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Aus: Ausgabe vom 12.09.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Pandemie

Plötzlich stieg die Kurve an

Indiens Bundesstaat Kerala: Fortschrittliches Gesundheitswesen, aber mittlerweile hohe Zahl an mit Coronavirus Infizierten
Von Martin Haffke
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Die Freude über die Erfolge im Kampf gegen die Pandemie war verfrüht: Straßenszene in Kochi, Kerala, im August

Aus dem südindischen Bundesstaat Kerala wurde im Januar über Indiens ersten Covid-19-Fall berichtet – ein Medizinstudent, der aus dem chinesischen Wuhan zurückgekehrt war, wo die Pandemie begonnen hatte. Zunächst stieg auch hier die Zahl der Fälle stetig an und Kerala wurde zum Hotspot. Doch schon im März meldete ein halbes Dutzend der anderen indischen Bundesstaaten jeweils mehr Fälle als der kommunistisch regierte Staat im Süden des Landes. Noch am 15. April verzeichnete Kerala bei sieben genesenen Covid-19-Patienten nur eine Neuinfektion täglich. Die Infektionskurve flachte ab. Bis Mai sank die Zahl der Fälle drastisch, die Verantwortlichen hielten sich streng an ein Drehbuch, bestehend aus Tests, Verfolgung und Isolierung, und bezogen Basisnetzwerke mit ein – es gab Tage, an denen keine neuen Fälle gemeldet wurden.

Eine Erfolgsgeschichte war es zunächst. Hintergrund ist ein für indische Verhältnisse exzellentes Gesundheitssystem. Pro 1.000 Menschen stehen in Kerala 2,9 Krankenhausbetten zur Verfügung, ähnlich viele wie in Italien und den USA. Die Basisorganisationen funktionieren, die Öffentlichkeitsarbeit ist intensiv – und nicht zuletzt geht es dem Bundesstaat auch wirtschaftlich vergleichsweise gut.

Doch die Freude über die Erfolge war verfrüht. Denn plötzlich stieg die Kurve wieder an. Vergingen noch 110 Tage, bis in Kerala der 1.000 Fall gemeldet wurde, so wurden Mitte Juli täglich rund 800 Infektionen registriert. Bis zum 20. Juli hatte die Zahl der Coronafälle im Staat 12.000 überschritten, 43 Verstorbene wurden gemeldet. Mehr als 170.000 Menschen befanden sich in Quarantäne, zu Hause und in Krankenhäusern. In den letzten Monaten hat sich die Zahl der bestätigten Fälle fast vervierfacht, eine der höchsten Zuwachsraten in ganz Indien. Selbst jetzt wächst sie mit 4,01 Prozent pro Tag schneller als im nationalen Durchschnitt. Mit mehr als 20.000 bestätigten Fällen weist derzeit nur der nordwestindische Bundesstaat Punjab eine höhere Wachstumsrate auf. Auch die Zahl der Todesfälle hat in den letzten Wochen erheblich zugenommen, obwohl Kerala zumindest unter den großen Staaten immer noch eine der niedrigsten Sterberaten Indiens verzeichnet.

Für die Zunahme der Coronafälle in Kerala werden vor allem gelockerte Restriktionen verantwortlich gemacht. In der ersten Maiwoche waren die Reisebeschränkungen zum ersten Mal gelockert worden. Die meisten neu Erkrankten waren zu dieser Zeit Rückkehrer aus anderen indischen Bundessaaten oder dem Ausland. Etwa 17 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter arbeitet außerhalb des Staats – fast eine halbe Million Arbeiter aus den Golfstaaten und anderen Teilen Indiens kehrte nach Hause zurück, weil Unternehmen schlossen und Beschäftigte vor die Tür setzten.

