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Aus: Ausgabe vom 24.09.2020, Seite 5 / Inland
Wirtschaftsstudien

Schrumpfkurs geht in die Verlängerung

DIW stellt Zahlen zur wirtschaftlichen Entwicklung seit 1990 vor
Von Nina Simone
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Nach 1990 kamen die Bagger in die ostdeutschen Städte – heute fehlt vor allem bezahlbarer Wohnraum.

Jahre später und trotz – schätzungsweise – 1.000 Milliarden Euro an Investitionsgeldern sind die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland noch immer immens. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat am Mittwoch drei aktuelle Studien zur Entwicklung der ostdeutschen Bundesländer in Berlin vorgestellt. Demnach werden diese Länder auch in den nächsten 30 Jahren erhebliche Probleme bei der Bevölkerungsentwicklung, dem Steueraufkommen und der Ansiedlung neuer Unternehmen haben. Doch der Reihe nach.

DIW-Chef Marcel Fratzscher sieht »die ostdeutschen Länder weiter vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen«, die Bilanz falle bestenfalls »gemischt« aus. Vor allem die massive Abwanderung junger Bevölkerungsgruppen schwäche die ostdeutsche Wirtschaft seit nunmehr drei Jahrzehnten. So habe Sachsen-Anhalt 24,8 Prozent seiner Einwohner seit 1990 verloren, für die nächsten 30 Jahre rechnet Studienautorin Kristina van Deuverden mit weiteren 21 Prozent, die dem Land den Rücken kehren. Und auch in den anderen ostdeutschen Ländern rechnen die Forscher mit dem Fortgang der Abwanderung: Für Thüringen werden minus 17,3 Prozent, für Mecklenburg-Vorpommern minus 13,5 Prozent, für Brandenburg minus zehn Prozent und für Sachsen minus 9,7 Prozent prognostiziert. Diese Entwicklung werde sich negativ auf die Steuereinnahmen und die wirtschaftliche Entwicklung auswirken, so das Resümee van Deuverdens.

Als ebenfalls problematisch gilt den DIW-Forschern die nach wie vor hinterherhinkende wirtschaftliche Struktur und die damit verbundene geringere Produktivität. »Den östlichen Bundesländern fehlen Hidden Champions«, sagt Studienautorin Heike Belitz. Solche Unternehmen sind in der Regel an Standorten angesiedelt, in denen Forschung und Wirtschaft eng zusammenarbeiten, vor allem in westdeutschen Universitätsstädten oder dort, wo größere Industriebetriebe produzieren. Es dauere oft mehrere Jahrzehnte, bis sich diese Hidden Champions ihre Rolle als Weltmarktführer erobert haben, so die Ökonomin. »Doch ich halte absolut nichts davon, die ostdeutsche Regionen abzuschreiben«, sagte Belitz der jW.

Im Gegenteil, Ostdeutschland fehle nach Ansicht des DIW die Ansiedlung von hochproduktiven Industrieunternehmen aus Chemie, Elektro- und Umwelttechnik sowie Maschinenbau. Die Niederlassung größerer Unternehmen wie etwa der Bau der Tesla-Produktionsstätte in Brandenburg, könnte laut DIW »wesentlich zur Schließung der Produktivitätslücke beitragen«.

Die starke Abwanderung hatte in den vergangenen 30 Jahren auch erhebliche Auswirkungen auf den Immobiliensektor. »Der Wohnungsmarkt ist eine der großen sozialen Frage unserer Zeit«, findet DIW-Chef Fratzscher. In wohl kaum einem anderer Bereich wird deutlich, wie ungleich Vermögen in diesem Land verteilt ist. Während Ostdeutschland und die Stadtstaaten Bremen und Berlin nach wie vor Mieterländer seien, steige die Wohneigentumsquote im Bundesdurchschnitt seit Jahren weiter an. Sie lag im Jahr 2018 bei 46,5 Prozent. Allerdings leben die meisten Eigenheimbesitzer im Westen. Studienautor Konstantin Kholodilin, Immobilienexperte beim DIW, spricht dennoch von einem Erfolg: Im Gegensatz zum Jahr 1990 würden die Menschen in den ostdeutschen Bundesländern in größeren Wohnungen leben, pro Kopf sei die durchschnittliche Wohnfläche von 30 auf 44,2 Quadratmeter gestiegen. Was der Bericht ausklammert, sind die steigenden Mieten, die vor allem in Großstädten und in Ballungszentren zu Verdrängung und zum Mangel an bezahlbarem Wohnraum führen.

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