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Aus: Ausgabe vom 16.09.2020, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Die Knarre auf dem Klo

Schattenarmee am Off-Theater: Das Regiekollektiv Suka dramatisiert in Berlin die Folge des Hannibal-Komplexes aus postmigrantischer Perspektive
Von Erik Zielke
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Plötzlich Teil ungeheuerlicher Ereignisse: Pollyanna

Seit Ende 2017 wissen wir alle Bescheid. Die Taz hatte damals in einer umfassenden Recherche die Details einer Geschichte geliefert, die nach einem Hollywood-Thriller klingt. Mitglieder eines geheimen Netzwerkes hatten im ganzen Land Waffen, Kraftstoff und Lebensmittel gehortet. Seine Verstrickungen reichen mutmaßlich hinein in Parteien und Behörden, allen voran Bundeswehr und Polizei. Waffendepots und geheime Treffpunkte wurden angelegt, mit scharfer Munition übte man für den Putsch. Das Hannibal-Netzwerk war eine rechte Schattenarmee. Doch wie bei einem Hollywood-Film ist auch das öffentliche Interesse nach kurzer Zeit abgeflaut, obwohl die Neonazis schon erneut ihre Hände nach der Macht strecken.

Nun hat das Berliner Ringtheater den Stoff aufgegriffen, ein freier Spielort am Ostkreuz, der sich konsequent zeitgenössischer Dramatik verschrieben hat. Das Regiekollektiv Suka, bestehend aus Susanne Wilk und Julia Wycisk, hat die Geschichte des Netzwerks in ihrer Inszenierung des Stücks »Am schönsten wär’ die Einzeltat« von Sarah Kilter und George Jamburia aufbereitet.

Die Fallstricke sind zahlreich: Die Mittel des dokumentarischen Theaters sind für das Thema unzureichend, auch wäre es kaum möglich, die schwer überschaubaren Seil- und Machenschaften in ein szenisches Arrangement zu übertragen. Eine rein emotionale Aufarbeitung wäre bestenfalls naiv, ein humoresk-satirischer Ansatz dem Ernst der Lage nicht angemessen. Suka haben einen anderen, sehr ergiebigen Zugang gefunden: Sie spitzen ihre Inszenierung auf einen außerordentlichen Konflikt zu. Dies beruht auf den wenigen gesicherten Fakten zum Hannibal-Netzwerk, wurde aber spekulativ fiktionalisiert. Im Mittelpunkt steht Pollyanna – sie fand am Flughafen Wien eine Waffe, die Franco Albrecht dort versteckt hatte. Erst ihr Fund ließ dessen Terrorpläne auffliegen. Davon wird auf der Bühne nichts erzählt. Hier geht es um den inneren Konflikt einer Frau, die unwillentlich in die ungeheuerlichen Ereignisse hineingezogen wird.

Die zwei Schauspielerinnen Gizem Akman und Seda Güngör stemmen die Aufführungen allein. Sie gewähren dem Publikum einen Einblick in das Leben von Pollyanna: eine Putzfrau, Opfer der Mehrheitsgesellschaft, hineingestoßen in eine Situation, die sie zu überfordern droht. Immer wieder spricht sie mit einem Kneipenwirt. Wer ist er? Kann man ihm trauen? Lose verbundene Szenen werden zu einem Gesamtbild. Die Szenenübergänge sind gekennzeichnet von Audioeinspielungen, die Nachrichten aus den Prepper-Chats wiedergeben, in denen sich das Netzwerk auf den Tag X, den Startpunkt für den von ihnen ersehnten braunen Putsch vorbereitet. Das erstaunliche Bühnenbild (Kathrin Sohlbach gemeinsam mit Suka) ist ein naturalistischer Nachbau einer Flughafentoilette mit zwei Kabinen. Schnell lassen die Darstellerinnen die sanitären Einrichtungen zum Kneipentresen werden.

Pollyannas Unsicherheit konzentriert sich in der Frage, was mit der gefundenen Waffe zu tun sei. Wer ist ein strategischer Partner in einer möglicherweise durchgehend feindlichen Welt? Das Vertrauen in die staatlichen Behörden wurde durch die schrittweise Aufdeckung der Causa Hannibal erschüttert. Aber wer vertraute ihnen eigentlich noch? Nicht die von der Gesellschaft Erniedrigten. Welche Sicherheit gibt es für sie? Wer kann garantieren, dass die Übergabe der Waffe nicht zur Vertuschung genutzt wird – oder dafür, Pollyanna zu kriminalisieren?

Diesen Überlegungen folgend, wird dem Publikum in szenischen Miniaturen auch der gesellschaftliche Alltagsrassismus vor Augen geführt. Die Verbindungslinien sind etwas zu grob gezogen, wie überhaupt einige inszenatorische und darstellerische Holprigkeit nicht ausbleibt. Das ist verzeihlich, betrachtet man die kluge künstlerische Verarbeitung eines politischen Problems in ihrer Gesamtheit. Der Theaterbesuch lässt das Publikum nicht mit fertigen Erklärungen zurück, sondern mit großen Fragen. Allen voran: Wer trägt die Waffen in diesem Land?

Nächste Vorstellung: Heute, 16.9., 19.30 Uhr

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