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Aus: Ausgabe vom 17.10.2020, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Als unter Janis die Straße verschwand

Von Thomas Gsella
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Drei Dinge braucht der Mann, drei Dinge hatte ich. Erstens: mein sinnloses Lehrerexamen im Sack mit einer immerhin sonnenklugen Arbeit über den Jack Kerouac des Jugendstils Rainer Maria Rilke. Zweitens: eine Nebenfrau, die mich liebte wie Peter Fonda seine Goldrandsonnenbrille, bedingungslos und treu bis in die dunkelsten Synapsen. Drittens: einen Bock. Keinen überheißen, okay; eine gebrauchte Honda CD 175; aber erst bei mir, so schien es, fühlte sie sich angekommen in der Welt. Sie war die erste Frau in meinem Leben, und ich nannte sie Janis, denn sie klang wie die echte. Janis hatte zwei Zylinder mit insgesamt 17 PS, sie glich es aus mit Neugier, Empathie und unbändiger Lebensfreude. Drei Jahre lebten wir zusammen, bevor sie mir unterm Arsch verrostete und starb, aber das ist eine andere Geschichte.

Meine Nebenfrau hieß Lea Annabel Sophie. Damals fing das an mit diesen Eltern, die alles daran setzen, dass ihre Kinder es mal schlechter haben als sie. Ihre erste Amtsmisshandlung ist die Erfindung gehobener Vornamen. Seitdem Lea Annabel Sophie bis drei zählen konnte, dankte sie es ihren Eltern mit einer Mischung aus Trauer, Mitleid und Verachtung. In unserer ersten Nacht fragte ich sie, ob ich sie Finnja nennen dürfe. Sie bat mich, es einmal auf diese bestimmte Art zu sagen, ins Ohr, im Taumel, gehaucht. Als wir fertig waren, bejahte sie mit einem langen schmutzigen Kuss.

Finnja also. Wie ich kannte sie Papiergeld nur vom Hörensagen, und so war Janis alles, was wir hatten. Abends gaben wir ihr was zu trinken, zum Dank fuhr sie uns ein paar Stunden durch die Städte und Brachen des Ruhrgebiets, das unser Zuhause war und das wir alle drei kannten bis in die letzten Feldwege. So blieb nichts übrig für Kino, Kneipe, Essengehen oder wie immer ärmere Pärchen sich eine Zeit vertrieben, die sie nicht zu füllen wussten. Wir sahen mehr Filme als sie alle zusammen, wir tranken den Fahrtwind, und wenn wir Hunger hatten, brachte Janis uns nach Hause, wo wir uns heiße Nudeln schenkten, an Feiertagen mit Ketchup. In einer dieser unendlichen Nächte war es, Mitte August, da baumelte mir Finnja eine in den Mund und fragte:

»Kennst du die Ardèche?«

Kauend wackelte ich mit dem Kopf.

»Südfrankreich. Komm, Baby, wir fahren. Nimm Geld für Janis mit.«

Motorräder wurden erfunden, damit es Fahrzeuge gibt, bei denen sich zwischen dem Vorne- und der Hintensitzenden weder Rückenlehne schiebt noch sonst was. Die Hintere hält den Vorderen umklammert, und so fällt erstens keiner runter, und so ist zweitens alles gut, ein endloser Liebesakt unter freiestem Himmel, und je wilder die Welt vorbeiflog, desto wilder schlug Finnja ihre Krallen in meine Brust. Der Mond war voll, die späte Nacht war leer und weit und warm, und Janis sang ihr helles Lied. Auch im fünften Gang krächzte sie wie nach frischem Whiskey, ab 110 klang es nach Stimmbandinfarkt. Unsere Helme waren vom Flohmarkt und ein bisschen dünn überm Ohr. Als säßen wir im Auspuff.

So bogen wir vor Holland auf die Landstraßen nach Süden und tauchten ab in die grünen Kurven zwischen Liège und Luxembourg. Janis fuhr jetzt 80, auf letzten Hustern verebbte ihre Heiserkeit, dann flog sie mit der Reinheit eines Glockenspiels dahin. Unsere Helme wurden zu Kopfhörern, wir drei verschmolzen zu einem Körper aus Klang, Berührung und Ewigkeit. Auch Finnja war mit der Uni fertig; sie hatte vorm Examen geschmissen, und ohne Arbeit und Berufsziel, ohne Geld und Sorgen flogen wir durch die Galaxis, und es sollte nie wieder aufhören.

Hörte es aber.

