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Aus: Ausgabe vom 21.09.2020, Seite 15 / Politisches Buch
Ende der DDR

Schnell überrollt

Eine Broschüre der Rosa-Luxemburg-Stiftung widmet sich der fast vergessenen Vereinigten Linken im letzten Jahr der DDR
Von Gerd Bedszent
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Keine Materialhilfe aus dem Westen: Mitglieder der Vereinigten Linken bereiten eine Demonstration gegen einen Wahlkampfauftritt von Helmut Kohl vor (Cottbus, 11.3.1990)

Im medialen Mainstream gelten die Ereignisse des Herbstes 1989, die den Auftakt zum Verschwinden des Staates DDR bildeten, als »demokratischer Aufbruch« gegen diktatorische Gängelung, geheimdienstliche Überwachung und schießwütige Mauerschützen. Die ökonomische und soziale Kata­strophe, in die die DDR bzw. die »neuen Bundesländer« mit der Wirtschafts- und Währungsunion im Sommer 1990 gestürzt wurden, wird in diesem Zusammenhang entweder verschwiegen oder aber als Erblast einer »sozialistischen Misswirtschaft« gedeutet. Verschwiegen wird auch, dass die frühen Rufe nicht nach der Abschaffung, sondern nach einer Erneuerung der DDR schnell von nationalistischem Gebrüll – dem eigentlichen und gerade im Osten sehr folgenreichen Sound der »Einheit« – übertönt wurden.

Kaum bemerkt wird so, dass viele politische Akteure der letzten zwölf Monate der DDR einer Vereinigung beider deutscher Staaten kritisch bis ablehnend gegenüberstanden. Fast völlig vergessen scheint insbesondere die »Initiative für eine Vereinigte Linke« (VL), die sich als Teil der oppositionellen »Bürgerbewegung« verstand und für grundlegende Reformen eintrat, aber an einem sozialistischen Programm festhielt und den Weichenstellungen des Vereinigungsprozesses kurzzeitig heftigen, wenn auch vergeblichen Widerstand entgegensetzte. Es ist daher verdienstvoll, dass die Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Broschüre veröffentlicht hat, die neben dokumentierten Texten dieser Gruppierung auch einige in das Thema einführende Aufsätze enthält. Dagmar Enkelmann, Vorsitzende der Stiftung, charakterisiert in einem kurzen Vorwort die Aktivitäten der VL etwas vereinfacht als »sowohl gegen Politbüro als auch gegen Kapitalherrschaft« gerichtet.

Der Dokumententeil der Broschüre beruht hauptsächlich auf Materialien der damaligen VL-Gruppe Rostock, deren Archiv nicht verlorengegangen ist. In den Flugblättern wird mit Kritik an SED und DDR-Regierung nicht gespart. Abgelehnt wird aber ebenso eindeutig auch die Restauration des Kapitalismus. Man liest vom Widerstand gegen den aufkommenden Neonazismus, von Umweltschutz und kultureller Vielfalt, von kommunaler Selbstverwaltung und von der Bildung von Arbeiterräten. Auf einem damals (unter anderem vom Autor dieser Zeilen) häufig verklebten Plakat stand ein Satz Thomas Müntzers: »Die Gewalt soll gegeben werden dem gemeinen Volk.«

Aus dem von vielen in der VL erhofften Herbst des sozialistischen Aufbruchs in der DDR – eine, wie man heute weiß, absolute und vollständige Fehleinschätzung der politischen Lage – wurde ein Abwehrkampf. Schon mit Helmut Kohls Dresdner Rede im Dezember 1989 rückte der Kampf gegen die Übertragung von DDR-Betrieben an westdeutsche Kapitalgruppen in den Vordergrund. Ein in der Broschüre dokumentiertes VL-Plakat forderte: »Lieber rote Rüben als Kohl von drüben!« Bewirkt haben dieser und andere Aufrufe so gut wie nichts. Bei der letzten DDR-Volkskammerwahl am 18. März 1990 errang die VL nur ein einziges der 400 Mandate. Zwar konnte dieser (fraktionslose) Abgeordnete dann die eine oder andere Rede halten – Einfluss auf die große Politik bekam die VL damit nicht.

