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Aus: Ausgabe vom 01.10.2020, Seite 5 / Inland
Arbeitskämpfe in der BRD

Ein Affront der Bosse

Autozulieferer Continental will Tausende Arbeitsplätze vernichten und Standorte dichtmachen. IG BCE und IG Metall mobilisieren Beschäftigte
Von Oliver Rast
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Keine Frage für die Konzernspitze: Reifenwerk wird dichtgemacht (Aachen, 16.9.2020)

Beschäftigte sind häufig der Konzernwillkür ausgesetzt – so auch beim Automobilzulieferer Continental. Am Mittwoch beriet der Aufsichtsrat in der Hannoveraner Firmenzentrale über vom Vorstand angekündigte Stellenstreichungen und Standortschließungen. Im Unternehmenssprech nennt sich das »Verschärfung des Sparkurses«.

Jetzt steht fest: Die Reifenproduktion in Aachen wird bis Ende kommenden Jahres dichtgemacht. In Hessen schließt das Werk in Karben mit seinen 1.100 Beschäftigten bis Ende 2024 seine Tore. Und am Standort in Regensburg in der Oberpfalz werde es »Strukturanpassungen« geben, teilte das Unternehmen via Reuters am Mittwoch nach der Sitzung mit. Bundesweit sollen 13.000 Jobs wegfallen oder, wie es euphemistisch heißt, »verändert« werden, weltweit sogar 30.000 Stellen. In einer eilig zusammengeschriebenen Pressemitteilung beschwichtigte Conti-Chef Elmar Degenhart: »Das heißt nicht automatisch 30.000 Kündigungen!« Entlassungen seien immer das allerletzte Mittel. Dennoch – Degenharts Rechtfertigungsformel für die drastischen Schritte klingt bekannt: Strukturwandel in der Autoindustrie und coronabedingte Absatzkrise.

Gegen die Pläne der Conti-Bosse regt sich seit Monaten Protest. Am Dienstag versammelten sich in Hannover vor Beginn der Aufsichtsratssitzung rund 2.000 Beschäftige des Zulieferers sowie der Antriebssparte Vitesco. Auf der Abschlusskundgebung forderte ein Sprecher der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) vom Aufsichtsrat, gegen die Schließung des Aachener Reifenwerks zu votieren. Der Vorstand müsse in die Pflicht genommen werden, tarifliche und betriebliche Lösungen vorzulegen, um Entlassungen zu vermeiden, so der Sprecher. Appelle ohne Wirkung. Nach dem Aufsichtsratsbeschluss schaltete sich der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis ein. Er sprach laut dpa von einem »Kahlschlagkonzept«. »Continental hat die gesamte Mannschaft vor den Kopf gestoßen, die eigene Unternehmenskultur beschädigt.«

Betriebsräte und Gewerkschafter beklagten, dass sie nicht in die Entscheidungsprozesse der Conti-Spitze eingebunden worden seien. Die Verärgerung bei den Beschäftigten in Aachen ist kaum mehr steigerbar, weiß Lars Ruzic, IG-BCE-Pressesprecher. »Vom Schließungsplan haben unsere Kolleginnen und Kollegen quasi per Aushang im Betrieb erfahren«, sagte er am Mittwoch gegenüber jW. Mehr denn je sei der Vorstand nun in der Pflicht, mit den Beschäftigtenvertretern und den Gewerkschaften Sozialpläne zu verhandeln und »sozialverträgliche Lösungen wie unternehmensinterne Versetzungen« zu suchen, so Ruzic.

Ein weiterer Hotspot des Gewerkschaftsprotestes ist Regensburg: Autokorso, Menschenkette, Mahnwache – die örtliche IG Metall (IGM) organisierte bis zuletzt Beschäftigte und deren Familienangehörige gegen die drohende Arbeitsplatzvernichtung am Standort. Die Protestierer stellten am Dienstag abend beim Wechsel der Spät- zur Nachtschicht Hunderte Grablichter auf, erzählte die zuständige IGM-Fachsekretärin Anne Karras gegenüber jW. Bis Ende 2024 sollen etwa 2.100 Stellen gestrichen werden, laut Karras rund 1.000 davon im kommenden Jahr.

Rückendeckung erhalten die Betroffenen aus dem Bundestag. Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke, Sabine Zimmermann, sagte am Mittwoch auf jW-Nachfrage: Continental habe sich unzureichend auf den Wandel bei Antriebstechnologien eingestellt und wolle »nun die Folgen dieser unternehmerischen Fehlleistung auf die Beschäftigten abwälzen«. Und Jutta Krellmann, Sprecherin für Mitbestimmung und Arbeit der Linksfraktion im Bundestag, sagte gleichentags gegenüber dieser Zeitung: »Ein gutbezahltes Management, dem nichts anderes einfällt, als Leute zu entlassen, braucht man nicht.« Statt dessen müsse die innerbetriebliche Mitbestimmung gestärkt werden, so Krellmann: »Demokratie darf nicht am Werkstor enden.«

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Debatte

  • Beitrag von Dieter B. aus B. ( 1. Oktober 2020 um 07:45 Uhr)
    Wenn die Unternehmensberatung versagt, die Profitmaximierung per Pesonalabbau nicht funktioniert, dann hilft Corona. Da läßt sich locker ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem weiter optimieren. Zwar ändert sich die »Antriebstechnologie« – aber egal, was die Individualverkehrsschleuder antreibt, mindestens vier Räder und Reifen braucht sie. Der Ersatzreifen ist ja auch schon der Rationalisierung zum Opfer gefallen, also geht man den Weg weiter. Die »Rückendeckung« aus dem Bundesag wird wenig helfen, um die Arbeitsplätze zu sichern. Eine Betriebsbesetzung, die notwendig wäre, dürfte auch kaum auf das Interesse der Belegschaftsvertrtetung und Gewerkschaft stoßen. Da geht man lieber den »bewährten« Weg – Sozialplan, Abfindung. Dabei, so der österreichische Kanzler Kurz, braucht es bald viele Reifen, denn »das Virus kommt mit dem Auto« – so seine Nachricht an die Österreicherinnen und Österreicher.

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