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Aus: Ausgabe vom 16.09.2020, Seite 12 / Thema
Deutungskämpfe im öffentlichen Raum

Macht und Veränderung

Mit den Straßennamen ist die Geschichtspolitik in den Stadtplan eingeschrieben. Ihre Änderung sollte sichtbar gemacht werden. Ein Vortrag
Von Kai Köhler
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Neue Namen. Diese Aufnahme von 1955 erinnert zwar an die damals erfolgte Umbenennung der Bendlerstraße in Stauffenbergstraße, doch schon acht Jahre zuvor war das »Tirpitzufer«, benannt nach dem Admiral, der bis 1916 die Marine befehligte, in Reichpietschufer, benannt nach Max Reichpietsch, im Ersten Weltkrieg einer der Organisatoren der Antikriegsbewegung in der kaiserlichen Marine und 1917 hingerichtet, umgewandelt worden

Die Benennung von Straßennamen ist seit Jahrzehnten ein Politikum, im Zuge der »Black Lives Matter«-Bewegung haben sich die Auseinandersetzungen noch einmal verschärft. Im Zentrum des gegenwärtigen Streits steht in Deutschland die Berliner Mohrenstraße, es stellt sich jedoch die Frage nach dem grundsätzlichen Zusammenhang von Straßennamen und Geschichtspolitik. Wir dokumentieren zu dieser Frage im Folgenden einen Vortrag, den Kai Köhler am 20. April 2018 im oberfränkischen Hof bei einer Veranstaltung der VVN-BdA und der Marx-Engels-Stiftung gehalten hat. (jW)

Straßennamen, mögen sie lokal oder überregional bedeutende Personen oder Ereignisse würdigen, zeigen das vorherrschende Bild, das sich eine Gesellschaft von sich selbst macht. Sie zeigen damit gesellschaftliche Kräfteverhältnisse: jedenfalls die Kräfteverhältnisse zum Zeitpunkt der Benennung.

Das verweist auf die Geschichtspolitik, von der im Untertitel die Rede ist. Ich habe mir damit eine Bringschuld eingehandelt: nämlich darzulegen, erstens auf welches Bild von Geschichte ich mich beziehe, zweitens weshalb ich mich auf dieses Bild beziehe, drittens weshalb und wie die Geschichte Deutungskämpfen unterworfen ist.

Machtdemonstration

Erstens also: Ich gehe davon aus, dass es in der Geschichte qualitativ unterscheidbare Zustände gibt, und dass diese Zustände in einem Verhältnis von Ursache und Folge zueinander stehen. Konkreter: In jeder gesellschaftlichen Lage gibt es bestimmte Probleme, und es gibt gesellschaftliche Kräfte, die diese Konflikte in ihrem Interesse zu lösen versuchen. Der Kampf zwischen solchen Kräften führt immer wieder dazu, dass etwas ganz Neues entsteht. Es ist auf das Vorhergehende zurückzuführen, insofern es Resultat des Konflikts ist. Dennoch gab es dies vorher nicht.

Diese Anschauung ist keineswegs selbstverständlich. Sie steht einerseits im Widerspruch zu konservativen Haltungen à la: Der Mensch ist so-und-so (meistens ist er böse), soll heißen: Es bleibt ohnehin, wie es ist. Andererseits steht sie gegen eine modische postmoderne Philosophie, die nur unverbundene Zustände sieht und keine historische Entwicklung.

Mit diesen Abgrenzungen ist auch der zweite Punkt schon halb beantwortet, nämlich weshalb mir dieses Geschichtsbild an dieser Stelle wichtig ist. Wer ein Interesse an Veränderungen hat, wird auch die Geschichte als Zusammenhang begreifen, der Veränderungen aufweist – so wie das Bürgertum dies noch wusste, als es gegen die Feudalherrschaft an die Macht wollte. Das Bürgertum an der Macht ist dagegen natürlich an Veränderungen nicht mehr interessiert. Darum behaupten rechtsbürgerliche Ideologen eine unveränderliche Natur (so ist der Mensch). Darum leugnen linksbürgerliche Diversitätsideologen (Kulturen, Religionen, Gender) die Zusammenhänge.

