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Aus: Ausgabe vom 16.09.2020, Seite 6 / Ausland
Syrien

Volksmärkte gegen Wucher

Syriens Bevölkerung leidet unter hohen Kosten für Lebensmittel infolge des Krieges. Eine Reportage aus der Hauptstadt
Von Karin Leukefeld, Damaskus
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Obst- und Gemüsemarkt in der syrischen Hauptstadt Damaskus (26.4.2020)

»Ich vertrete hier meinen Vater, er ist krank«, sagt Nasira Al-Hariri, die auf dem sogenannten Volksmarkt in Rukn Al-Din Obst und Gemüse verkauft. Die schmale Frau steht zwischen riesigen Melonen vom Dschebel Scheich in Kuneitra, Trauben aus Sabadani im Kalamun-Gebirge und Tomaten aus dem Hauran in der südlichen Provinz Deraa. »Außer mir sind noch drei Frauen zu Hause, die ihre Ehemänner verloren haben. Jede hat zwei oder drei Kinder, und ich kann helfen, etwas zu unserem Lebensunterhalt beizutragen.« Die 42jährige ist Witwe und hat einen Jungen zu ernähren. Die anderen Frauen waren mit Al-Hariris Brüdern verheiratet.

Ein Mann erkundigt sich nach den Preisen, und Nasira Al-Hariri ist ganz bei der Sache: »Die Melone 250 Lira pro Kilo«, erklärt sie, wobei sie den alten Namen »Lira« für das syrische Pfund (SYP) benutzt. »Die Trauben kosten je nach Größe 500 oder 550 Lira das Kilo.« Der Mann greift zu den großen Trauben und reicht ihr 1.700 SYP, die nächste Kundin wartet schon.

Das Geschäft an den Obst- und Gemüseständen auf diesem »Volksmarkt« geht gut, erzählen die Händler. Sie kaufen direkt vom Großmarkt und verkaufen die Waren auf dem Platz, der ihnen von den Behörden kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Da sie weder Standgebühren noch Steuern zahlen müssen, werden die Waren mit einem nur geringen Aufschlag zwischen 50 und 100 SYP verkauft. Davon wiederum profitieren die Kunden, die seit Monaten mit immer höheren Lebensmittelpreisen fertig werden müssen. Fleisch, Käse und Eier können sich normale Haushalte nicht mehr leisten, selbst Huhn, das lange noch erschwinglich war, ist zu teuer geworden.

Ursprünglich sollten die Bauern ihr Obst und Gemüse direkt vermarkten, um Zwischenhändler zu umgehen, die für kräftige Aufschläge sorgen. Nun sind es kleine Händler, die ihre Geschäfte im Krieg verloren haben, die von dem neuen Programm profitieren. Die Volksmärkte sind in Vororten von Damaskus entstanden, um der Bevölkerung günstige Einkaufsmöglichkeiten zu bieten, erläutert Dschamal Al-Din Schuaib, Vizeminister des Ministeriums für Binnenmarkt, im Gespräch mit junge Welt in Damaskus. Er sieht für die schwierige Wirtschaftslage verschiedene Gründe: »Der Wertverlust des syrischen Pfundes, Arbeitslosigkeit, Wirtschaftssanktionen der Europäischen Union und der USA, die Wirtschaftskrise im Libanon, die Kriegsfolgen, hohe Transportkosten, weil Syrien daran gehindert wird, auf das eigene Öl und Gas im Nordosten zuzugreifen«, zählt er auf.

Die Haltung der syrischen Kurden, die mit Unterstützung der US-Armee große Teile der Weizen-, Baumwoll-, Wasser-, Öl- und Gasvorkommen Syriens kontrollieren und vermarkten, wird in weiten Teilen der Bevölkerung ebenso kritisiert wie das Profitstreben von Unternehmen und Händlern, die unter Verweis auf den Umtauschkurs des US-Dollars und Transportkosten die Lebensmittelpreise in die Höhe treiben. Einem Bericht des Welternährungsprogramms (WFP) zufolge haben sich die Kosten für einen »Lebensmittelkorb« in allen 14 syrischen Provinzen dramatisch erhöht und liegen mit 84.095 SYP über dem höchsten Monatslohn für staatliche Angestellte und Beamte von 80.240 SYP. Die Teuerung wird mit dem steigenden Umtauschkurs zum US-Dollar auf dem Schwarzmarkt begründet. Dieser liegt bei 2.000 bis 2.500 SYP pro US-Dollar, während die Syrische Zentralbank den Umtauschkurs mit 1.250 SYP pro US-Dollar festgelegt hat. Als »Lebensmittelkorb« werden Grundnahrungsmittel verstanden, die pro Monat von einer fünfköpfigen Familie gebraucht werden, um pro Person auf 1,930 Kilokalorien zu kommen. Dazu gehören zum Beispiel Brot, Reis, Linsen, Zucker, Sonnenblumenöl, die in Syrien staatlich subventioniert und rationiert werden.

Besonders wichtig ist das Brot. In der staatlichen Ibn-Nafis-Bäckerei werden am Tag 16 Tonnen produziert. Die großen Fladen kommen wie aufgeblasene Ballons aus dem Ofen und werden auf dem Fließband durch die große Halle transportiert. Wenn sie bei den Packerinnen angekommen sind, sind sie abgekühlt und in sich zusammengesunken. Sieben von ihnen werden in einen Beutel gepackt, der für derzeit 60 syrische Pfund an zentralen Ausgabestellen verkauft wird.

»Viermal sieben Brote stehen jeder Familie am Tag zu«, erklärt Rias Nadhaf, Geschäftsführer der Ibn-Nafis-Bäckerei. In der Bevölkerung heißt es, diese Menge sei kürzlich auf zweimal sieben Brote reduziert worden. Ein Mitarbeiter des Ministeriums für Binnenhandel, der die Autorin bei ihrem Rundgang durch verschiedene Bäckereien begleitet hat, verabschiedet sich am Mittag mit vier Beuteln à sieben Broten nach Hause. Normalerweise brauche seine Familie nicht soviel, doch nun sei der Vater gestorben, und zahlreiche Angehörige seien zu Gast, die versorgt werden müssten.

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