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Aus: Ausgabe vom 14.09.2020, Seite 2 / Inland
Tag der Wohnungslosen

»Nur eigene Wohnung schützt vor dem Virus«

Obdachlos in der Pandemie: Coronakrise verschärft ohnehin wachsendes Problem der Wohnungsnot. Ein Gespräch mit Frieder Krauß
Interview: Jan Greve
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Obdachloser an einer Berliner Bushaltestelle (Archivbild)

Am vergangenen Freitag fand anlässlich des Tags der Wohnungslosen eine Kundgebung vor dem Roten Rathaus in Berlin statt, zu der neben anderen Organisationen auch die Berliner Obdachlosenhilfe aufgerufen hatte. Wie viele Menschen sind in der Hauptstadt obdachlos?

Wir gehen davon aus, dass in Berlin bis zu 10.000 Menschen auf der Straße leben. Verlässliche Zahlen gibt es allerdings nicht. Wir bemerken, dass in den zurückliegenden Jahren immer mehr Menschen zu unseren Essensausgaben kommen, darunter auch Arbeitslose und Geringverdiener. In Berlin wurden im Januar obdachlose Menschen gezählt, es wurde aber nur ein Bruchteil von ihnen erfasst.

Wie erklären Sie sich den wachsenden Bedarf an Hilfsangeboten?

Durch Mietsteigerung, Immobilienspekulation und Zwangsräumung verlieren immer mehr Menschen ihre Wohnungen, die Zahl der Obdachlosen wächst. Zunehmend sind auch Frauen, Kinder und Familien auf der Straße, die Wohnungsnot erreicht immer größere Teile der Gesellschaft. Dazu kommt, dass die SPD 2016 praktisch alle Sozialleistungen für prekär Beschäftigte aus anderen EU-Ländern abgeschafft hat. Das bedeutet, dass viele Menschen, die hier beispielsweise auf dem Bau arbeiten, ohne Job keine Möglichkeit haben, sich über Wasser zu halten. Erst bauen diese Menschen Luxusappartements für die Immobilienkonzerne und landen danach ohne Perspektive auf der Straße.

Auch für die rund 40.000 Wohnungslosen in der Stadt ist die Situation schlecht. Sie sind teilweise in Mehrbettzimmern unter miesesten Bedingungen untergebracht. Infektionsschutz oder Privatsphäre sind dort Fremdwörter.

Wie sieht die Perspektive angesichts des anstehenden Winters in Zeiten der Coronapandemie aus?

Wir wissen noch nicht, wie die Kältehilfe »coronagerecht« funktionieren soll. In normalen Zeiten, wenn in manchen Notschlafstätten Isomatte an Isomatte liegt, gibt es schon nicht genug Plätze. Wir befürchten, dass sich im Winter die zweite Coronawelle auch bei obdachlosen Menschen ausbreiten könnte. Das wäre eine Katastrophe. Wir reden hier von einer Risikogruppe. In den Unterkünften ist die Ansteckungsgefahr ebenfalls sehr hoch. Vor dem Virus können die Menschen nur effektiv geschützt werden, wenn sie eine eigene Wohnung bekommen.

Auch antirassistische Bündnisse wie »Welcome United« haben sich an der Kundgebung am Freitag beteiligt. Wie steht es um die Solidarität betroffener Gruppen untereinander, vor dem Hintergrund, dass etwa beim Thema Migration häufig die Konkurrenz um den wenigen bezahlbaren Wohnraum betont wird?

Es gibt zuwenig Hilfe für obdachlose Menschen. Das bringt die Betroffenen in Konkurrenz zueinander. Deshalb kommt es zu Konflikten, die manchmal rassistisch aufgeladen sind. Wir sehen aber auch große Solidarität. Den meisten ist bewusst, dass die Politik für die Armut hier verantwortlich ist und nicht Migrantinnen und Migranten.

Das Motto der Kundgebung lautete »Leerstand nutzen – Obdachlosigkeit beenden«. Wie hängen diese beiden Themen zusammen?

In Berlin stehen Tausende Wohnungen als Spekulationsobjekt leer oder werden als Ferienwohnung genutzt. Gleichzeitig sterben Menschen auf der Straße. Das ist ein Skandal. Wir fordern, Leerstand zu beschlagnahmen und zu enteignen. Obdachlosigkeit lässt sich abschaffen, wenn das Recht auf ein würdiges Leben für alle über das Recht auf Kapitalverwertung gestellt wird.

Zuletzt sorgten Proteste gegen die Räumung eines besetzten Hauses in Leipzig für Aufregung im bürgerlichen Spektrum. Sind Besetzungen ein sinnvolles Mittel im Kampf um Wohnraum?

Besetzungen sind sinnvoll und für die meisten auf der Straße die einzige Möglichkeit, an ein Dach über dem Kopf zu kommen. Wir unterstützen Besetzungen leerstehender Häuser und sehen die Politik in der Verantwortung, besetzte Häuser den Immobilienspekulanten abzunehmen, die meist die Eigentümer sind, und sie den Bewohnerinnen und Bewohnern zu übergeben.

Frieder Krauß ist aktiv bei der Berliner Obdachlosenhilfe e. V.

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