Die Sonne hatte ihren Tiefschlaf um und träumte blaues Morgenrot, da hingen wir von einem Augenblick zum andern in der Luft. Nicht, dass wir spürbar abgehoben hätten – es gab kein Unten mehr. Die Straße war weg. Sie war verschwunden. Alle beide Reifen drehten sich im Nichts. Kurz dachten wir, unsere Liebe hätte die Erde nun tatsächlich verscheucht, und nichts würde mehr existieren außer uns und dem Universum: Janis, Finnja und ich, die letzten Lebenden und Liebenden.

Dann kam die Erde wieder.

Es war wirklich Erde. In einer Minute würden wir sie in unseren Händen halten, ein Gemisch aus Steinen, Sand, Lehm und Geröll, und uns lange wundern, dass wir lebten. Jetzt aber setzten die Reifen auf nach einem Flug, der uns fünfzehn Meter weiter und rund zwei Meter tiefer gebracht hatte, und wäre es ein x-beliebiges Motorrad gewesen, wir wären gestürzt, gerutscht, gestorben. Es war aber Janis. Meinen panischen Versuch, ihre Geschwindigkeit von 80 augenblicks auf deutlich unter zehn zu drosseln, beantwortete sie mit einem so gelassenen Bremsen, als wüsste sie von ABS. Und obwohl meine Stiefel den Boden pflügten und herumfuchtelten wie besoffene Rodler, blieb sie kerzengrade, quietschte kurz vor Stolz, rollte aus und stellte sich auf den Ständer.

Wir stiegen ab. Wie betäubt sah ich Finnja an. Sie hatte unzählige bizarr geformte rotweißschwarze Flecken im Gesicht. Ich sagte ihr das. Statt einer Antwort lüftete sie mein Visier.

»Huch. Du bist wieder gesund«, sagte ich.

»Da sind ein paarhundert Mücken drauf«, sagte sie, ich schaute es mir an, es stimmte. Mein Visier war ein Massengrab (es war noch vor dem großen Insektensterben aus anderen Gründen, jW).

»Viel hast du dadurch nicht gesehen«, sagte sie, dann gingen wir zur Bruchstelle. Ein Abgrund, gehauen wie von einer Herde Riesenschaufelbagger. Vor lauter posthumem Schiss wurden unsere Knie weich und wir auf einen Schlag todmüde. Matt schoben wir uns und Janis von der Straße und fanden ein bisschen Wiese, wo wir, aus Angst vor Räubern und Bären, weder Ledercombi noch Helm auszogen, sondern wie runtergefallene Marsmenschen dalagen, uns umarmten und umbeinten … und wegschlummerten … und hätte uns jemand entdeckt, er hätte alle Ufo-Spinner Luxemburgs zusammengesimst, und sie hätten uns angebetet und zu ihrem Kaiserehepaar gemacht, Kaiser Thomasius der Außerirdische von Luxemburg und seine liebreizende Finnja die Schnarchende.

Es kam aber keiner.

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Die Ardèche, ahh! Beim Aufwachen war uns, als könnten wir sie und gar das Salz des Mittelmeers schon riechen, so schweißnass waren unsere Helme. Kurz vor Mittag stand die Sonne, hungrig, durstig und schwach stiegen wir auf. Janis fuhr die seltsame Straße nun zurück, und bald fanden wir, was wir suchten: ein kaum baumhohes Baustellenwarn- und Durchfahrtsverbotsschild mit dem französischen und, gleichgroß darunter, deutschen Wort für »Lebensgefahr!«, leider unsichtbar für nachtmückenverseuchte Visiere. Wir tranken aus einer Pfütze, hielten vor Metz für zwei Baguettes von gestern, vier Tomaten vom Vorjahr und zehn Liter Super, dann standen wir, Auge in Auge, vor der endlosen Strecke nach Süden, sagten uns, dass wir uns liebten, und Janis ritt los.

Sie wusste, was sie konnte. Sie wählte die Landstraße entlang der Schweizer Grenze. Nancy, Mulhouse, Besançon, die Namen flogen an uns vorbei, runter nach Pontarlier, St. Claude, Bourg, die Orte stellten das Vorbeifliegen ein, sie verlegten sich aufs Gehen, bald aufs Krabbeln; und am späten Nachmittag, vor Chambéry, 50 Kilometer südöstlich von Lyon, war es nicht mehr zu leugnen: Janis war krank.

Schwerkrank sogar.

