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Aus: Ausgabe vom 17.09.2020, Seite 15 / Medien
Regenbogenpresse

Scharfmacher dreht durch

Bild-Chefredakteur Julian Reichelt nach reißerischer Berichterstattung über Kindermord in Solingen unter Druck. Hält Springer-Chef zu ihm?
Von Felix Jota
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Wittert bei jedem Mord eine Schlagzeile: Julian Reichelt tanzt leidenschaftlich Niveaulimbo

Dass Bild in seiner Berichterstattung immer wieder Persönlichkeitsrechte von Menschen in grober Weise verletzt, ist nicht neu. Anfang September unterschritt das Boulevardblatt aus dem Hause Springer aber das selbst gesetzte niedrige ethische Niveau noch. Auslöser war ein Ereignis, dass in den Medien unter dem verkürzenden Schlagwort »Familiendrama« abgehandelt wurde. Am 3. September hatte die Polizei in einer Wohnung in Solingen fünf tote Kinder gefunden, offenbar von der Mutter erstickt. Die Frau versuchte nach der Tat, sich das Leben zu nehmen, überlebte schwer verletzt. Von ihren sechs Kindern bleib nur das älteste, ein elf Jahre alter Sohn, am Leben.

Solche Ereignisse sind für Boulevardmedien regelmäßig ein Grund, noch die letzten Hemmungen über Bord zu werfen. Reporter werden losgeschickt, um im Privatleben der Betroffenen zu wühlen, Nachbarn, Freunde, Bekannte zu belästigen, »Schubladenfotos« zu besorgen. Bild war auch hier ganz vorn dabei, berichtete tagelang in reißerischer Aufmachung über den Fall. Zum medienpolitischen Skandal wurde das Vorgehen, als Reporter des Blattes nicht davor zurückschreckten, einen zwölf Jahre alten Nachbarsjungen auszuhorchen, und das Blatt die Ergebnisse veröffentlichte.

Bild zitierte aus einem Whats-App-Chat des einzig überlebenden Kindes. Der elfjährige Sohn, war zum Tatzeitpunkt in der Schule. Bild.de brachte Screenshots der Nachrichten. Sätze, die er geäußert hatte, kurz nachdem er vom Tod seiner fünf Geschwister erfahren hatte. Dazu brachte die Zeitung Details aus einem Telefonat, das die Freunde geführt hatten. Das alles natürlich unter »Bild plus«, um mit dem exklusiven Material auch noch Geld zu verdienen. In den »sozialen Medien« sorgte dieses Vorgehen für Wut und Empörung. Bei Twitter trendete der Hashtag »Drecksblatt«, es wurde zum Boykott des Boulevardblattes aufgerufen. Beim Deutschen Presserat gingen Dutzende von Beschwerden ein. Bild löschte daraufhin den Beitrag und die Screenshots – ein äußerst seltener Vorgang.

Die Empörung nahm eher noch zu, als Chefredakteur Julian Reichelt das Vorgehen in einem Interview mit dem Deutschlandfunk zu rechtfertigen versuchte. Er behauptete die Ermittlungsbehörden hätten auf einer Pressekonferenz auch aus dem Whats-App-Chat zitiert. Was seine Redaktion gemacht habe, sei eigentlich nicht anders gewesen als das, was Staatsanwaltschaft und Polizei bei dieser Pressekonferenz getan hätten. Der Bildblog, der vor allem Bild, aber auch andere Medien kritisch beobachtet, nahm die Erklärungen Reichelts auseinander. Tatsächlich hatten die Behörden auf der Pressekonferenz lediglich in einem Satz, darauf hingewiesen, dass der Elfjährige »in einem schulischen Gruppenchat« mitgeteilt habe, dass all seine Geschwister tot seien. Moritz Tschermak, der den Bildblog leitet, wies gegenüber jW am Dienstag darauf hin, dass die Ermittlungsbehörden weder aus den Chats zitiert noch Screenshots gezeigt »und auch keinen Nachbarsjungen auf die Bühne gezerrt« hätten. In der Summe handele es sich um ein »ziemlich verwerfliches Vorgehen« der Bild-Redaktion im Solinger Fall.

Mehr als diese Kritik dürfte Reichelt getroffen haben, dass Springer-Chef Mathias Döpfner auf dem Kongress des Zeitungsverlegerverbandes BDZV am Dienstag Fehler in dem Fall zugab (siehe jW vom 16. September). Der Schutz von Minderjährigen sei »eindeutig missachtet« worden. Die Berliner Zeitung hatte bereits in der vergangenen Woche spekuliert, es könne für Reichelt »eng werden«, wenn Döpfner, der sich bisher immer hinter ihn gestellt habe, die schützende Hand nicht mehr über ihn halte. Das Verhältnis des Bild-Chefs zu Verlegerin Friede Springer gelte als zerrüttet. Bereits im Mai hatte die Berliner Zeitung berichtet, dass Springer sich vor Vorstandsmitgliedern »sehr emotional« über den aggressiven Kampagnenjournalismus Reichelts beschwert hätte.

Für Tschermak vom Bildblog ist nicht ausgemacht, dass der Fall Solingen Reichelt den Kopf kostet. »Verdient hätte er es«, sagte er. Aber Bild-Chefredakteure seien in der Vergangenheit immer wieder mit ähnlichen Skandalen durchgekommen.

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