Zum dritten Punkt, zum geschichtspolitischen Streit, muss ich wieder ein wenig ausholen. Es gibt Geschichte als Ereignis – an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit passiert etwas. Es gibt Geschichte als einen Zusammenhang – die Ereignisse sind kausal miteinander verbunden. Es gibt aber auch Geschichte im Sinne von Geschichtsschreibung, und hier beginnt das Problem. Sogar im Idealfall ist das Bemühen eines Historikers um Objektivität eng verknüpft mit der sozialen Gruppe, für die er steht, abhängig etwa vom Forschungsstand seiner Fachkollegen, von den Meinungen seiner Umgebung. Im Normalfall kommt hinzu: Geschichtsschreibung dient dem Interesse einer Gruppe.

Straßen werden auf einer Ebene benannt, die noch direkter politisch ist als die universitäre Wissenschaft, die meist zumindest den Anschein von Neutralität zu wahren sucht. Hier zeigt sich das herrschende Geschichtsbild direkt. Wenn in einem Neubaugebiet ein Schriftstellerviertel entsteht, mag es vielleicht noch auf die literarischen Vorlieben des einen Stadtrats, der Gedichte liest, zurückzuführen sein, ob es eine Bertolt-Brecht-Straße oder einen Gottfried-Benn-Weg gibt. Eine Entscheidung ganz gegen den offiziellen Geschmack ist bereits hier unwahrscheinlich. Klar liegen die Machtverhältnisse aber zutage, wenn es um überregional bedeutsame Politiker geht oder um lokale Größen.

Eine Straßenbenennung, heißt dies, demonstriert Macht; und die Benennung anzufechten, stellt Macht in Frage. Zu sagen, dass nach der Person x eine Straße heißen solle, oder dagegen zu sagen, dass die x-Straße nun aber anders heißen solle, sind beides Aussagen über das Geschichtsbild. Sie sind geschichtspolitisch, insofern sie den Anspruch erheben, für das hegemoniale Geschichtsbild der Gegenwart zu stehen oder dieses Geschichtsbild anzugreifen – mit dem Ziel, es durch ein anderes zu ersetzen.

Erfahrene Geschichte

Das war die abstrakte Einleitung, die die Bedeutung der Kämpfe und des Wandels betont hat. Nun folgt eine anekdotische Zwischenepisode, die das Ganze wieder verkleinert. Vor gut zehn Jahren bin ich nach Berlin gezogen, preußische Straßennamen gibt es da in Hülle und Fülle. Am Landwehrkanal findet sich ein Straßenabschnitt, der »Reichpietschufer« heißt. Was soll das? fragte ich mich. »Reich«, das klingt nach Großdeutschland, Preußens Gloria, nach irgendwas möglicherweise Unerfreulichem. Aber »pietsch« ist nicht ganz so würdevoll. Der Name wirkt, als würde etwas Wichtiges angedeutet, das dann aber in sich zusammenfällt. Aber man kann ja heute googlen, und so stieß ich auf den Namensgeber. Max Reichpietsch war im Ersten Weltkrieg einer der Organisatoren der Antikriegsbewegung in der kaiserlichen Marine und wurde 1917 aufgrund eines Todesurteils der Militärgerichtsbarkeit ermordet. Bis 1947 hieß dieser Straßenabschnitt »Tirpitzufer«, nach dem Admiral, der bis 1916 die Marine befehligte und in der Weimarer Zeit Politiker der deutschnationalen DNVP war. Die Neubenennung richtete sich also explizit gegen die vorangegangene Würdigung.