Zunächst hatte sie auch leichte Steigungen nurmehr im vierten Gang gepackt. Dann im dritten. Hinter Genf ging sie in den zweiten runter, und Finnja spürte keine Angst, als sie während der Fahrt erst ihren, dann meinen Helm abnahm und mir ins Ohr flüsterte: »Liebster, Gasgeben ist rechts. Du musst den Griff zu dir hindrehen …«

»Haha.« Ich fand das nicht lustig. Denn noch wollte ich es nicht wahrhaben. »Sei nicht zu streng mit ihr«, sagte ich. »Der Sprung hat sie erschöpft. Vermutlich auch verängstigt. Stell dir vor, dir würde so was passieren bei 80 oder 90, im Dunkeln …«

Zum erstenmal auf dieser Fahrt nahm Finnja ihre Arme von meiner Brust. »Thomas, es ist eine Maschine«, sagte sie. »Im Moment eine ziemliche Scheißmaschine.«

»Bitte, Finnja: kein Wort gegen Janis. Lauf doch, wenn’s dir lieber ist.«

»Schneller wär’ es«, sagte sie. »Und für dich immer noch Lea Annabel Sophie.«

Da war sie, unsere erste Krise. Aber ich wollte nicht reden mit Finnja. Nicht jetzt. Ich machte mir Sorgen um Janis. Sie stöhnte und dröhnte, schnaufte und sprotzte, dann geschah, auf einer mittelschweren Steigung, das Unabwendbare: Sie ging in den ersten Gang. Aber auch das half nicht mehr. Sie wurde noch langsamer, ihr Atmen flacher und flacher, und als wir vom ersten Radfahrer überholt wurden, konnte ich meine Tränen nicht mehr halten. Eine komplette Fahrradfahrersippe ließ uns liegen, vorn der viel zu fette Vater, dahinter die verzogene Brut, acht und fünf Jahre alt vielleicht. Am Ende die Mutter. Sie grüßte uns lächelnd, grinsend, giftig und falsch wie eine Sandviper. Es war die Stunde des Erbfeinds, eine Prozession französischen Demütigungswillens.

»O Janis«, flüsterte ich weinend, »o meine liebste Janis.« Ich spürte einen kräftigen Schlag im Rücken.

»›O meine liebste Finnja‹ muss es heißen«, sagte Finnja seltsam tonlos. Ich sah mich um. Finnja trug nun Sonnenbrille. In der Linken hielt sie eine Zigarette, mit der rechten schrieb sie in ihr Tagebuch. Die linke Gepäcktasche war offen. Noch einmal griff Finnja hinein.

»Hab da was gefunden«, sagte sie. »Janis, bleib stehen. Es gibt Notfalltropfen. Musst nicht weinen, sie sind süß.«

Ich verstand kein Wort. Von der Randböschung aus verfolgte ich, wie Finnja eine runde Flasche aus dem Gepäck zog und Janis damit operierte: Sie schraubte sie am Unterbauch auf, goss die Flüssigkeit hinein, machte Janis wieder zu und drückte auf den E-Starter. Das Wunder geschah. Innerhalb von Sekunden kehrte das Leben in Janis zurück, die Kraft und der Stolz, sie hieß uns aufsteigen und bretterte los, bald holten wir die frechen Radfranzosen wieder ein und überholten sie sogar, und ich weinte vor Glück.

Ihr Geheimnis verriet mir Finnja nie. Erst zwei Jahre später verstand ich, dass sie Janis etwas gegeben hatte, was sie von mir bis dahin nie bekommen hatte, Notfalltropfen namens Öl.

Das Ardèchetal war unser Himmel. Wir fuhren umher, von Badebucht zu Badebucht, liebten uns jeden Tag und jede Nacht, und auch mit Finnja funktionierte es. Irgendwann wollte sie dann keine Nebenfrau mehr sein und ging zu einem anderen, einem mit Motorrad ohne Namen. Ich war todtraurig und verstand nicht warum. Und in dieser Trauer verlor ich alle Lust auf Janis. Zwei Jahre ließ ich sie in Wind und Wetter stehen und vergammeln, dann, es war ein graue Sommernacht, begrub ich sie im Park.

Ich besuchte sie nie wieder.

Thomas Gsella, Jahrgang 1958, ist Dichter und Schriftsteller, vor allem komischer. Er war viele Jahre lang Redakteur und von 2005 bis 2008 Chefredakteur des Frankfurter Satiremagazins Titanic. Seine Gedichte und Geschichten erscheinen in allen führenden deutschsprachigen Printmedien, natürlich auch junge Welt. An dieser Stelle erschien zuletzt in der Ausgabe vom 17./18. Juli 2019 die Laudatio »Die Wahrheit über Hans Traxler«.

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