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Aus: Ausgabe vom 17.10.2020, Seite 12 / Thema
Geschichte des Zweiten Weltkriegs

»Also, das bedeutet Krieg!«

Vor 80 Jahren begann die italienische Aggression gegen Griechenland mit weitreichenden politischen und militärischen Folgen
Von Martin Seckendorf
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So stellte sich die griechische Propaganda das Schlachtgeschehen nach dem Einmarsch der italienischen Faschisten vor. Und in der Tat, die Invasion endete für Mussolini in einem Debakel (Propagandazeichnung vom Januar 1940)

Am 4. April erschien auf diesen Seiten sein letzter Artikel. Thema war die Befreiung Ungarns durch die Rote Armee vor 75 Jahren. Vier Tage später schrieb Martin an die Redaktion und bedankte sich, so wie er es immer tat. Doch dieses Mal war es zugleich ein Abschied. Martin stand vor einer schweren Magen-OP, und er schien zu wissen, dass er nicht mehr für uns würde schreiben können: »Es wird wohl mein letzter Aufsatz gewesen sein.« Und er endete: »Für den Fall, dass wir uns nicht mehr sprechen können, möchte ich mich dafür bedanken, dass mir die junge Welt seit ziemlich genau 20 Jahren eine Plattform geboten hat, meine marxistische Geschichtsauffassung darzulegen«.

Am Mittwoch abend ist der Historiker Martin Seckendorf nach langer Krankheit im Alter von 82 Jahren gestorben. Ausgebildet in der DDR und dort im Dokumentationszentrum der Staatlichen Archivverwaltung tätig, stand er bis zu seinem Tode der 1992 gegründeten »Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung« vor. Eine auf deren Webseite veröffentliche Bibliographie aus dem Jahr 2018 verzeichnet 151 Beiträge aus seiner Feder zumeist Aufsätze in Sammelbänden, Zeitschriften und Zeitungen. Für junge Welt allein schrieb er seit dem Jahr 2000 insgesamt 112 Artikel. Sein gesamtes Schaffen drehte sich um die Erinnerung an die Verbrechen der deutschen Kriegs- und Mordmaschinerie vor allem während des Zweiten Weltkriegs, aber auch des Ersten Weltkriegs.

1991 erschien auf Griechisch die von ihm erstellte Dokumentensammlung »Hellas unterm Hakenkreuz«, ein Jahr später der von ihm herausgegebene und eingeleitete Band »Die Okkupationspolitik des deutschen Faschismus in Jugoslawien, Griechenland, Albanien, Italien und Ungarn (1941–1945)« in der bedeutenden Dokumentenreihe »Europa unterm Hakenkreuz«. Die Herausgabe der noch vor 1990 begonnenen Reihe konnte nach dem Ende der DDR nur unter widrigen Bedingungen realisiert werden. Für eine informierte marxistische Geschichtswissenschaft hatten die neuen Herrscher zwischen Elbe und Oder keinen Bedarf mehr. Kritische Historiographie findet seither bloß an den Rändern statt.

Martin Seckendorf wird dieser Zeitung mit seinen profunden Artikeln fehlen. Wir möchten uns von ihm verabschieden und seiner erinnern mit dem Nachdruck eines Aufsatzes, den er vor knapp zehn Jahren, am 28. Oktober 2010, an dieser Stelle veröffentlicht hat. (jW)

Am 28. Oktober 1940 um drei Uhr morgens überreichte der italienische Gesandte in Athen, Graf Emmanuelle Grazzi, dem griechischen Ministerpräsidenten Ioannis Metaxas ein Schreiben, in dem den Griechen unfreundliche Akte und Parteinahme zugunsten Großbritanniens vorgeworfen wurden. Die Italiener verlangten die Übergabe mehrerer nicht näher bezeichneter strategischer Punkte in Griechenland. Jeder Widerstand werde mit Waffengewalt unterdrückt. Bis sechs Uhr morgens des selben Tages erwarte man eine Antwort. Metaxas lehnte das Ansinnen, wie von den Absendern der Note vorgesehen, ab und fügte hinzu: »Also, das bedeutet Krieg!«. Die griechische Propaganda verkürzte die Antwort Metaxas’ auf das Wort »oxi« (nein). Bis heute ist der 28. Oktober als Oxi-Tag ein griechischer Feiertag. Noch vor Ablauf des Ultimatums begannen italienische Truppen von Albanien aus die Kampfhandlungen gegen Griechenland.