Im ehemaligen Ostteil Berlins heißt eine andere Straße, viel unauffälliger, seit 1951 Habersaathstraße. Das ist heute kein schöner Weg, denn an seiner Nordseite erhebt sich als riesiger Komplex die gut gesicherte und abweisende neue Zentrale des BND. Man muss die Berliner Geschichte relativ gut kennen, um zu wissen, dass sich am selben Ort früher die Kaserne des Garde-Füsilier-Regiments befand. Und erst, als ich mich im Vorfeld des 100. Jahrestags der Novemberrevolution mit den damaligen Ereignissen in Berlin befasste, lernte ich, wer Erich Habersaath war, nämlich ein Aktivist der Berliner Arbeiterjugend, der am Vormittag des 9. November 1918 als das erste Berliner Opfer der Novemberrevolution aus der Kaserne heraus erschossen wurde.

Nun habe ich mich freilich in ein Dilemma hineinmanövriert. Ich habe theoretisch gezeigt, wie wichtig ein Bewusstsein von geschichtlichen Veränderungen ist und damit ein Bewusstsein, dass auch die Gegenwart nicht so bleiben wird, wie sie ist. Ich habe auch gezeigt, wie eng dies mit Machtverhältnissen verknüpft ist. Praktisch aber hat sich ergeben, dass Straßennamen, unterhalb von Berühmtheiten wie Hindenburg und Ebert, Marx und Stalin, von zufälligen Passanten kaum in ihrem geschichtlichen Gehalt wahrgenommen werden.

Gibt es einen Weg aus diesem Dilemma? Ich bleibe ich Berlin und fahre in den Südwesten, nach Dahlem, wo es die Iltisstraße gibt. Iltisse sind Marder, mittelgroße Raubtiere, gar nicht mal unsympathisch, wenn man nicht zufällig als Kröte geboren ist. Wo also ist das Problem? Die Iltisstraße ist nicht nach dem Tier benannt, sondern nach dem Kanonenboot »Iltis«, dessen Besatzung sich im Jahr 1900 bei der Niederschlagung des sogenannten Boxeraufstands in China hervortat. Ganz in der Nähe ist die Takustraße; insbesondere wurde die »Iltis« beim Kampf um die Taku-Forts am 17. Juni 1900 eingesetzt. Beide Straßen führen auf die Lansstraße, benannt nach dem späteren Admiral Wilhelm Lans, der als Korvettenkapitän die »Iltis« kommandierte und bei den Taku-Forts schwer verwundet wurde. Ab 1964 wurde der Neubau des in Westberlin verbliebenen Museums für Völkerkunde direkt an der Lansstraße eingerichtet, wodurch eine direkte Verbindung zwischen kolonialer Militärgeschichte und wissenschaftlicher Sammlung und Forschung entstand.

Forderungen nach einer Umbenennung der Straßen lehnte die Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf ab. Man einigte sich aber 2011 darauf, eine Erinnerungstafel aufzustellen, die den kolonialen Ursprung der Straßennamen benennt. Aus meiner Sicht ist das eine sehr gute Lösung: Die tatsächlich große und auffällige Tafel informiert Passanten über einen wenig bekannten Abschnitt des deutschen Kolonialismus. Sie macht auf die Differenz zwischen damaliger und gegenwärtiger Sichtweise aufmerksam, also generell auf die Veränderbarkeit der Gesellschaft. Dadurch wird Geschichte als Verlauf erfahrbar.

Wird dadurch auch Geschichte als Fortschritt erfahrbar? Eingeschränkt ja – indem ein früherer imperialistischer Gewaltakt als solcher benannt und abgelehnt wird; jedenfalls als Gewaltakt, das Wort »imperialistisch« fehlt natürlich. Dabei bleibt das Problem jeder Reform, dass sie das grundsätzlich fortbestehende Herrschaftsverhältnis zu bemänteln droht. Man stelle sich vor, ein nach irgendeinem Nazigeneral benanntes Militärquartier hieße plötzlich Bertha-von-Suttner-Kaserne. Dies würde ja nicht bedeuten, dass die Bundeswehr tatsächlich von Suttners Kampfruf: Die Waffen nieder! beherzigte, sondern dass Kriegführung, wie ohnehin gängig, propagandistisch effektiver als »friedenssichernd« verkauft würde. Soll heißen: Vielfach genügt es nicht, sich von besonders üblen Protagonisten der Vergangenheit als Namensgeber zu distanzieren. Sondern es ist nötig, den Streit um die Vergangenheit mit einem um gegenwärtige Politik zu verknüpfen.

