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Aus: Ausgabe vom 16.09.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Wirtschaftsentwicklung

Tendenz: Abwärts

Wirtschaftsleistung in Asien und auf Pazifikinseln sinkt erstmals seit knapp 60 Jahren
Von Jörg Kronauer
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Die wirtschaftlichen Aussichten für viele Länder in Asien und im pazifischen Raum sind düster, sagen Analysten (Seoul, 29.4.2020)

Düstere Aussichten für die Länder Asiens und die Pazifikinseln: Ihre Wirtschaft wird dieses Jahr zum ersten Mal seit den frühen 1960er Jahren schrumpfen. Eine am Dienstag publizierte Prognose der Asiatischen Entwicklungsbank (Asian Development Bank, ADB) sagt den Entwicklungs- und Schwellenländern der Region – dies sind nach ADB-Definition alle bis auf Japan, Australien und Neuseeland – für 2020 einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um durchschnittlich 0,7 Prozent voraus. Für 2021 rechnet die Entwicklungsbank zwar wieder mit einem satten Wachstum – im Durchschnitt um 6,8 Prozent –, doch genügt das nicht für die erhoffte schnelle Erholung, für die Finanzexperten, immer ihre Grafiken im Kopf, den Begriff »V-förmig« geprägt haben. Die Asien-Pazifik-Region wird sich der ADB zufolge »L-förmig«, also eher schleppend, aus den schweren ökonomischen Verwüstungen der Covid-19-Pandemie herausarbeiten müssen.

Doch die Zahlen verdienen einen genaueren Blick. Zum einen liegen sie bei aller Dramatik immer noch oberhalb derjenigen, auf die sich der reiche Westen wohl einstellen muss. Für die Vereinigten Staaten sagte im Juni die US-Notenbank Fed für dieses Jahr ein Minus von 6,5 Prozent voraus, für das kommende Jahr ein aufholendes Wachstum von fünf Prozent. Für Deutschland rechnet die Bundesregierung mit einem Minus von 5,8 Prozent in diesem und mit einem Plus von 4,4 Prozent im nächsten Jahr; für die EU belaufen sich offizielle Schätzungen auf minus 8,3 Prozent (2020) bzw. plus 5,8 Prozent (2021). So zynisch es klingt: Die Coronakrise scheint die Verschiebung der weltwirtschaftlichen Gewichte nach Asien weiter zu beschleunigen.

Man müsste genauer formulieren: Die Coronakrise verschiebt die weltwirtschaftlichen Gewichte nicht allgemein weiter nach Asien, sondern spezifisch hin zum Osten des Kontinents. Denn zu den wenigen Ländern, die im Kampf gegen die Pandemie so erfolgreich gewesen sind, dass sie sogar dieses Jahr ein – wenn auch schwaches – Wirtschaftswachstum erwarten können, zählt neben Vietnam (plus 1,8 Prozent) vor allem die Volksrepublik China (gleichfalls plus 1,8 Prozent). Wie das Statistikamt in Beijing am Dienstag mitteilte, entwickelten sich die wirtschaftlichen Kennziffern im August erneut besser als vermutet; die Industrieproduktion stieg demnach um 5,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat – bisher der stärkste Zuwachs dieses Jahres; auch der Einzelhandel, der noch bis in den Juli hinein krisenbedingt schwächelte, ist mit plus 0,5 Prozent erstmals wieder auf Wachstumskurs gegenüber 2019. An der ökonomischen Basis beschleunigt sich also Chinas Aufholjagd gegenüber den USA erneut.

Herbe Rückschläge muss vor allem Indien hinnehmen. Hatte der Internationale Währungsfonds im April noch vorhergesagt, das Land werde die Coronakrise mit einem Jahreswachstum von immerhin 1,9 Prozent glimpflich überstehen, so hat sich diese Hoffnung zerschlagen: Der desaströse Umgang der Regierung in Neu-Delhi mit der Pandemie erschüttert nun auch die Wirtschaft und dürfte sie laut Schätzungen der ADB in diesem Jahr um 9,0 Prozent abstürzen lassen. Für die herrschenden Hindunationalisten um Premierminister Narendra Modi ist das ein schwerer Rückschlag in der Rivalität mit China, was Neu-Delhis jüngste Kampagnen gegen die Volksrepublik – darunter das Verbot von Tik Tok und von zahlreichen weiteren populären chinesischen Apps – zum Teil erklären dürfte. Die eigentliche Dramatik des indischen Absturzes liegt freilich darin, dass er die Anzahl der Menschen, die in absoluter Armut leben und weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag zur Verfügung haben, in die Höhe schnellen lassen wird. Schätzungen der United Nations University gingen schon im Juni davon aus, weltweit könnten bis zu 395 Millionen Menschen neu unter diese Schwelle sinken – fast die Hälfte davon in Indien.

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