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Aus: Ausgabe vom 26.09.2020, Seite 1 / Titel
Fridays For Future

Die Straße zurückerobert

Höchste Zeit für Klimaschutz: Rund um den Globus fordern Demonstranten schnelle Maßnahmen gegen die Erderwärmung
Von Wolfgang Pomrehn
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Proteste gegen Treibhausgasemissionen in mehr als 3.200 Städten: Demonstranten in Manila (25. September)

Nein, die internationale Fridays-for-Future-Bewegung (FFF) ist nicht tot, wie vielleicht der eine oder andere RWE-Manager, Autolobbyist oder Politiker gehofft haben mag. Das zeigte sich einmal mehr bei deren globalem Aktionstag am Freitag. Monatelang protestierte die Massenbewegung vorwiegend im Internet, nun ist sie zurück auf der Straße.

FFF ist längst keine reine Jugendbewegung mehr, Aktionen für konsequenten Klimaschutz gab es unter anderem auch von Wissenschaftlern der »Mosaic«-Expedition in der Arktis und auf der deutschen Neumayer-Forschungsstation in der Antarktis. In über 3.200 Städten rund um den Globus fanden am Freitag Proteste statt. Die ersten im Fernen Osten, zum Beispiel in Suva auf Fidschi, Canberra in Australien, Tokio in Japan, Nanjing in China, Wladiwostok in Russland, Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam, Singapur, 19 Städten auf den Philippinen, auch in Kabul und über 300 Städten in Indien. In Deutschland waren 461 Aktionen und Demonstrationen angemeldet, in einigen großen Städten mehrere, um die Abstandsregeln einhalten zu können. Die Einhaltung der Hygieneregeln war den jungen Menschen wichtig, dennoch nutzten mancherorts Polizei und Veranstaltungsbehörden die Pandemie als Vorwand für Schikanen. In Aachen verlangten Ordnungsamt und Polizei zum Beispiel, dass Teilnehmerlisten des dortigen Klimacamps ausgehändigt werden. In Hamburg war nach wochenlangen Verhandlungen am Donnerstag kurzfristig verlangt worden, die Teilnehmerzahl zu reduzieren. Doch die beabsichtigte Einschüchterung blieb ohne Erfolg: In Köln gingen nach Veranstalterangaben 10.000 Menschen auf die Straße und in Bonn 3.000. In Aachen sprach die Polizei von 1.000 Teilnehmern. 21.000 demonstrierten in Berlin, 16.000 in Hamburg.

Derweil zeigt sich an der Natur, dass es allerhöchste Zeit ist, die Treibhausgasemissionen drastisch zu senken, das heißt, das Verbrennen von Kohle, Benzin, Kerosin, Erdgas und Diesel zu beenden. In Brasilien brennt mit dem Pantanal das größte Feuchtgebiet der Welt und nördlich davon der Amazonas-Regenwald – die Brände sind so verheerend wie seit vielen Jahren nicht. Der nördliche Atlantik erlebt seine seit langem heftigste Hurrikan-Saison. Die Stürme bleiben nicht mehr nur an US-Küsten, sondern treffen auch die iberische Halbinsel. Die Bewohner der US-Westküste leiden unter der schlimmsten Feuersaison seit Menschengedenken, während Teile des Sahels und der Region am Horn von Afrika nach Heuschreckenplagen nun die Folgen schwerer Überschwemmungen zu bewältigen haben. Und auch aus der Antarktis kommen schlechte Nachrichten, wie diese Woche in der Fachzeitschrift Nature deutsche und schwedische Wissenschaftler schreiben: Schon bei einer globalen Erwärmung um zwei Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Niveau werden große Teile des westantarktischen Eises in den nächsten Jahrhunderten verlorengehen. Das allein würde den mittleren globalen Meeresspiegel um 2,5 Meter ansteigen lassen. Derzeit liegen wir bereits etwa 1,1 Grad über besagtem Level.

Kein Wunder, dass bei solchen Aussichten vor allem junge Menschen empört sind, denn erst sie und ihre Kinder werden die volle Wucht des Klimawandels zu spüren bekommen. Das weiß man inzwischen in aller Welt. Weitere Aktionen gab es daher unter anderem auch in 31 Städten Nigerias, in Uganda, Tansania, Angola und Mali und in nahezu allen Ländern auf dem amerikanischen Doppelkontinent.

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Debatte

  • Beitrag von Dieter R. aus N. (26. September 2020 um 06:56 Uhr)
    Höchste Zeit auch für die jW, eine feste Rubrik »Umweltschutz« aufzunehmen. Die Problematik Klima wird immer akuter, und die globalen Demos beweisen, dass hier eine große, langfristige Bewegung entsteht. Im eigenen Interesse sollte man die Chance und Aufgabe nicht verpassen, dabei einen aktiven Beitrag zu leisten und natürlich möglichst viele Leser/Innen zu gewinnen.
  • Beitrag von Fritz F. aus W. (27. September 2020 um 19:26 Uhr)
    Die sollen lieber den versäumten Unterricht nachholen. Solange der Kapitalismus aus der Zerstörung der Umwelt Kapital erwirtschaftet, wird sich an der ganzen Situation nichts ändern. Und so ein paar Spinner, die CO2 als Klimakiller verteufeln, werden daran nichts ändern. Wo soll denn der Strom herkommen, der für die Elektroautos gebraucht wird? Natürlich aus der Steckdose.

    Gruß Fritz

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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