»Als die Reisebeschränkungen des Lockdowns aufgehoben wurden, strömten die Menschen zurück in den Staat, und es wurde unmöglich, die Wiedereinreise infizierter Personen einzudämmen«, sagte Shashi Tharoor, Oppositionspolitiker der Kongresspartei und Abgeordneter aus Keralas Hauptstadt Thiruvananthapuram im BBC-Interview. Infizierte Menschen übertrugen die Krankheiten auch auf Mitreisende im Flugzeug. So konnte sich das Virus auch bei der lokalen Bevölkerung ausbreiten, seit Anfang Mai sind gemeldete Fälle ohne vorherige Reisegeschichte deutlich angestiegen. Die Lockerung der Restriktionen führte dazu, dass viele Menschen wieder vor die Tür gingen und nicht genügend Vorsichtsmaßnahmen trafen.

Kritiker bemängeln auch, dass weniger Tests gemacht wurden, nachdem die Fallzahl gesunken war – ihrer Meinung nach ein Zeichen der Nachlässigkeit. Ende Juli nahm Kerala mehr als 9.000 Proben pro Tag, gegenüber 663 im April. Die Testrate pro Million Einwohner ist niedriger als in Staaten wie Andhra Pradesh mit einer rasch steigenden Fallzahl, oder Tamil Nadu, das seit langem ein Hotspot ist. Aber sie liegt vor der in Maharashtra, dem bislang größten Hotspot des Landes.

Kerala führt unter anderem diagnostische Tests, Pool-Tests, schnelle Antigen- und Antikörpertests durch – aber es ist nicht klar, wie viele Fälle bei jeder dieser Untersuchungen festgestellt werden. Die erhöhten Testzahlen ergeben jedoch möglicherweise kein realistisches Bild. »Die Tests wurden intensiviert. Aber es ist nie genug. Kein Staat kann so viel testen, wie es nötig wäre«, sagte A. Fathahudeen, Leiter der Abteilung für Intensivpflege am Ernakulam Medical College gegenüber BBC.

Die meisten Epidemiologen glauben, dass Kerala insgesamt gute Arbeit geleistet hat. Die Sterblichkeitsrate bei denen, die positiv auf die Krankheit getestet wurden, ist eine der niedrigsten in Indien. Die Krankenhäuser in Kerala sind noch nicht überfüllt. Die Regierung hat in Hunderten von Dörfern Covid-19-Behandlungszentren eingerichtet, in denen es Betten mit Sauerstoffgeräten gibt – zusätzlich zur guten Krankenversorgung. Wie gut aufgestellt der kommunistisch regierte Bundesstaat letztlich ist, wird die weitere Entwicklung zeigen.

Viele Infizierte, wenige Todesfälle

Die Zahl der täglich mit Covid-19 Infizierten in Indien stieg laut Johns Hopkins University von 5.000 im Mai auf über 10.000 im Juni, 35.000 im Juli und rund 60.000 im August. In den ersten Septembertagen hat Indien innerhalb von 24 Stunden mehr als 90.000 neue Fälle von Covid-19 registriert und liegt damit vor Brasilien. Mehr als 75.000 Infektionen kamen zuletzt täglich hinzu. In Delhi wurden an einem Tag mehr als 3.200 Infektionen festgestellt. Bereits Anfang August hatte Indien als drittes Land der Welt zwei Millionen Fälle gemeldet.

Die regionalen Unterschied sind erheblich. Die registrierten Infektionen werden größtenteils aus fünf Staaten gemeldet. Mehr als 60 Prozent der aktiven Fälle kommen aus Andhra Pradesh, Tamil Nadu, Karnataka, Maharashtra und Uttar Pradesh, Indiens bevölkerungsreichstem Bundesstaat. Auch in vielen ländlichen Gebieten wurde ein Anstieg verzeichnet. Das Virus hat zuletzt auch eine der Gruppen von Ureinwohnern erreicht, die auf der abgelegenen Inselkette der Andamanen leben.

Die Todesrate in Indien ist äußerst gering; 34 Covid-19-Todesfälle werden pro Million Einwohner gezählt. Die meisten Covid-19-Toten pro Million Einwohner in Indien hatten Ende August laut dem indischen Gesundheitsministerium (Indian Ministry of Health and Family Welfare) Delhi (220), Maharashtra (170) und Tamil Nadu (72).