Volkskrieg gegen Aggressoren

Wenig später wandte sich Metaxas mit einer demagogischen Rede an die Öffentlichkeit und rief die Griechen, die er seit 1936 als faschistischer Diktator unterjochte, zum Kampf gegen den Aggressor auf. Demagogie und Heuchelei sind auch daran zu ermessen, dass die zahlreichen, in den Balkankriegen 1912/13 und im Ersten Weltkrieg erfahrenen Offiziere, die aus politischen Gründen von Metaxas aus der Armee entfernt worden waren, selbst jetzt nicht zum Militärdienst zugelassen wurden.

Der italienische Kriegsplan sah vor, von Albanien aus die griechische Westküste bis zum Golf von Arta und die Ionischen Inseln zu besetzen, einen zweiten Stoß ostwärts auf Thessaloniki zu führen und danach den Rest des Landes zu unterwerfen. Das ganze Unternehmen sollte höchstens vier Wochen dauern.

Die Griechen traf der Aggressionsakt nicht unvorbereitet. Monatelange Pressehetze der Italiener und »Zwischenfälle« hatten sie veranlasst, eine verdeckte Mobilmachung durchzuführen. Das von den Italienern einkalkulierte Überraschungsmoment ging dadurch verloren. Die griechischen Truppen waren den Italienern bei Panzern und Flugzeugen unterlegen. Für die Italiener überraschend, zeigten die griechischen Soldaten eine hohe Kampfmoral. Viele Griechen sahen die Abwehr des italienischen Faschismus als nationale und persönliche Existenzfrage.

Die italienischen Truppen erreichten nur taktische Einbrüche in die flexible griechische Verteidigung und geringe Geländegewinne. An keiner Stelle der etwa 150 Kilometer langen Front gelang ein operativer Durchbruch in die Tiefe. Auf Landungsunternehmen gegen die Ionischen Inseln wurde wegen des schlechten Wetters verzichtet. Schon in den ersten Novembertagen erwies sich, dass die Italiener in maßloser Unterschätzung der griechischen Verteidigungsfähigkeit ihre operativen Ziele nicht erreichen konnten. Die Griechen gingen ab 13. November zur Gegenoffensive über. Großbritannien hatte vertragsgemäß zur Unterstützung der Griechen gegen die Italiener Luftabwehreinheiten der Royal Air Force nach Griechenland verlegt, die in die Kämpfe an der albanischen Grenze eingriffen. Außerdem begannen die Briten, Truppen nach Kreta zu entsenden, um eine Landung der Italiener zu verhindern. Das italienische Vordringen war bis Ende Dezember 1940 rückgängig gemacht. Griechische Truppen drangen weit nach Albanien vor; sie hatten zum ersten Mal im Zweiten Weltkrieg den Truppen der Achsenmächte eine desaströse Niederlage beigebracht. Die Front erstarrte in Südalbanien bis zum April 1941, als ein deutscher Angriff von Bulgarien aus die Lage in Griechenland grundlegend veränderte.

Mit der Aggression wollte der italienische Faschismus einen weiteren Schritt zur Erreichung eines seiner vorrangigen, seit den zwanziger Jahren zäh verfolgten Expansionsziele, nämlich die Erringung der Vorherrschaft auf dem Balkan und die Annexion des Ostufers der Adria, unternehmen. Den ersten Schritt hatte Italien im April 1939 unternommen. Im Windschatten der deutschen Aggression gegen die Tschechoslowakei im März 1939 unterwarf der italienische Faschismus Albanien und gliederte das Land seinem Staatsgebiet ein. Gegen die Annexion des Völkerbund-Mitgliedes erhoben die übrigen Mächte nicht viel mehr als papierene Proteste. Allerdings kam es zu einer britisch-französischen Garantie der Unabhängigkeit und territorialen Integrität Griechenlands. Nach dem schnellen Sieg der Wehrmacht im Juni 1940 in Westeuropa und wegen des in kurzer Zeit erwarteten Zusammenbruchs Englands schien die Lage für den italienischen Faschismus wieder günstiger. Seit August 1940 verschlechterte Italien das Verhältnis zu Griechenland systematisch und traf Vorbereitungen für einen Einfall in Griechenland.