Welche Beispiele taugen dazu? Eine Schwerpunktsetzung ergibt sich aus der Praxis. Umstritten sind im Regelfall Benennungen nach Personen, die noch etwas mit Konflikten der Gegenwart zu tun haben. Alle meine bisherigen Beispiele beziehen sich auf Namensgeber, die innerhalb der letzten 120 Jahre gewirkt haben. Tatsächlich gehen Diskussionen über Neubenennungen nur selten deutlich hinter diesen Zeitrahmen zurück. Es gibt Landgrafen und Herzöge aus früheren Jahrhunderten, die einiges mehr auf dem nicht vorhandenen Gewissen hatten als der Marineoffizier Lans, und doch streitet man nicht mehr über die regionale Erinnerung an sie. Die Monarchie nämlich ist erledigt, niemand will sie zurück. Militärische Interventionen jedoch wie jene, bei der Wilhelm Lans die »Iltis« kommandierte, gibt es nach wie vor.

Problematische Künstler

Zuweilen geraten auch Künstler als Namensgeber ins Zwielicht. Sie haben keinen Krieg befohlen, sie haben keine Waffe in der Hand gehabt, jedenfalls nicht als Hauptbeschäftigung ihres Lebens – aber sie haben auf die eine oder andere Weise etwas unterstützt, was wir heute ablehnen. Vielleicht kennen Sie den nachromantischen Komponisten Hans Pfitzner. Er zeigte früh Sympathie für die Nazis und sandte an Hitler während dessen Inhaftierung in Landsberg einen Gruß; er ließ sich auch nicht dadurch irritieren, dass nach 1933 seine Aufführungszahlen keineswegs stiegen und versteifte sich nach 1945 in einen erbitterten Antisemitismus. So scheint verständlich, dass die Hamburger Pfitznerstraße 2010 zu einem Abschnitt der Friedensallee wurde. 2012 wurde die Pfitznerstraße in Hamm zur Lisztstraße umbenannt, die in Münster in Margarete-Moormann-Weg (Moormann war eine der ersten Münsteraner Medizinstudentinnen). Das ist alles nicht schlimm; nur verweist es auf ein Problem. Die Kompositionen von Pfitzner sind nämlich keineswegs für faschistische Propaganda tauglich. Sie verweigern sich der ästhetischen Moderne, doch auf melancholisch-resignative Weise. Man hört da keine triumphierende Wehrmacht, sondern einen Künstler, der sich von der Entwicklung seiner Zeit überrollt fühlt und mit einer Mischung aus Trauer und Trotz darauf reagiert.

Darum wäre ein entscheidendes Argument pro Pfitzner, dass wichtiger als politische Äußerungen das kompositorische Werk ist. Dieses Werk ist nicht unabhängig von der antimodernen Ideologie des Schöpfers, doch ebenso wenig Ausdruck einer faschistischen Ästhetik.

Ich komme zu einem Schriftsteller, den Sie nicht lesen müssen, nämlich zu Hermann Löns – der Streit um die in Hof nach ihm benannte Straße ist ja der Anlass meines Vortrags. Bis vor einigen Jahrzehnten waren seine Werke weit verbreitet. Von seinen Büchern mit Naturskizzen – meist aus Zeitungsartikeln zusammengestellt – und seine Romanen kamen mehrere Millionen unter die deutsche Leserschaft. Wenn man dagegen heute überhaupt noch etwas über ihn weiß, so dies, dass er ein »Heidedichter« gewesen sei.

