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Aus: Ausgabe vom 17.09.2020, Seite 8 / Sport
Sport und Corona

»Entweder finden die Spiele 2021 statt oder gar nicht«

Unberechenbare Pandemie: Zukunft von Olympia in Tokio alles andere als sicher. Ein Gespräch mit Walther Tröger
Interview: Andreas Müller
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Wegen »Corona« steht Tokio bisher nur symbolisch im Zeichen der fünf Ringe ...

Aufgrund der Coronapandemie mussten die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio verschoben werden. Wie haben Sie die Ereignisse rund um diese Entscheidung erlebt?

Für mich ist diese Pandemie höhere Gewalt. Was blieb dem Internationalen Olympischen Komitee und den Organisatoren anderes übrig, als sich dem zu fügen? IOC-Präsident Thomas Bach ist in dieser Phase ganz sicher nicht zu beneiden, und er ist sehr ordentlich mit dieser einmaligen, ungewöhnlichen und nicht vorherzusehenden Situation umgegangen. Die Verschiebung um ein Jahr ist die einzige Möglichkeit gewesen. Nur gibt es weiterhin sehr viele Unwägbarkeiten rund um das Virus.

Trotzdem hat die japanische Ministerin Seiko Hashimoto, die auch für Olympia in Tokio zuständig ist, kürzlich klargestellt, dass die Sommerspiele 2021 in jedem Fall dort stattfinden sollen, ganz gleich ob unter Coronabedingungen oder nicht. Das heißt, sie sollen im nächsten Jahr nach Ansicht der Gastgeber auf Biegen und Brechen stattfinden.

Mir ist nicht bekannt, ob Japan bzw. Tokio einseitig derart intensiv und energisch darauf bestehen kann, die Olympischen Spiele auszutragen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Ausrichter einseitig die Austragung durchpeitschen dürfte ohne das entsprechende Votum des IOC. Zwischen beiden Seiten gibt es schließlich einen Vertrag, der die jeweiligen Rechte und Pflichten regelt. Ich persönlich bin der Meinung, dass, solange Chancen für Olympische Spiele 2021 in Tokio bestehen, man diese energisch ergreifen sollte.

Ohne Rücksicht auf Verluste?

Natürlich nicht. Es ist doch ganz klar, dass die Gesundheit aller Beteiligten oberste Priorität haben muss und dass von seiten des IOC dieser Prozess in den kommenden Monaten nicht ohne Rücksicht auf die Athletinnen und Athleten betrieben werden kann, während die Ausrichter zum Beispiel Rücksicht auch auf ihre nationalen Partner nehmen müssen. Erschwerend hinzu kommt noch, dass mit dem Rücktritt des japanischen Premierministers Abe dort ein Regierungswechsel zu verkraften sein wird.

Wäre eine nochmalige Verschiebung der Spiele auf 2022 denkbar?

Das Etikett »Tokio 2020« noch einmal ein Jahr länger vor sich her zu tragen, das kann ich mir nicht vorstellen. Sommerspiele 2022 sind für mich undenkbar, genauso wie dieses weltweite Fest des Sports ohne Zuschauer stattfinden zu lassen oder nur einen Teil der Wettbewerbe in Tokio zu veranstalten und andere Wettkämpfe in anderen Ländern auszutragen. Das sind keine Optionen, die dem Charakter von Olympischen Spielen entsprechen und den Namen Olympische Spiele verdienen. Darin besteht ja gerade deren Wesen, dass die Teilnehmer an einem Ort zusammenkommen.

Also lautet die Frage schlicht: Entweder richtige Spiele 2021 oder gar keine?

Aus meiner Sicht ist es so. Entweder finden die Sommerspiele 2021 in Tokio statt oder gar nicht. Wenn es nicht möglich sein sollte, diese entsprechend ihrem Charakter zu veranstalten, dann sollte man sie lieber einmal ausfallen lassen, wie es Tokio ja schon einmal 1940 nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erlebte. Den Athleten, die vor allem auch an international hochkarätigen Wettkämpfen interessiert sind, könnte man ersatzweise eine Art von »Weltspielen« anbieten. Je nach Sportart könnten diese Wettbewerbe von den internationalen Verbänden an verschiedenen Orten organisiert werden. Das ist als eine Alternative durchaus denkbar. Nur wäre das dann etwas anderes als Olympische Spiele. Ein solches Format würde diesen Namen nicht verdienen.

Sie waren von 1992 bis 2002 Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, von 1976 bis 2002 achtmal Chef de Mission von Olympia-Teams der BRD und von 1989 bis 2009 IOC-Mitglied. Wie verfolgen Sie die aktuellen Ereignisse: als interessierter Beobachter oder doch eher emotional?

Natürlich bin ich emotional stark betroffen, denn ich habe ja fast ein Leben lang für die olympische Sache gearbeitet. Die Situation ist bitter für alle, von niemandem verschuldet und ein absolutes Novum. Ehrlich gesagt habe ich die Idee, im nächsten Jahr noch einmal hinzufahren. Insofern hoffe ich auch persönlich sehr, dass Tokio 2021 die Sommerspiele ausrichten kann. Dort habe ich 1964 meine ersten Spiele überhaupt miterlebt. In der japanischen Metropole würde sich nächstes Jahr ein Kreis für mich schließen.

Walther Tröger ist Ehrenmitglied des IOC, 91 Jahre alt und lebt in Frankfurt am Main

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