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Aus: Ausgabe vom 11.09.2020, Seite 12 / Thema
Anton-Amo-Straße

Vom »Hofmohr« zum Philosophen

Die Umbenennung der Berliner Mohrenstraße ist beschlossen, neuer Namensgeber wird Anton Wilhelm Amo. Doch wer war dieser Afrikaner, der im Preußen des 18. Jahrhunderts studierte und lehrte?
Von Ursula Trüper
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So friedlich war die Gründung der brandenburgischen Kolonie Großfriedrichsburg wohl nicht. Ein beschönigender Holzstich Erich Sturtevants zeigt die Landung Majors Friedrich von der Gröben am 31.12.1682

»Wer sich dem Notwendigen anpassen kann, ist weise und göttlicher Dinge sich bewusst« (Anton Wilhelm Amo)

Es muss irgendwann im Juli 1707 gewesen sein, als der etwa siebenjährige Amo an den Hof von Salzthal Wolfenbüttel kam. Ein helles Bürschchen. Beispielsweise wusste er noch genau, dass er in einem Dorf in der Nähe der Stadt Axim an der »Goldküste« geboren wurde, dem heutigen Ghana. Der Junge war ein »Geschenk« der Niederländisch-Westindischen Compagnie für den Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, und sein künftiger Lebensweg schien damit vorgezeichnet. Natürlich würde er »Hofmohr« werden, wie so viele Afrikaner, die damals in Europa lebten.

Schwarze Bedienstete waren groß in Mode an den deutschen Fürstenhöfen. Der Maler Antoine Pesne beispielsweise hat mehrere Porträts der preußischen Prinzen und Prinzessinnen gemalt, auf denen im Hintergrund ein afrikanischer Page zu sehen ist. So ein Schwarzer¹ Hofmohr hatte mit den Königskindern zu spielen und seinem Herzog morgens Kaffee oder heiße Schokolade ans Bett zu bringen. Er war eine Art Spielzeug für seinen Herrn, der sich mit dem exotischen Bediensteten schmückte, seine Launen an ihm ausließ und ihn wie sein Eigentum behandelte. Die rechtliche Situation der Hofmohren war durchaus unklar. Für gewöhnlich waren sie von Sklavenjägern geraubt oder auf Sklavenmärkten gekauft worden. Auch in Deutschland, obwohl es dort rechtlich keine Sklaverei gab, betrachtete man sie als Eigentum ihrer Herrn, anders als beispielsweise in Frankreich, Holland und Ende des 18. Jahrhunderts auch in England, wo Sklaven automatisch die Freiheit erlangten, sobald sie europäischen Boden betreten hatten. Zwar wurden die Afrikaner an den deutschen Höfen in der Regel gut behandelt (schließlich hatte ihre Anschaffung eine Stange Geld gekostet), und ihr Schicksal war nicht zu vergleichen mit dem der Sklaven auf den Zuckerrohrfeldern in der Karibik und Westindien und auf den Baumwollfeldern in Amerika. Doch sie hatten sich beständig zur Verfügung ihrer Herren zu halten, sie konnten weder kündigen noch ohne deren Zustimmung heiraten. Manche besonders intelligente Hofmohren erreichten wichtige Vertrauensstellungen bei ihren Herren, dennoch lebten sie »gewissermaßen in einem Niemandsland zwischen Freien und Unfreien«, so der Historiker Peter Martin.²

Der kleine Afrikaner wurde unverzüglich getauft, und zwar auf die Namen des Herzogs Anton Ulrich und dessen Sohn Wilhelm August. Diesem Umstand verdanken wir das erste schriftliche Zeugnis über ihn: »Den 29. Julij ist ein Kleiner mohr in der Salzthal-Schloß Cappell getauft u. Anthon Wilhelm genannt worden. Die Gevatern waren die hiesige sämbtl. Hochfürstl. Herrschaft.«³ So lautet ein Eintrag im Kirchenbuch der Schlosskapelle in Wolfenbüttel von 1707.