Natur steht in Kunst nie für sich, sondern wird stets mit menschlichen Erfahrungen in Beziehung gesetzt. Unter Tieren, wie unter Menschen, gibt es Kooperation und Konfrontation. In den Tiergeschichten Löns’ geht es häufig um Einzelkämpfer. Es gibt die mächtigen Alten, die viele Gegner gefällt haben und nun selbst an der Reihe sind – »Der einsame Wisent« oder, in »Der letzte Schrei«, ein starker Hirsch, der erst sein Rudel und dann sein Leben verliert. Auch das Kleingetier lebt in dem Kreislauf von Fressen und Gefressenwerden. Das Wiesel in »Schlohwittchen« frisst Maus und Fisch und Eidechse und wird dann vom Hund des Jägers totgebissen. Damit steht Gewalt gegen Gewalt, es ist eine Moral der Morallosigkeit.

Dem folgt auch der Roman »Der Wehrwolf«. Ort der Handlung ist ein Heidedorf im Dreißigjährigen Krieg, das von durchziehenden Soldaten und Plünderern bedroht wird. Eine Reihe von Übergriffen gipfelt in der Zerstörung der Siedlung. Die Dörfler ziehen sich in die unwegsame Heide zurück und gründen zusammen mit benachbarten Bauern den Bund der Wehrwölfe. Was an Fremden sich in die Nähe wagt, wird niedergemacht; die Schilderung dieser Mordaktionen nimmt den überwiegenden Teil des Buches ein. Feind ist dabei alles, was fremd ist. Besonderer Hass gilt den »Zigeunern«, die als verbrecherisch, sexuell zügellos, hässlich und Vorboten kommenden Unheils gelten. Aber auch Soldaten aller Kriegsparteien und schließlich sogar heimatlos gewordene, flüchtende Bauern anderer Landesteile werden unterschiedslos niedergemetzelt. Der Feind wird durchgehend mit Tiermetaphorik bedacht: Mehrfach sind die Fremden als »Ungeziefer« bezeichnet, zudem als »Hunde«, »Addern (Nattern) und Schnaken« oder »Läuse«. Es geht Löns darum, mit vielfältigem Bildmaterial Tötungshemmungen abzubauen. Es handelt sich um einen Roman, der offen die Vernichtung ohne Rücksicht auf irgendein Kriegsrecht propagiert. Die Nazis hatten recht damit, ihn in hohen Auflagen zu verbreiten.

Zu dem Inhalt, den die Lönsschen Werke vermitteln, tritt die Dimension des Hofer Stadtraumes. Westlich der Theodor-Storm-Straße verläuft die Hermann-Löns-Straße durch ein Gebiet, in dem sich auch andere Schriftstellernamen finden, mit Ausnahme von Hermann Hesse aus dem 19. Jahrhundert. Sucht man mit dem Willen zur Missbilligung, findet man auch bei den meisten von denen Sätze, die wir heute nicht mehr unterschreiben würden. Aber es muss um die Würdigung eines Gesamtwerks gehen, und jeder der Gewürdigten von Hebbel bis zu Mörike steht literarisch wie intellektuell in einem Maße über Löns, dass bereits ein Vergleich eine Beleidigung wäre. Östlich der Theodor-Storm-Straße jedoch verlaufen parallel zur Hermann-Löns-Straße zwei weitere Straßen, die nach Autoren von nur zeitgenössischer Bedeutung benannt sind. Der Namensgeber der einen, Walter Flex, wurde vor allem durch sein heute schwer erträgliches Werk »Der Wanderer zwischen beiden Welten« bekannt, das den Ersten Weltkrieg verkitscht, aber dabei Löns’ Brutalität bei weitem nicht erreicht. Löns fiel als Kriegsfreiwilliger bereits im September 1914. Flex kam 1917 ums Leben, 1916 der nationalistische Seeschriftsteller Gorch Fock, nach dem die dritte Straße heißt. Damit ist dieser Teil des Dichterviertels auch als Erinnerung an den Ersten Weltkrieg angelegt.