Vor dem Überfall auf die UdSSR

Die Haltung der Naziführung zu den Aggressionsplänen ihres italienischen Verbündeten gegen Griechenland war widersprüchlich. Einerseits war man im Sommer 1940 in Berlin der Meinung, das durch den schnellen Sieg der Wehrmacht in Westeuropa grundlegend veränderte Kräfteverhältnis werde neutrale Länder, vornehmlich die für Deutschland kriegswirtschaftlich wichtigen Balkanstaaten, veranlassen, sich in das von Berlin geführte Bündnissystem zu begeben. Auch Griechenland werde über kurz oder lang seine traditionell engen Bindungen an Großbritannien lösen, die britische Garantie aus dem Jahr 1939 nicht in Anspruch nehmen und in das Lager der faschistischen »neuen Ordnung« wechseln. Dann könnten auch territoriale Forderungen auf dem Verhandlungswege durchgesetzt werden. Der deutsche Gesandte in Athen, Viktor zu Erbach, verlangte am 13. August 1940 in einem Gespräch mit dem griechischen Premierminister Metaxas mit drohendem Unterton eine »Neuorientierung gesamtgriechischer Außenpolitik«. Die Forderung wies Metaxas mit Verweis auf die ungebrochene Machtstellung Britanniens im östlichen Mittelmeer zurück. Andererseits drängte die deutsche Führung bereits seit Juli 1940 Italien, von seiner Kolonie Libyen aus in das englisch beherrschte Ägypten einzufallen, um die britische Stellung im östlichen Mittelmeer und im Nahen Osten zu bedrohen. In diesem Zusammenhang sollte Italien auch die griechische Insel Kreta besetzen. Gleichzeitig trieb das Oberkommando des Heeres Planungen für eine Besetzung Kretas durch deutsche Truppen voran. Hitler äußerte, »dass Kriegführung im ostwärtigen Mittelmeer zu raschen Erfolgen führen wird, wenn man Kreta besitzt«.

Inzwischen war in Berlin die schwerwiegendste Entscheidung des Zweiten Weltkrieges gefallen: Die Naziführung wollte im Frühsommer 1941 die Sowjetunion angreifen. In der Zwischenzeit hoffte man, Großbritannien zu einem Kompromissfrieden zu bewegen. Am 30. Juni 1940 hatte der Generalstabschef des Heeres, Franz Halder, in seinem Kriegstagebuch notiert: »England wird voraussichtlich noch einer Demonstration unserer militärischen Gewalt bedürfen, ehe es nachgibt und uns den Rücken frei lässt für den Osten.« Die operativen Studien der Wehrmacht hatten ergeben, dass die vorgesehene Invasion der britischen Inseln schwierig sei. Hitler entschied, die Landung »bis auf weiteres« zu verschieben. Der Chef des Wehrmachtsführungsstabes im Oberkommando der Wehrmacht (OKW), Alfred Jodl, dekretierte am 14. August 1940, der »englische Widerstandswille« müsse bis zum Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion gebrochen werden. Man könne die Briten aber »auch auf anderem Wege« als durch eine riskante Landung auf der Insel »in die Knie zwingen« und zu einer Verständigung mit Deutschland bewegen, vor allem durch die Brechung der Machtstellung Englands im Mittelmeer. Dadurch wäre auch die Bedrohung der Südflanke nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion durch britische Streitkräfte beseitigt. Die Abteilung Landesverteidigung im OKW schrieb am 9. August, es bestehe »begründete Aussicht (…), die englische Stellung im Mittelmeer in den Wintermonaten zu Fall zu bringen«. Die deutsche Führung informierte zwar die Italiener über die neue Strategie gegen England, jedoch nicht über ihre Pläne gegen die Sowjetunion.