Bemerkenswerterweise gelang es dem jungen August Wilhelm Amo, seinen Herzog dazu zu bewegen, dass er neben seinen neuen Taufnahmen auch seinen afrikanischen Namen Amo beibehalten durfte. Dies war ungewöhnlich – Afrikanern an den deutschen Fürstenhöfen wurde damals in der Regel nur ein Vorname zugestanden. Ebenso ungewöhnlich war die gute Schulausbildung, die er erhielt. Vielleicht wollte Herzog Anton Ulrich dem russischen Zarenhof nacheifern. Der Hof von Wolfenbüttel hatte enge Verbindungen nach Petersburg, wo zu dieser Zeit der Afrikaner Ibra­him Hannibal lebte. Hannibal war ein Jahr vor Amo an den Zarenhof gelangt, auch er ein »Geschenk«, in dem Fall des russischen Botschafters von Istanbul an seinen Zaren. Bald zeigte sich die große Intelligenz des jungen Afrikaners. Peter I. setzte ihn zunächst als Geheimschreiber und später als Offizier ein und arrangierte eine Heirat für ihn. So kommt es, dass Ibrahim Hannibal zum Urgroßvater des Dichters Alexander Puschkin wurde.

Wirtschaftsfaktor Sklaven

Um die Situation des jungen Anton Wilhelm Amo zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass der Sklavenhandel einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der ökonomisch aufstrebenden Nationen England, Frankreich, Niederlande, Portugal und Dänemark war. Wie viele Menschen genau verschleppt wurden, kann man nur schätzen. Es muss sich um Millionen gehandelt haben.

Viele der Sklaven starben bereits auf der Reise, denn die Unterbringung auf den Sklavenschiffen war grauenhaft: »Welch ein Schauer überkam mich beim Betreten der Räume«, schrieb beispielsweise 1693 der Schiffsarzt Johann Peter Oettinger in sein Tagebuch, »in denen die unglücklichen Opfer untergebracht, beim Einatmen der schrecklichen Atmosphäre, in der zu leben dieselben gezwungen waren. Paarweise an Händen und Füßen zusammengeschlossen, lagen oder saßen sie reihenweise nebeneinander.« Und einige Zeit später notierte er: »Der Gesundheitszustand der Sklaven war kein günstiger. Das Zusammenpferchen derselben, Mangel an Bewegung, veränderte Nahrung und dergleichen erzeugten Krankheiten aller Art unter ihnen. Schon während meines Landaufenthaltes waren zehn der Unglücklichen gestorben, und während der nächsten Tage erlag eine ebenso große Zahl der Brechruhr.«⁴ Man geht davon aus, dass auf jeden Afrikaner, der lebend auf die Sklavenmärkte in Amerika oder sonstwo auf der Welt gelangte, vier Tote kamen, die den Transport nicht überlebt hatten. Die Überlebenden erwirtschafteten mit ihrem Blut und ihrem Schweiß den Reichtum, den man in Europa brauchte, um den Industriekapitalismus aufzubauen.

Ein Zentrum des Sklavenhandels war die »Goldküste«. 1681 landeten dort zum ersten Mal brandenburgische Schiffe. Denn auch das kleine Kurfürstentum Brandenburg beteiligte sich eine Zeit lang am internationalen Sklavenhandel. Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, der zu einem aufwendigen Lebensstil neigte und chronisch an Geldmangel litt, suchte dringend nach neuen Einnahmequellen. Nach dem Vorbild der Niederlande gründete man in Berlin die »Brandenburgisch-Africanische Compagnie«, eine Art Aktiengesellschaft, in die kapitalkräftige Interessenten einzahlten, die dann am Gewinn beteiligt wurden. Kaum hatten sie sich an der Goldküste festgesetzt, gingen die Brandenburger zügig an den Aufbau eines befestigten Forts, das sie nach ihrem Kurfürsten Großfriedrichsburg nannten. Man kann diese Festung in der Nähe der Stadt Princess Town auch heute noch besichtigen. Nach der Fertigstellung dieses Forts stand dem brandenburgischen Handel nichts mehr im Weg. Es war ein Dreiecksgeschäft: Aus Amerika wurden Zucker, Tabak, Kaffee und verschiedene Edelmetalle nach Europa importiert und dort gegen Waffen, Textilien, Schnaps und Glasperlen eingetauscht. Mit diesen Waren wiederum kaufte man in Afrika Elfenbein, Gold und – Menschen.