Der Krieg ist also dem Hofer Stadtplan eingeschrieben. Sich dies bewusst zu machen, fördert das historische Bewusstsein. Bereits der Versuch, dies zu ändern, markiert einen historischen Fortschritt. Er führt nämlich zu einem Konflikt, und dieser Konflikt zeigt, dass die Verhältnisse veränderbar sind.

Alternative Namen

Stellen wir uns aber kurz einen erfolgreichen Ausgang vor. Die Hermann-Löns-Straße wird in, sagen wir: Heinrich-Mann-Straße umbenannt. Damit ist ein Schriftsteller gewürdigt, der nicht nur ästhetisch um Welten besser ist als Löns, sondern sich auch als einer von wenigen Intellektuellen in Deutschland gegen die deutsche Kriegspolitik von 1914 gestellt hat. Warum nenne ich Heinrich Mann? Weil eine Neubenennung nicht völlig bezuglos erfolgen sollte. Entweder sollte sie – wie im Falle Reichpietsch statt Tirpitz – ein inhaltliches Gegenmodell markieren, also sollte der neue Namensgeber genau das repräsentieren, was beim vorherigen der Mangel ist. Oder es sollte eine lokale Tradition gestärkt werden, da sind Sie als Hofer gefragt.

Also Heinrich-Mann-Straße. Das neue Schild wird angeschraubt, die Anwohner erledigen mehr oder minder mürrisch das bürokratisch Notwendige, und ein Jahr später spaziert der ortsunkundige Besucher durch die Straße und denkt nur im seltensten und glücklichsten Fall an den Roman »Der Untertan«. Der politische Gewinn wäre, gemessen am Aufwand, überschaubar. Etwas besser sähe es aus, wenn unterhalb des Straßenschilds ein kleineres Schildchen über Heinrich Mann informieren würde; vielleicht bekäme er dadurch ein paar mehr der Leser, die er verdient. Viel besser aber sähe es aus, wenn die Namensgeschichte der Straße dokumentiert würde. Bei allen diesen Kämpfen geht es nicht darum, einen Zustand durch einen anderen zu ersetzen, sondern Veränderungen der Sichtweise zu dokumentieren, und damit die Veränderlichkeit von Zuständen überhaupt.

Ein kleiner Einschub ist möglichen Verschlimmbesserungen gewidmet. Ich verlasse an dieser Stelle das Thema Straßennamen und gehe auf das ein, was mein Hauptarbeitsgebiet als Literaturhistoriker ist, nämlich Texte. Und da gibt es Ansätze, die gut gemeint sind, aber das Schlechte bewirken.

Nehmen wir den Versuch, eine feministische Bibel zu schreiben und jede Erwähnung Gottes, des HErrn, durch eine geschlechtsneutrale Formulierung zu ersetzen. Aber natürlich waren die jüdischen Stämme patriarchal, natürlich ist das Christentum historisch eine von Männern geprägte Religion. Das kann frau kritisieren, aber sie sollte es nicht mittels Umformulierungen, die den Konflikt verdecken, wegzuschreiben versuchen. Dadurch geht gerade das historische Problem verloren, und damit die Möglichkeit, historische Veränderbarkeit zu begreifen.

Das gilt auch für den Kampf gegen einzelne problematisch gewordene Wörter, etwa wenn die Bücher Mark Twains über Tom Sawyer und Huckleberry Finn umgeschrieben werden sollen, weil sie das Wort »Nigger« enthalten. Twain schildert eine rassistische Gesellschaft (und wurde dafür damals von Rassisten kritisiert). Da kommt eben auch rassistische Sprache vor. Man kann auch an Shakespeares »Othello« denken. Das Drama trägt den Untertitel »Der Mohr von Venedig«, und das Wort »Mohr« gilt heute manchen sich als fortschrittlich verstehenden Beurteilern als Problem. Nur ist Grundlage des dramatischen Konflikts eben, dass in der Republik Venedig Othello als Feldherr ein gern genutzter Fachmann ist, doch sozial ein Außenseiter. Ein möglicher Untertitel »Othello. Unser dunkelhäutiger Mitbürger aus Venedig« würde genau diesen Widerspruch verdecken. Es kann nicht darum gehen, Geschichte und Gegenwart von allem zu bereinigen, was wir mit Gründen unerfreulich finden. Vielmehr muss es das Ziel sein, gerade das Konflikthafte ins Bewusstsein zu rücken. Bei Texten aus der Vergangenheit kann man mit Vor- oder Nachworten arbeiten, zur Not mit Fußnoten, aber nie mit Veränderungen am Text.

