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Aus: Ausgabe vom 02.10.2020, Seite 15 / Feminismus
Kampf gegen Kinderheirat

Schule statt Frühehe

Neue Debatte um Heiratsalter in Indien: Regierungschef Modi und NGOs wollen Anhebung auf 21 Jahre auch für Frauen – für Männer gilt dies schon
Von Thomas Berger
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Bis vor wenigen Jahren üblich: Massenverlobungszeremonie im Dorf Vadia im westindischen Bundesstaat Gujarat, März 2012

Es kommt eher selten vor, das führende Vertreter der von der hindunationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP) dominierten Regierung und progressive NGOs in Indien einer Meinung sind. Doch im Fall eines Vorschlags, den Premier Narendra Modi in seiner Ansprache zum Unabhängigkeitstag Mitte August geäußert hat, trifft genau dies zu. Es geht um die Idee, das gesetzliche Heiratsalter für Frauen von mindestens 18 auf 21 Jahre anzuheben. Damit würde nicht nur der bisherige Unterschied zu der Regelung für Männer beseitigt, für die schon jetzt 21 Jahre gelten. Auch die Auswirkung auf die Bildungsabschlüsse junger Frauen wäre positiv, wie Modi als Begründung anführte. Davon sind auch die in dem Bereich Hilfe leistenden Nichtregierungsorganisationen überzeugt. Sie sehen zugleich eine Reihe weiterer Vorteile.

Die Debatte um das Heiratsalter ist in Indien ein alter Hut – nicht zuletzt, weil gesetzliche Vorgaben und Realität noch immer weit auseinander klaffen – auf dem flachen Land scheren sich viele Familien nur wenig darum, was die Politik im fernen Delhi als amtliche Zahl gerade festgelegt hat. Das Thema ist allerdings auch ideologisch aufgeladen: Gerade männliche Vertreter der BJP haben in der Vergangenheit sogar in vorderster Front eine unrühmliche Rolle gespielt, indem sie wiederholt vorschlugen, das Heiratsalter für Mädchen auf 16 Jahre abzusenken. Damit, so hieß es in vor einigen Jahren entbrannten Diskussionen, könne doch der steigenden Zahl von Vergewaltigungsfällen begegnet werden. Sie behaupteten, eine verheiratete Frau sei vor sexuellen Übergriffen geschützt. Gegen solchen Blödsinn waren Frauenrechtsverbände seinerzeit zu Felde gezogen. Nicht nur im Wissen darum, dass eine Ehe die sexuelle Selbstbestimmung von Minderjährigen nicht ausweitet, sondern sie sogar erzwungenem Sex geradezu ausliefert, sondern auch in dem Bewusstsein, dass eine Eheschließung ganz oft weitere Bildungschancen für die Braut zunichte macht. Je ländlicher die Gegend, desto stärker die Tradition, dass sich eine Frau allein um Haushalt und Kinder kümmern sollte.

Selbst bei Angehörigen der städtischen Mittelschicht kommt es häufiger vor, dass sogar gut ausgebildete junge Frauen mit exzellentem Studienabschluss gar nicht erst im angestrebten Beruf zu arbeiten anfangen, weil die Familie des Mannes dagegen ist. Die Hilfsorganisationen berufen sich bei ihrer Forderung nach Anhebung des Heiratsalters unter anderem auf eine Studie des National Family Health Survey (NFHS), wonach Frauen mit zwölfjähriger Schullaufbahn eher in der Lage sind, später selbst den Zeitpunkt ihrer Hochzeit zu bestimmen als Mädchen mit abgebrochenem Bildungsweg. Letzteres steht oft in direktem Zusammenhang mit einer Zwangsehe. Verwiesen wird auch auf Erhebungen des UN-Kinderhilfswerks UNICEF, wonach bei Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren Schwangerschaftskomplikationen die häufigste Todesursache sind.

Die Erwartungshaltung der Schwiegereltern, dass bald nach einer Eheschließung das erste Kind geboren wird, führt teils zu subtilem Druck, teils zu offener Drangsalierung. Zwar hat Indien durchaus Erfolge zu verzeichnen – so ist die Anzahl der Todesfälle im Zusammenhang mit Schwangerschaft oder Geburt im Zeitraum von 2000 bis 2017 von rund 103.000 pro Jahr auf 35.000 gesunken. Probleme treten bei Minderjährigen aber weit überdurchschnittlich auf, weil deren eigene körperliche Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Auch Anämie und Mangelernährung tragen zu den Risiken bei, die durch eine schnelle Abfolge von Schwangerschaften steigen. Am wenigsten haben extrem junge Ehefrauen die Möglichkeit, sich in der Familie des Mannes mit eigenen Bedürfnissen durchzusetzen. Gut gebildete, damit auch selbstbewusstere Frauen haben eher die Chance, in Fragen der Familienplanung zumindest teilweise mitzureden oder ihr Recht auf Gesundheit einzufordern.

Noch immer werden in Indien jährlich rund 1,5 Millionen minderjährige Mädchen verheiratet – die höchste absolute Zahl an »Kinderbräuten« unter 18 Jahren weltweit. Es ist zwar ein Erfolg, dass ihr Anteil in der Dekade von 2005 bis 2015 von 47 auf 27 Prozent sank, und sicher auch Resultat des Verbotsgesetzes von 2006 (Prohibition of Child Marriages Act). Aber dies ist längst nicht ausreichend, wie es in einem aktuellen Artikel zum Thema auf dem Portal Storiesasia.org heißt. Viele in diesem Bereich tätige Vereine sehen steigende Zahlen von Kinderehen während der Coronapandemie. Ein Beispiel: Die 15jährige Shreya aus dem südostindischen Srikakulam (Bundesstaat Andhra Pradesh) sollte von ihrer Mutter mit ihrem 45jährigen körperbehinderten Onkel verheiratet werden sollte, um diesen zu versorgen. Gerettet wurde Shreya von einer Sozialarbeiterin der NGO Vasavya Mahila Mandali (VMM), die von einer Tante der Braut alarmiert worden war. VMM, eine vor 50 Jahren gegründete Frauenrechtsorganisation mit Hauptquartier in Vijayawada, reiht sich ein in die große Zahl der Vereine, die eine Heraufsetzung des gesetzlichen Heiratsalters fordern. Allerdings reiche das Gesetz nicht – es komme auch auf Aufklärung an, so VMM-Präsidentin Bollineni Keerthi.

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