Doch der Sklavenhandel brachte den Brandenburgern kein Glück. Der erhoffte Gewinn blieb aus. Als sich im Januar 1701 der brandenburgische Kurfürst Friedrich III. selbst zum preußischen König Friedrich I. krönte, war die Brandenburgisch-Africanische-Americanische Compagnie bankrott. Sein Sohn Friedrich Wilhelm I., der »Soldatenkönig«, beendete schließlich 1721 das defizitäre Kolonialabenteuer seiner Vorfahren und verkaufte alle preußischen Überseebesitzungen an die Niederländisch-Westindische Compagnie. Eine Klausel des Verkaufsvertrages besagte, dass ihm die Holländer zusätzlich zur Kaufsumme auch »12 Negerknaben stellen (mussten), von denen sechs mit goldenen Ketten geschmückt sein sollten.«⁵

Mit diesen jungen Männern hatte der Soldatenkönig seine besonderen Pläne. Jahrelang hatte er sich vergeblich »um 160 bis 170 Stück junge wohlgewachsene Manns-Negers« bemüht⁶, die er zu Heeresmusikern ausbilden lassen wollte. Nun kam er seinen Wünschen endlich etwas näher. Er ruhte nicht, bis er ein komplett Schwarzes Musikkorps aufgestellt hatte. An die 30 Afrikaner waren schließlich in der preußischen Armee als Musiker beschäftigt. Für sie ließ er 1724 eine spezielle »Hoboistenschule« in der Nähe des großen Militärwaisenhauses in Potsdam einrichten. Wie bei seinen »Langen Kerls« legte der Soldatenkönig besonderen Wert darauf, dass seine Militärmusiker stattlich und großgewachsen waren. Als »Janitscharen« wurde die Truppe weit über Preußen hinaus berühmt und diente als Vorbild für ähnliche Einrichtungen in anderen Fürstentümern. Die Preußen scheinen die ersten gewesen zu sein, die Schwarze Militärmusiker einsetzten. Die preußische Armee galt damals als eine der modernsten in Europa und bemühte sich intensiv um die Entwicklung fortgeschrittener Militärtechniken. Dazu gehörte auch eine neuartige Marschmusik. Später bewohnten die »Janitscharen« eine eigene Kaserne in Berlin. Ihr verdankt die »Mohrenstraße«, die jetzt umbenannt werden soll, ihren Namen.

Magister Amo

Als der kleine Amo 1707 in Deutschland ankam, war der Sklavenhandel in Brandenburg noch in vollem Gange. Doch ihm selbst ist möglicherweise die Horrorüberfahrt auf einem Sklavenschiff erspart geblieben. Es gibt in Ghana, wo die Erinnerung an den Schwarzen Philosophen noch heute sehr lebendig ist, eine mündliche Überlieferung, derzufolge er von seiner Mutter nach Amsterdam geschickt wurde, um dort eine Ausbildung zu erhalten.⁷ In diesem Fall hätte man den Jungen vermutlich nicht im Unterdeck eines Sklavenfrachters eingesperrt, sondern als normalen Passagier behandelt. Dass ihn dann die Angestellten der Niederländisch-Westindischen Compagnie in Deutschland einfach »verschenkten«, hat seine Mutter vermutlich nicht geahnt.