Bewusstsein schärfen

Ich kehre noch mal nach Berlin zurück, diesmal in das sogenannte afrikanische Viertel, in dem es unter anderem die Petersallee gibt. Diese Straße ist seit 1939 nach dem Kolonialpolitiker Carl Peters benannt. Die CDU vertrat die Auffassung, dass eine 1986 beschlossene Umwidmung der Straße zugunsten von Hans Peters, Angehöriger des Widerstands vor 1945 und CDU-Kommunalpolitiker danach, ausreiche. Nach dem Gesagten dürfte klar sein, dass es sich um eine schlechte Lösung gehandelt hätte, weil sie die die Veränderbarkeit im geschichtlichen Verlauf unkenntlich macht. Mit einiger Wahrscheinlichkeit werden SPD, Linke und Grüne mit ihrer Mehrheit in der Bezirksverordnetenversammlung gegen CDU, FDP und AfD eine geteilte Umbenennung beschließen. Ein Straßenabschnitt wird Maji-Maji-Allee heißen, nach dem antikolonialen Aufstand von 1905 bis 1908 im heutigen Tansania, der vermutlich weitaus mehr Opfer forderte als die in der Gegenwart bekannteren Kämpfe in Südwestafrika. Die andere Straßenhälfte wird nach Anna Mugumba heißen, einer schwarzen Widerstandskämpferin in der Kolonie Deutsch Süd-West.

Nach ähnlichen und meines Erachtens tauglichen Kriterien werden auch benachbarte Straßen ihren Namen ändern. Dabei ist zu beachten, dass die Suche nach neuen Namensgebern auch Probleme mit sich bringen kann. 2017 war Nzinga im Gespräch, die im 17. Jahrhundert als Königin von Ndongo und Matamba im heutigen Angola dem Vordringen der Portugiesen jahrzehntelang erfolgreich Widerstand leistete. Frau, Königin, Kämpferin gegen den Kolonialismus – was könnte man mehr wollen. Doch entstand aufgrund eines Wikipedia-Artikels der Verdacht, dass Nzinga ihre Kriege durch den Verkauf von Sklaven an die Holländer finanziert habe.

Historisch ist die Angelegenheit weiterhin umstritten. Die Gelegenheit zur Häme sei den Konservativen für diesmal gegönnt: schwarz und Frau und trotzdem nicht besser! Aber es ist genau der Blick auf solche Widersprüche, der es erlaubt, Geschichte zu begreifen. Wenn die Diskussion über Straßennamen den Blick auf den historischen Prozess der Kolonialisierung und der afrikanischen Gegenwehr lenkt, ist das schon der halbe Erfolg. Die andere Hälfte wäre, nach einer Umbenennung die Lokalgeschichte in ihrer Verbindung zur Weltgeschichte im Bewusstsein zu halten: also mit einer Erinnerung an Carl Peters und seine Verbrechen, an den positiven Bezug der Nazis auf ihn und an die Gründe für die Neubenennung. Damit wird der Kampf für Umbenennungen, der schon als solcher historisches und politisches Bewusstsein schärft, in der Zukunft aufbewahrt. Die Stadt und damit die Gesellschaft wird erinnerungspolitisch als veränderlich sichtbar. Und was sich verändert hat, das wird man auch künftig verändern können.

Kai Köhler schrieb an dieser Stelle zuletzt am 3. September über Friedrich Engels als ­Militärtheoretiker.

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