Die italienische Führung wusste sich nach mehreren Gesprächen, unter anderem am 4. Oktober 1940 zwischen Hitler und dem italienischen Faschistenführer Benito Mussolini am Brenner, mit ihren Aggressionsabsichten gegen Griechenland im Einklang mit den deutschen Bestrebungen zur Ausschaltung Großbritanniens im Mittelmeer. Im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Überfall auf die Sowjetunion schien dem OKW jedoch die Eröffnung eines neues Kriegsschauplatzes auf dem Balkan nicht erforderlich und auch nicht ungefährlich. Hitler erklärte am 5. Dezember 1940 vor den Spitzen der Wehrmacht, der Krieg um die Vorherrschaft auf dem Kontinent werde nicht im Mittelmeer entschieden. »Die Entscheidung über die europäische Hegemonie fällt im Kampf gegen Russland.« Danach wären die in Deutschland Herrschenden die Herren Europas und könnten alle »Neuordnungswünsche« auch im Mittelmeergebiet problemlos durchsetzen. Andererseits befürchtete das OKW, dass ein militärischer Einfall Italiens in Griechenland, insbesondere dann, wenn ein schneller Sieg nicht gelingt, die Stationierung britischer Truppen in Griechenland zur Folge haben, die fragile deutsche Vorherrschaft in den sogenannten neutralen Staaten des Balkans – Jugoslawien, Rumänien und Bulgarien – erschüttern und vor allem die für den Krieg gegen die Sowjetunion unentbehrlichen rumänischen Ölfelder in Reichweite der Royal Air Force bringen könnte. Immerhin kamen 1941 mehr als 98 Prozent des deutschen Ölimports aus Rumänien.

Imperialistische Beziehungen

Unmittelbarer Anlass für den italienischen Angriff war die Entsendung deutscher Truppen zur Besetzung der rumänischen Erdölfelder ab 12. Oktober 1940. Von der deutschen Aktion, die die internationale Presse als Okkupation bewertete, erfuhr die italienische Führung aus den Zeitungen. Die deutschen Maßnahmen wurden von Rom als besonders demütigend empfunden, weil man seit dem 22. Mai 1939 durch den »Stahlpakt« militärischer und politischer Hauptverbündeter Nazideutschlands und mit Berlin zusammen Garantiemacht für die territoriale Integrität Rumäniens nach dem 2. Wiener Schiedsspruch vom 30. August 1940 war. Vor allem waren die Italiener darüber verärgert, dass Deutschland Truppen in eine Region schickte, die in offiziellen Gesprächen von Deutschland als politischer Einflussbereich des italienischen Faschismus anerkannt worden war. Die Handlungen der deutschen und der italienischen Führung ab Sommer 1940 werfen ein Schlaglicht auf das deutsch-italienische Bündnis. Die deutschen Führer sahen ihre italienischen Partner weder als gleichberechtigt noch als gleichwertig an. Die Deutschen betrachteten sich als Herrenmenschen. Zu keinem Zeitpunkt des Zweiten Weltkrieges kam es zu einem Koalitionskrieg. Die deutsche Seite führte ihre Eroberungsfeldzüge vor allem im Westen ohne Absprache mit dem Bündnispartner.

Mit der Besetzung Griechenlands wollten die italienischen Faschisten unabhängig vom arroganten deutschen Partner einen militärischen Sieg erringen, auch um dem Verbündeten bei den bald erwarteten Nachkriegsregelungen auf Augenhöhe entgegentreten zu können. Außerdem galt es, den politischen Führungsanspruch im Balkan- und Mittelmeergebiet auch gegenüber Deutschland durchzusetzen. Die deutschen Behörden waren detailliert über die italienischen Pläne informiert, eine offizielle Unterrichtung der deutschen Regierung unterblieb jedoch. Mussolini informierte Hitler über den Kriegsbeginn erst am 28. Oktober in Florenz, wo sich beide zu gemeinsamer Beratung trafen.

