass sie sich eine Satzung gaben, den Tischtennisclub (TTC) Alt Bischofsheim aus der Taufe hoben, sich dem örtlichen Sportverein Turnerschaft 1886 Bischofsheim e. V. anschlossen und ihm auf diese Weise völlig überraschend neue Mitglieder bescherten.

»Wer laufen kann, der kommt gern«, skizziert der 81jährige Krumbein das Credo der Sonntagsrunde. »Andere schlafen sonntags lieber aus und legen die Füße hoch. Wieder andere joggen oder walken oder gehen zum Frühschoppen. Wir finden uns hier zum Tischtennis ein und nutzen den Sonntagvormittag eben auf unsere Weise. Unsere Frauen zu Hause haben sich im Laufe der Jahre an diesen Rhythmus gewöhnt. Sie tolerieren das und beschäftigen sich in der Zeit in der Küche oder im Haushalt.« Ein Schlüssel für die Langlebigkeit, der den Sonntagsspielern immer wieder »Nachwuchs« im fortgeschrittenen Alter zuführte, ist die lockere und heitere Art und Weise, mit der die Oldies aus Bischofsheim, Maintal, Wachenbuchen, Kesselstadt und Mühlheim zum Schläger greifen und ihre Matches bestreiten. Verbissene Duelle wie allzu oft im Punktspielbetrieb gibt es hier nicht. Im Vordergrund stehen die Freude an jedem gelungenen Schlag und der gemeinsame Spaß an Sport und Spiel in Reinkultur.

Wozu bestens passt, dass die Freizeitsportgruppe jedesmal nach drei Stunden pünktlich um 12 Uhr das sportliche Treiben beendet, Tische, Netze und Banden ordnungsgemäß verstaut und sich noch für ein Stündchen nebenan in der Gaststube bei Peter, dem Wirt des Vereinslokals, versammelt. Bei schönem Wetter gern auch draußen im Biergarten. Man sitzt bei ein, zwei Getränken noch ein Stündchen beieinander, schwätzt und babbelt, wie man hier sagt, berät den nächsten gemeinsamen Ausflug, plant das nächste Gartenfest oder die Weihnachtsfeier. Geburtstage wurden in Hülle und Fülle gemeinsam begangen. Schon immer verband die TTC-Alt-Bischofsheim-Sonntagsrunde mehr als das Sportliche an den grünen Tischen. Zum Ritual gehört, dass punkt 13 Uhr jedermann aufbricht. Zu Hause wartet das Mittagessen.

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