Im Jahr 2017 gab es in Indien 0,53 Krankenhausbetten pro Bewohner, die Zahl der Intensivbetten ist nicht bekannt. Zum Vergleich: Die Zahl der Krankenhausbetten pro 1.000 Bewohner in Deutschland wird derzeit auf acht beziffert. Knapp 48.000 Beatmungsgeräte soll es in ganz Indien geben. Im vergleichsweise bevölkerungsarmen Deutschland gibt es 25.000 derartige Geräte.(mh)

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Debatte

  • Beitrag von Franz L. aus S. (12. September 2020 um 07:17 Uhr)
    Kontaktsperren und Ähnliches bringen nichts. Irgendwann steigen die Infiziertenzahlen. Das werden auch Kuba und Vietnam noch erleben. Nur wer nicht testet, hat keine Infizierten. Wir müssen akzeptieren, dass wir mit dem Virus leben müssen. Und dafür brauchen wir ein gutes Gesundheitssystem, das aber wirklich nur Kranke behandelt und nicht gesunde Menschen einsperrt. Quarantäne führt nur dazu, dass die Wirtschaft an die Wand gefahren wird, und das können sich weder Vietnam noch Kuba oder Kerala leisten.
  • Beitrag von Matthias H. aus L. (12. September 2020 um 13:33 Uhr)
    Mehr als ein halbes Krankenhausbett pro Bewohner?
  • Beitrag von rüdiger k. aus d. (12. September 2020 um 19:01 Uhr)
    Ein positiver Coronatest ist nicht gleichbedeutend mit einer Infektion. Diese sehr beliebte Gleichsetzung führt zu falschen Schlussfolgerungen und gefährlichen Konsequenzen. Der Test sucht nach Fragmenten eines Nukleinsäuremoleküls, nicht nach kompletten und infektionsfähigen Viren. Die Spezifität des Tests ist begrenzt, es werden auch andere Coronaviren (Schnupfenviren) nachgewiesen. Vor allem ist der Test bei ca. 1,4 Prozent auch positiv, wenn keine Virusnukleinsäure vorliegt (Ringversuch des RKI vom Mai). Das bedeutet, dass, je mehr getestet wird, um so mehr falsch-positive Resultate zwangsläufig entstehen (mindestens 1.400 pro 100.000 Tests). Das erklärt den steilen Anstieg der angeblich Infizierten bei Ausweitung der Tests ohne begleitende Zunahme von Kranken. In Europa ist das nicht anders. Es wäre sinnvoll, die Massentests einzustellen, die infolge der daraus resultierenden Lockdownmaßnahmen nur schwere Schäden anrichten und nichts nützen.
    • Beitrag der jW-Redaktion (14. September 2020 um 10:29 Uhr)
      Liebe Leser, auch anlässlich dieser Zuschriften möchten wir bitten, »Corona« ernst zu nehmen. junge Welt hat dazu mehrfach Stellung genommen:

      www.jungewelt.de/artikel/385398.kleines-corona-kompendium.html

      www.jungewelt.de/artikel/378457.die-pandemie-und-die-folgen-katalysator-corona.html

      www.jungewelt.de/artikel/383269.pandemie-und-%C3%B6konomie-hauptsache-zahlungsf%C3%A4hig.html

      (jt)
  • Beitrag von Hagen R. aus R. (13. September 2020 um 01:32 Uhr)
    Die Angabe von 1,4 Prozent bezieht sich vermutlich auf diesen Bericht vom Ringversuch:

    https://www.instand-ev.de/System/rv-files/340%20DE%20SARS-CoV-2%20Genom%20April%202020%2020200502j.pdf

    Nur 98,6 Prozent der Testergebnisse für eine gesunde Probe waren hier korrekt (siehe Seite 36–39) aber es gab auch das Ergebnis »fraglich«, bei dem in der Praxis der Test wiederholt worden wäre. Die Falsch-positiv-Rate lag nur bei 0,7 Prozent, also halb so hoch, wie hier behauptet. Die 1,4 Prozent falsch-positiv sind schlicht gelogen.

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