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Aus: Ausgabe vom 15.09.2020, Seite 16 / Sport
Radsport

Kämpfe in der »roten Zone«

Das Sicherheitskonzept der Tour de France scheint aufzugehen – bis jetzt
Von Janusz Berthold
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Erwartungsgemäß gelb: Primoz Roglic

Tatsächlich hat die diesjährige Tour de France, entgegen allen Befürchtungen, die ersten zwei Wochen »Radrennsport unter prekären Voraussetzungen« über die Bühne gebracht. Bekanntlich wird in der aktuellen Saison der Profiradler der Coronapandemie trotzig widerstanden und alles terminlich durchgedrückt, den Sponsoreninteressen entsprechend. Der Tour-Tross ist in drei Blasen verpackt – eine für die Fahrer, die zweite für ihre Entourage und die dritte für Presse und Ehrengäste. Am 7. September, dem ersten Ruhetag, wurde der gesamte rollende Radsportzirkus auf Coronainfektionen durchgetestet, dabei lediglich vier Mannschaftsbetreuer aus vier verschiedenen Teams positiv. Die Betroffenen mussten die Tour verlassen. Ins eigentliche Fahrerfeld fand das Virus bis dahin keinen Zugang.

Das fragile Hygiene- und Sicherheitskonzept der Organisatoren schien gewirkt zu haben. Es lag vermutlich auch an der zunächst deutlich verringerten Zahl an Zusehern entlang der Strecke. Die wenigen Anwesenden zeigten Disziplin. Dem Appell von Tour-Chef Christian Prudhomme, Masken zu tragen und möglichst zwei Meter Abstand zum Peloton zu halten, wurde anfänglich Folge geleistet. Ebenjener Prudhomme selbst wurde dann positiv auf Corona getestet und musste in Quarantäne. So rollte das Peloton während der ersten neun Etappen ungefährdet in seiner Blase dahin, die erste Woche der 107. Tour de France brachte jedoch eher wenig sportliche Spannung. Erst während der zwei Tage in den Pyrenäen, Etappen acht und neun, war so etwas wie Nervenkitzel zu verspüren. Unnachgiebig machte das niederländische Team Jumbo-Visma um den slowenischen Topfavoriten Primoz Roglic Tempo am Berg und zerpflückte so das Fahrerfeld. Bereits hier mussten einige Favoriten im Kampf um den Gesamtsieg das Handtuch werfen, darunter der Deutsche Emanuel Buchmann (Bora-Hansgrohe) sowie der ewige Pechvogel und Lokalmatador Thibaut Pinot (Groupama-FDJ). Beim beeindruckenden Etappensieg des erst 21jährigen Slowenen Tadej Pogacar (UAE Team Emirates) von Pau nach Laruns eroberte dann Roglic erwartungsgemäß das Gelbe Trikot.

Nach dem Ruhetag und dem fragwürdigen Flugzeugtransfer, welcher aus Infektionsschutzgründen dann kurzfristig per Bus erfolgen musste, ging die Tour in ihre zweite Woche. In dieser stiegen die Infektionszahlen in Frankreich täglich weiter an, und sie tun es bis heute. Aktuell pendeln sie um die zehntausend. Es wird schon diskutiert, ob das alles noch sinnvoll ist. Lediglich das Zentralorgan der Tour, die Sportzeitung L'Équipe, feiert den gesamten Rummel unkritisch ab.

Offensichtlich wurde, dass die eigentlichen Radsportfans während der Etappen am Straßenrand nicht das Hauptproblem darstellen. Sie kommen wie eh und je individuell an die Strecke und verhalten sich größtenteils umsichtig. Kritisch sind die Abende an den Etappenorten. Hier trifft sich das sorglose Eventpublikum. Dessen legere Haltung machte sich dann ab der zehnten Etappe überall bemerkbar. Mit jedem Tagesabschnitt kamen mehr Menschen an die Strecke. Das gipfelte während der 13. Etappe am 11. September in gedrängten Dreierreihen am Straßenrand.

Da das Peloton mit den folgenden Etappen in »rote Zonen« einrollte, wurden die Straßenränder wieder leerer. Als »rote Zonen« gelten pandemische Hochrisikogebiete, von den örtlichen Behörden mit drastischen Einschränkungen belegt. Der erste harte Kampf um das begehrte »Maillot jaune« spielte sich somit auf malerischen, einsamen Bergstraßen ab. Der Aufstieg am vergangenen Wochenende im Jura hinauf zum Grand Colombier auf 1.501 Meter war bereits sehr aufschlussreich. Auf Roglic und Pogacar folgen in der Gesamtwertung Rigoberto Urán (EF Pro Cycling) und Miguel Ángel López (Astana) mit sehr geringem Abstand. Alles scheint also sportlich auf den Zweiländerkampf Slowenien gegen Kolumbien hinauszulaufen, in welchem Vorjahressieger Egan Bernal (Ineos) bereits keine Rolle mehr spielt.

Heute geht es mit der 16. Etappe zur Entscheidung in die Alpen. Es wird gewiss hinreißender Sport geboten werden. Ungetrübte Begeisterung will sich angesichts der Begleitumstände aber nicht einstellen.

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