Folgen des italienischen Desasters

Die Haltung der deutschen militärischen Führungsschicht zu der italienischen Aggression verdeutlichte am 24. Oktober der Chef der Abteilung Landesverteidigung im Wehrmachtsführungsstab, Walter Warlimont, in der Lagebesprechung des OKW: »Große Vorteile, wenn es Italien gelingt, Griechenland in seine Hand zu bringen, aber ebenso große Nachteile, wenn dies wegen unzureichendem Kräfteeinsatz nicht gelingt.« Als sich nach wenigen Tagen abzeichnete, dass die italienische Aggression scheitern, zumindest aber nicht der angekündigte kurze Feldzug werden sollte, setzte vehement die Kritik der deutschen Führung ein. Die Einwände richteten sich nicht gegen die Militäraktion. Die Kritik betraf den nach Ansicht der deutschen Militärs zu geringen Einsatz militärischer Kräfte, wodurch ein schneller Erfolg von Anfang an in Frage gestellt worden sei. Auch wäre die Jahreszeit für großräumige Operationen in diesem Gelände äußerst ungünstig. Daneben wurde immer wieder betont, die Italiener hätten nicht das griechische Festland, sondern die Insel Kreta angreifen sollen.

Wegen des desaströsen Verlaufs der Aggression beschloss die deutsche Führung schon am 4. November, Griechenland im Frühjahr 1941 anzugreifen. Der geplante Blitzkrieg sollte ohne Beteiligung der italienischen Streitkräfte von Bulgarien aus geführt werden. Zunächst war vorgesehen, nur den Nordteil Griechenlands bis zur Nordküste der Ägäis zu besetzen. In der »Weisung Nr. 18« vom 12. November 1940 wurde befohlen, »aus Bulgarien heraus das griechische Festland nördlich des Ägäischen Meeres in Besitz zu nehmen und damit die Voraussetzungen für den Einsatz deutscher Fliegerverbände gegen Ziele im ostwärtigen Mittelmeer zu schaffen, insbesondere gegen diejenigen englischen Luftstützpunkte, die das rumänische Ölgebiet bedrohen«. In den weiteren Planungen wurde der zu erobernde Raum ausgedehnt. Schließlich wollte man das ganze griechische Festland besetzen. Auf Drängen der deutschen Luftwaffen- und Marineführung war auch die Besetzung der Inseln, vor allem Kretas, geplant. Die »Weisung Nr. 20« vom 13. Dezember 1940 legte fest, »die Wehrmacht zur Besitznahme (…) des ganzen griechischen Festlandes anzusetzen (Unternehmen Marita).« In der »Weisung Nr. 28« vom 25. April 1941 heißt es: »Als Stützpunkt für die Luftkriegsführung gegen England im Ost-Mittelmeer ist die Besetzung der Insel Kreta vorzubereiten (Unternehmen Merkur).« Für den Einfall in Griechenland wurde in Rumänien eine deutsche Armeegruppe bereitgestellt, die über Bulgarien hinweg in Griechenland eindringen sollte.

Die Konzentration der Angriffsarmee blieb den griechischen und britischen Stellen nicht verborgen. Anfang Januar 1941 meldeten griechische Beobachter, dass die Deutschen zehn bis zwölf Divisionen und starke Luftstreitkräfte in Rumänien und Bulgarien zusammenzogen. Daraufhin stationierten die Briten auf Bitten Athens in größerem Umfang Bodentruppen in Griechenland. Diese sollten im Gegensatz zu den zuvor gelandeten Kräften der Royal Air Force nicht zur Abwehr der italienischen Aggression, sondern zur Unterstützung der Griechen gegen einen deutschen Angriff eingesetzt werden. Erst der deutsche Aufmarsch hatte also exakt zu jener Situation geführt, die die deutschen Verantwortlichen vermeiden wollten und die dann als Hauptargument für die Aggression gegen Griechenland diente.

