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Aus: Ausgabe vom 17.10.2020, Seite 11 / Feuilleton
Bukowski 100

Ein Häuschen von Buk

Ein Abend zu Charles Bukowski in der junge Welt-Ladengalerie
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»Wie im Fernsehstudio«: Peter Merg, Sarah Käsmayr und Frank Schäfer

Bei Lesungen von Charles Bukowski (1920–1994) soll es zugegangen sein wie beim Zirkus, beim Abend über den Great American Underdog im Rahmen der jW-Lesewoche herrschte zunächst einmal nüchterne Betriebsamkeit. Auf dem für Livestream und Videoaufzeichnung wie im Fernsehstudio ausgeleuchteten Podium saßen Sarah Käsmayr von Bukowskis deutschem Hausverlag Maro, Schriftsteller Frank Schäfer und jW-Redakteur Peter Merg.

Bevor in der Debatte einer abheben konnte, schlug Schäfer den Pflock ein, dass Bukowski »sein Leben lang gelangweilt war von der akademischen Szene«. Auch habe seine politische Organisierbarkeit nahe null gelegen. »Er war in einer Weise links, die ganz basal ist: Er ist Plebejer.« Seine Literatur dagegen sei »in einem fast schon klassenkämpferischen Sinn« kalkuliert »trivial« gewesen, las Schäfer später aus seinem aktuellen Band »Notes on a Dirty Old Man. Charles Bukowski von A bis Z« (Zweitausendeins): »Literatur, Kunst überhaupt, sollte nicht nur eine Beschäftigung für eine kleine Bildungselite sein, sondern für alle.«

Hinter dem Podium an der Wand hing – online gut im Bild – ein Plakat, das Käsmayr mitgebracht hatte. Es zeigt Bukowski im Herbst 1985. Gerade hat er Linda geheiratet, tanzt mit ihr auf einer verregneten Straße, lächelt ein wenig schief, wirkt aber glücklich. Das mit dem »Hausverlag« Maro sei »etwas witzig«, stellte Käsmayr irgendwann nebenbei klar. Ihr Vater, Verlagsgründer Benno Käsmayr, habe von den Bukowski-Verkaufserlösen in den 70ern tatsächlich ein »Häuschen gebaut, in dem ich aufgewachsen bin«. Mit dem Erfolg wurde Bukowski damals schnell unerschwinglich; erst seit einigen Jahren könne man sich die Lizenzen wieder leisten, so Käsmayr.

Aus dem Maro-Gedichtband »Dante Baby, das Inferno ist da!« trug sie »Eure Sorgen möcht ich haben« vor. »Wenn hier die erste Bombe fällt, kapieren sie vielleicht, / weshalb ich nichts auf ihr Geschwätz gegeben habe«, heißt es da in der Übersetzung von Esther Ghionda-Breger. Am Ende geht es um Regentropfen, die »ins Leere « laufen »oder die kleinen Mädchen mit ihren niedlichen / Löckchen / die rumsitzen und warten«.

Zu der Internetpublikumsfrage, ob der öde Bukowski nicht »gerade künstlerisch eine Sackgasse« sei, mochte Käsmayr nicht viel sagen. Auf unbeschrittene Wege, die von der Bukowski-Gasse abgehen, hatte Schäfer vorher hingewiesen. Übersetzer Carl Weissner, dem der Dichter seinen Erfolg in der BRD maßgeblich zu verdanken hatte, habe Zeit seines Lebens von einer nie veröffentlichten Story über Kannibalismus in Kalifornien geredet. Die Stunde dieser Story könnte bald kommen. (jW)

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