Seine Karriere in Deutschland hat Amo vermutlich als herzoglicher »Hofmohr« begonnen. Doch zwanzig Jahre nach seiner Taufe, am 9. Juni 1727, wendete sich das Blatt: August Wilhelm Amo schrieb sich bei der Philosophischen Fakultät der Universität Halle ein. Da war er bereits 27 Jahre. Warum man ihn erst so spät studieren ließ, wissen wir nicht. Doch Amo holte den Zeitverlust mit Bravour wieder auf. Bereits zwei Jahre später hielt er seine erste »Disputation«, ein öffentliches wissenschaftliches Streitgespräch – den universitären Gepflogenheiten der Zeit entsprechend auf Lateinisch. Amo behandelte darin einen Gegenstand, der ihn selbst betraf. »De iure Maurorum in Europa«, lautet der Titel, zu Deutsch: »Über die Rechtsstellung der Schwarzen in Europa«. Leider ist diese Disputation nicht mehr erhalten, doch gibt es immerhin einen kurzen Bericht darüber, der vermutlich auf den Universitätskanzler zurückgeht: »Hierselbst hat sich ein in Diensten Sr. Hochfürstl. Durchl. des regierenden Herzogs von Wolfenbüttel stehender getaufter Mohr Namens Herr Antonius Wilhelmus Amo, einige Jahre Studirens halber aufgehalten. Und nachdem er vorhero die Lateinische Sprache zum Grund geleget, hat er hier die collegis iuris priuati und publici mit solchem Fleiß und success getrieben, daß er sich in solchem studio ziemlich geübet. Solchem nach er sich mit Vorbewußt seiner gnädigsten Herrschaft, welche ihn bisher allhier unterhalten, bey dem Herrn Cantzler von Ludewig angegeben unter deßen praesidio sich mit einer disputation öffentlich hören zu lassen. Damit nun das Argument der disputation seinem Stande gemäß seyn möchte; so ist das thema de iure maurorum in Europa oder vom Mohrenrecht beliebet worden.« Unter anderem habe Amo untersucht, »wie weit den von Christen erkaufften Mohren in Europa ihre Freyheit oder Dienstbarkeit denen üblichen Rechten nach sich erstrecke.«⁸

Bald darauf verließ Amo die Universität Halle. Er begab sich ins sächsische Wittenberg und immatrikulierte sich dort am 2. September 1730. Wenige Wochen später erwarb Amo den Grad eines Magisters der Philosophie und der Freien Künste, wie sich aus dem Dekanatsbuch der Philosophischen Fakultät der Universität Wittenberg belegen lässt. Dort ist auch sein Geburtsort erwähnt. Unter der Nummer IX ist da zu lesen: »Antonius Wilhelmus Amò, Aximo – Guineansis ex Africa, Maurus«, Anton Wilhelm Amo von Axim in Guinea aus Afrika, ein Schwarzer.

Offensichtlich war die Universität Wittenberg sehr stolz auf ihren Schwarzen Studenten. Dies zeigt sich an der zentralen Rolle, die er anlässlich des Besuchs des Kurfürsten von Sachsen (in Personalunion auch König von Polen) einnahm. Bei Staatsbesuchen fiel den Studenten die Aufgabe zu, den hohen Gast durch eine Parade zu ehren. In einem Bericht von 1733 heißt es: »Nachdem (die Studenten) die Parade gestellet, begaben sie sich in schönster Ordnung aus dem Collegio, und besetzten die Collegen-Gasse zu beyden Seiten. (…) Der Herr M. Amo, ein Afrikaner, stund in der Mitten, als Commandeur über das ganze Corpo, schwartz gekleidet, einen propren Stock in der Hand tragend und über die Weste mit einem breiten weissen Ordens-Bande angethan, worauf das Chur-Sächs. Wapen mit Gold und untermengten schwarzen Seide prächtig gestickt war.« