Gegründet 1947 Donnerstag, 29. Oktober 2020, Nr. 253
Die junge Welt wird von 2422 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 14.10.2020, Seite 5 / Inland
Serie

Bildung für alle

In ein neues Deutschland. Was mit der DDR verlorenging. Teil 4: Schulsystem förderte das Potential aller Lernenden
Von Internationale Forschungsstelle DDR
5.jpg
Chemieunterricht in der 7. Klasse einer Allgemeinbildenden Polytechnischen Oberschule in Rostock

Auferstanden aus Ruinen und untergegangen durch den Anschluss. Was machte die DDR einzigartig? Dieser Frage widmet sich unsere Artikelreihe, die soziale Errungenschaften in den Blick nimmt, die für die Menschen im sozialistischen deutschen Staat selbstverständlich waren. Die siebenteilige Serie erscheint als Kooperation des Vereins Unentdecktes Land (unentdecktes-land.org), der Internationalen Forschungsstelle DDR (ifddr.org) und der Tageszeitung junge Welt.

Auf der Dauerbaustelle Bildungssystem ergreifen heute noch die meisten Ostdeutschen Partei für die Schule der DDR. Auch manche Pädagogen, überlastete Eltern und unbeschäftigte Kinder gewinnen dem damaligen Konzept immer mehr ab: Gesamtschule, Ganztagsbetreuung, Einblick in die Arbeitswelt, Chancengleichheit – heutige Adaptionen zeigen, wie gut sich Elemente des DDR-Bildungssystems auch in eine Marktwirtschaft integrieren lassen. Doch weder können die Verhältnisse einfach übertragen, noch kann der Unterschied ignoriert werden, dass die DDR ein sozialistischer Staat war – denn dies spielte eine maßgebliche Rolle dabei wie das Bildungssystem funktionierte.

In einer Gesellschaft mit dem verbrieften Recht auf Arbeit war es schlicht »Ressourcenverschwendung«, nicht jedes Kind optimal zu fördern. In der Konkurrenzlogik des Kapitalismus hingegen dient Bildung als Mittel zur Durchsetzung gegen andere. Was mit jenen passiert, die scheitern, kann den erfolgreichen Abiturienten egal sein. In der DDR sollte indes jedem Kind eine umfassende Bildung kostenfrei zuteil werden.

Während in der heutigen Bundesrepublik Kinder bereits früh voneinander getrennt und in verschiedene Schulformen gesteckt werden, die oft vom sozialen Status der Eltern abhängen und einen Aufstieg geradezu verunmöglichen, war man in der DDR bemüht, Schüler so lange wie möglich gemeinsam zu unterrichten. Prägendes Element war dabei der polytechnische Unterricht – ein Tag in der Woche wurde in Produktionsbetrieben verbracht.

Das Bildungssystem umfasste bereits die Krippen für die Jüngsten unter drei Jahren und dann die Kindergärten, in die anschließend gewechselt wurde. Zu einer Zeit, in der Kinderbetreuung im Westen in der Regel Job der Hausfrau war, galt es im Osten als selbstverständlich, dass beide Elternteile gleichberechtigt einem Beruf nachgingen. Umfassende Frauenförderung war Programm und führte bis 1989 zu einer Beschäftigungsquote von 92,4 Prozent. Dies war Basis für deren ökonomische Unabhängigkeit.

Staatsziel war zudem, dass Bildungsabschlüsse nicht länger als eine Art Erbrecht privilegierter Kinder missverstanden werden konnten. Damit wurde in Deutschland erstmals das bürgerliche Bildungsprivileg gebrochen. Der Sinn dahinter war zunächst, einen Rückfall bei der Durchsetzung der sozialistischen Eigentumsverhältnisse zu verhindern und die bürgerliche Ideologie weiter zurückzudrängen. Dies war und ist eine Machtfrage und wurde bewusst parteiisch gelöst: Von zwei gleich qualifizierten Schülern erhielt in der Regel das Arbeiterkind bevorzugt die Möglichkeit, das Abitur zu erwerben.

