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Aus: Ausgabe vom 18.09.2020, Seite 10 / Feuilleton
Revolutionäre Ethik

Moral der Mollis

Von Terrorismus bis Cancel Culture: Was schiebt die NZZ Georg Lukács eigentlich nicht in die Schuhe?
Von Rüdiger Dannemann
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Mit schönen Grüßen aus Budapest: Lukaćs-Fan auf dem Weg in die Züricher Falkenstraße

Im Juni 2021 liegt der Tod Georg Lukács’ 50 Jahre zurück. Über den ungarischen Philosophen war am 14. September in der Neuen Züricher Zeitung zu lesen, dass er »nach Karl Marx« der einflussreichste Theoretiker der Linken sei. Als ich den Artikel von Christian Marty weiterlas, kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Da ist die Rede von einem »Philosophen, Literaturwissenschaftler und Politaktivist(en)«, dessen Bedeutung »für linke Bewegungen im Allgemeinen und für linke Intellektuelle im Speziellen« ganz enorm sei – obwohl (oder weil?) der »Feingeist« sich zum »frenetische(n) Fanatiker« entwickelt habe, der »zuerst Lenin, dann Stalin und schließlich eine Reihe anderer, ebenso fragwürdiger Figuren beklatschte«. Über diese Zeilen werden sich all diejenigen freuen, die in Orbans Ungarn Lukács’ Statue entfernen und das ihm gewidmete Archiv schließen ließen. Stein des Anstoßes ist Lukács’ Legitimation revolutionärer Gewalt. Bis 1918 hatte er sie als Mittel der Emanzipation abgelehnt, danach allerdings – freilich vorbehaltvoll, unter Umständen und reflektiert – als notwendiges Übel akzeptiert. Hierin erkennt der NZZ-Autor eine Bejahung des Terrorismus und »ungerechtfertigte Umwertung aller althergebrachten Werte«, wie ehemalige, ungenannt bleibende Freunde des Philosophen irritiert geäußert haben sollen.

Natürlich ist und bleibt Georg Lukács, der »Philosoph der Praxis«, für viele ein Stein des Anstoßes und selbstverständlich darf man gegen den begnadeten Polemiker auch austeilen. Dass ihm die NZZ sein Bejahen der Oktoberrevolution, seine Weigerung, in den »freien Westen« zu wechseln und seinen unübersehbaren Einfluss auf die »westliche Variante des Marxismus« übelnimmt, ist wenig verwunderlich. Aber auch eine Polemik muss sich an den Fakten orientieren, wenn sie ernst genommen werden soll. Laut der Unterüberschift des Artikels soll Lukács gar »den RAF-Terroristen die theoretische Rechtfertigung für ihre Taten« geliefert haben. Dabei hat Lukács keinerlei Sympathie für diese gehabt, hat sich von individuellem, im besten Fall pseudorevolutionären Terror distanziert. Es wird noch absurder, wenn mit Blick auf die gegenwärtige Wirkung von Lukács’ Ethik (Ernst Bloch nannte ihn einst ein »Genie der Ethik«) diese von Marty als Rechtfertigungslehre von »immer noch existierenden Zirkel(n)« ausgegeben wird, »für die ein hehrer Zweck selbst die gemeinsten Mittel heiligt«. Lukács soll irgendwie auch der geistige Vater »gewisse(r) Personen am Rand des links-grünen Politikspektrums« sowie der »Aktivsten vom Zentrum für Politische Schönheit« sein? Mein Kompliment – darauf muss man erst einmal kommen! Lukács als Ahnherr von Terror und Cancel Culture, das hat Trumpsche Dimensionen.

An der Kompetenz des Autors, der laut NZZ als »Ideenhistoriker, Journalist und Unternehmer« tätig ist, verzweifelt der geduldige Leser endgültig, wenn dieser die Wirkung des »Kultautor(s)« umreißt (Lukács hätte sich über diese Formulierung sicher amüsiert). Er übergeht die wichtigsten Erben dessen Denkens und erweckt statt dessen den Eindruck, Louis Althusser habe »zu den eifrigen Gefolgsleuten« des »Kultautors« gehört. Dabei war der Franzose einer der eindeutigsten Kritiker einer humanistischen Marx-Interpretation à la Lukács gewesen, ein theoretischer Antipode. Was soll das? fragt man sich resigniert. Gibt es im Kulturjournalismus keine Bereitschaft mehr, sorgfältig zu recherchieren? All das hätte man mit wenig Aufwand herausfinden können – sofern man lesen kann und will.

Bereits im Kontext des Hegel-Jubiläums war am 25. August im Österreichischen Rundfunk zum Verhältnis Hegel–Lukács zu erfahren gewesen: »Für Georg Lukács war Hegel ein ›Vordenker des Totalitarismus‹, eine Station auf dem Weg zu Hitler.« Ein langjähriger Freund, ein exzellenter Kenner des deutschen Idealismus, schrieb mir trocken: »Da hat wohl jemand Hegel und Nietzsche verwechselt; ist ja auch fast dasselbe. Die Dummheit stirbt eben nie aus, und Inkompetenz berechtigt ja inzwischen zu schönsten Berufungsaussichten.«

Ich frage mich: Was wird im nächsten Jahr geschrieben werden, wenn es jubiläumsbedingt darum geht, Lukács’ Werk und Person kritisch zu würdigen? Es wäre unheilvoll, wenn der von der NZZ und dem ORF beschrittene Weg fortgesetzt werden würde, auf dem, wie es scheint, Infamie und Ignoranz und der Ärger über Lukács’ Wirken »bis in die Gegenwart« Hand in Hand gehen.

Rüdiger Dannemann ist Philosoph und Vorsitzender der Internationalen Georg-Lukács-Gesellschaft

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