Wer waren die Gründer dieser kurzlebigen politischen Gruppierung? Zwei in der Broschüre enthaltene Texte von Zeitzeugen geben darüber Aufschluss. Erhard Weinholz, 1990 Mitarbeiter des VL-Volkskammerabgeordneten Thomas Klein, schildert im Beitrag »Unser linkes Ding« die Entstehung des als »Böhlener Plattform« bekannt gewordenen Gründungsdokumentes der VL. Diese Plattform, die sich ausdrücklich auch an Mitglieder der SED richtete, enthielt viele Vorstellungen, wie sie damals auch am linken Rand der bundesdeutschen Grünen kursierten. Wie Weinholz sich erinnert, ist das Dokument im September 1989 von fünf Autoren verfasst worden, von denen zwei SED-Mitglieder waren. Gerichtet hätte es sich gegen die »Vereinzelung, Entsolidarisierung, Entmachtung« der Bürgerinnen und Bürger der DDR. An die Stelle der DDR-Planwirtschaft sollte eine »solidarische Alternative« treten.

Die auf der Grundlage dieser Plattform wenig später gegründete VL wurde von der realen Entwicklung schnell überrollt. Als politische Organisation eigentlich nie richtig handlungsfähig, wurde sie zum Auffangbecken für kritische Intellektuelle und Angehörige der entstehenden »Szenelinken«, die sich mit der rasch erkennbaren Rechtsentwicklung und dem nationalen Taumel nicht abfinden wollten. Christoph Kelz, einer der Gründer der VL Rostock, skizziert in seinem Beitrag die vorübergehend durchaus beachtliche Verankerung der VL im universitären Bereich und in der Hausbesetzerszene. Die ausgesprochen heterogene, ja disparate Zusammensetzung der VL mag ein Grund für ihre Erfolglosigkeit und Kurzlebigkeit gewesen sein: Einigen später zu »professionellen« Antikommunisten gewordenen Akteuren war schon damals anzumerken, dass sie ausschließlich ihre Abneigung gegen den »SED-Staat« antrieb; anderen wiederum ging es ohne Zweifel ehrlich darum, die DDR grundlegend zu erneuern und zu retten.

Eine Darstellung auch nur der wichtigsten Aspekte der Geschichte der VL liefert die Broschüre allerdings nicht. Auch wenn viele der damaligen Aktiven später ganz andere Wege gingen – lohnen würde sich ein solches Projekt durchaus, zumal die VL auch noch ein längeres »Nachleben« hatte. Nur unmittelbar Beteiligte wissen zum Beispiel noch, dass eine Berliner VL-Gruppe sich im Herbst 1991 an der Organisation antifaschistischer Proteste gegen das rassistische Pogrom in Hoyerswerda beteiligte. Und gar nicht wenige der damals durch die VL politisierten Leute sind – in ganz unterschiedlichen linken Zusammenhängen – bis heute aktiv.

Christoph Kelz, Hendrik Mayer, Erhard Weinholz: Sozialistische Alternative DDR 89. Die Initiative für eine Vereinigte Linke in Texten und Dokumenten. Reihe Materialien der Rosa-Luxemburg-Stiftung (Nr. 34), 95 Seiten, kostenlos, Bezug über rosalux.de/publikation/id/42899/­sozialistische-alternative-ddr-89

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Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (21. September 2020 um 12:30 Uhr)
    Sie erzählen jede Menge dummes Zeug.

    Erinnern Sie sich daran, wann Die Junge Linke geschaffen worden ist (1990/1991)? Viele Ihrer Gestalten haben sich daran beteiligt. Der beste Beweis war Herr Liebich, der noch bis heute behauptet, dass er zu den Gründungsmitgliedern der Jungen Linken gehört habe.

    Die Idee, dass die Idee der Linken angesagt ist: warum auch nicht! Sogar das Linke zum Thema zu machen – ein sehr gelungener Gedanke!

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