Die Bildung hörte nach der Schule nicht auf. Das Reifezeugnis für ein Hochschulstudium konnte bei der Facharbeiterausbildung oder auf der Volkshochschule nachgeholt werden. Und damit war der Zugang zu einem Studium auch später noch gegeben. Eine Berufsausbildung nach dem Schulabschluss war keine Strafe für schlechte Noten, sondern das Normale. Studienplätze wurden nach volkswirtschaftlichen Erfordernissen geplant, vergeben wurden sie bei entsprechender Leistung. Unterbrochene Bildungswege, die letztlich doch zu einem abgeschlossenen Studium führten, waren in der DDR keine Seltenheit.

Heute sind prekär beschäftigte Akademiker bei zeitgleichem Lehrermangel Realität. Ein Zustand, den die zentrale Planung der DDR verhinderte. Ein solcher Vergleich zeigt deutlich, woran der Kapitalismus scheitert: Er schafft Ausschlusskriterien im steten Kampf um bessere Chancen, statt gleicher Möglichkeiten für alle und baut Privatschulen, wo Einheitsschulen stehen sollten. Statt das Potential von Kindern zu fördern, soll das System primär den gesellschaftlichen Status quo erhalten. DDR-Anspruch war es, dass zuerst die Leistung, dann die soziale Herkunft zählte.

Außerdem wurden Schulkinder auch zielgerichtet in gesellschaftliche Arbeit einbezogen – von der Wandzeitungsredaktion bis zur Aktivität in einer Massenorganisation oder anderswo im außerschulischen Bereich. Das galt wie die Unterrichtsleistungen als Bewertungskriterium. Solche Aktivitäten vermittelten die auch fürs spätere (Berufs-)Leben wichtige Solidarität, die im Sozialismus keine Tugend, sondern Grundvoraussetzung für das gesellschaftliche Zusammenleben war. Im Kapitalismus heißt Solidarität »soziale Kompetenz« und kann von denjenigen erworben werden, die sich den Auslandsaufenthalt, das Ehrenamt oder das unbezahlte Praktikum leisten können.

Lesen Sie morgen den fünften Teil der Serie: Der Mensch im Mittelpunkt – das Rechtssystem der DDR

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist unverzichtbar, wenn ich meinen Kindern die Welt erklären will – Stefan Köpke, Dresden

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

In der Serie In ein neues Deutschland. Was mit der DDR verloren ging:

In ein neues Deutschland. Was mit der DDR verloren ging

Auferstanden aus Ruinen und untergegangen durch den Anschluss. Was machte die DDR einzigartig? Dieser Frage widmet sich unsere Artikelreihe, die soziale Errungenschaften in den Blick nimmt, die für die Menschen im sozialistischen deutschen Staat selbstverständlich waren. Die Serie erscheint als Kooperation des Vereins Unentdecktes Land, der Internationalen Forschungsstelle DDR und der Tageszeitung junge Welt.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Carsten Glienke, Leipzig: Ohne Beugung Vielen Dank für die Serie »Was mit der DDR verlorenging«! Offensichtlich ging mehr verloren, als der jungen Welt überhaupt klar ist. Ein Satz wie »Heute sind prekär beschäftigte Akademiker bei zeitgle...
  • Lothar Böling, Düren: Weder willens noch fähig Was mit der DDR verlorenging, hat so mancher Schlauberger bis heute nicht bemerkt. 16 Jahre ist es her, da gab es in den Dürener Nachrichten gleich drei bemerkenswerte Artikel dazu: »DDR und Finnland ...

Ähnliche:

  • Brotdosen, Sportveranstaltungen, Tabletcomputer oder Frühstücksf...
    29.09.2020

    Raus aus der Schule

    Verbraucherschützer fordern Verbot von Werbung in Bildungseinrichtungen
  • MIt Pink Floyd gegen die Bildungspolitik der Tories: Auch am 19....
    29.09.2020

    Klassenkampf von oben

    Britische Regierung verbietet antikapitalistische Inhalte im Unterricht