Die Niederwerfung Griechenlands wurde zeitlich so geplant, dass die eingesetzten Truppen rechtzeitig wieder für den Überfall auf die Sowjetunion bereitgestellt werden konnten. »Die Operation ›Marita‹«, meinte Hitler am 5. Dezember 1940, »bedeutet keinen Verlust für unsere sonstigen Pläne.« Die Lage änderte sich erst am 27. März 1941. An diesem Tag verließ Jugoslawien das faschistische Bündnissystem, dem es erst zwei Tage zuvor beigetreten war. Dadurch schien der deutschen Führung die in zwei Jahrzehnten komplexer Expansionspolitik mühsam erreichte Kontrolle über den Balkan so kurz vor dem Überfall auf Griechenland und die Sowjetunion zu entgleiten. Die Naziführung beschloss, Jugoslawien und Griechenland gleichzeitig militärisch zu unterwerfen. Für den größeren Einsatz wurde eine Verschiebung des Überfalls auf die Sowjetunion um vier Wochen in Aussicht genommen.

Risse im faschistischen Bündnis

Das italienische Debakel im albanischen Grenzgebiet hatte gravierende Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Berlin und Rom. Die deutsche Führung sah ihre Einschätzungen und all die rassistisch begründeten Vorurteile gegen den Bündnispartner bestätigt. Es wurde offenbar, wie schon das Scheitern der am 12. September begonnenen italienischen Offensive gegen Ägypten gezeigt hatte, dass zwischen den ausufernden Expansionszielen des italienischen Imperialismus und seinen ökonomischen und militärischen Möglichkeiten eine große Kluft herrschte. Die deutsche Führung begegnete diesem Umstand und den daraus resultierenden militärischen Schlappen mit Schadenfreude und Häme. Italien müsse, so der Tenor, seine Expansionsziele, die vor allem auf dem Balkan, in Frankreich und im Nahen Osten mit der deutschen Politik kollidierten, den eingeschränkten Möglichkeiten anpassen. Ministerialdirigent Hermann Landwehr vom Reichswirtschaftsministerium äußerte am 13. September 1940 gegenüber einem Vertreter des IG-Farben-Konzerns, »dass die geopolitische Lage und die natürlichen Voraussetzungen Italiens jetzige Ansprüche selbst im Mittelmeerraum reduzieren müssten«. Hitler erklärte am 5. Dezember 1940 vor den Spitzen der Wehrmacht: »Die unerfreuliche Lage in Albanien hat auch ihre Vorteile (…) Der Misserfolg wirkt als gesunde Zurückschraubung der italienischen Ansprüche auf die natürlichen Grenzen des italienischen Vermögens.«

Von weitreichender Bedeutung dieses Ziel-Mittel-Konflikts war eine wachsende militärische und wirtschaftliche Abhängigkeit des italienischen Faschismus von Nazideutschland. Die Deutschen nutzten die Abhängigkeit skrupellos aus, was von den in Italien Herrschenden als demütigend empfunden wurde und mit zum Bruch des Bündnisses im Sommer 1943 beitrug. Seit der Aggression gegen Griechenland war Italien von einem Verbündeten zum Vasallen Deutschlands herabgesunken.

Am 6. April 1941 fiel die Wehrmacht von Bulgarien aus in Griechenland ein und warf das Land ohne italienische Beteiligung binnen drei Wochen nieder. Die am 3. Mai in Athen durchgeführte Siegesparade war allerdings die letzte, die die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg veranstalten konnte. Über Griechenland senkte sich für mehr als drei Jahre die Nacht faschistischer Okkupation.

Die nächste Siegesparade hatten die deutschen Machthaber für Weihnachten 1941 in Moskau geplant. In der Schlacht um die sowjetische Hauptstadt im November/Dezember 1941 brachten die Soldaten der Roten Armee den faschistischen Truppen eine verheerende Niederlage bei und durchkreuzten damit nicht nur die deutschen Paradepläne, sondern alle Blitzkriegsillusionen.

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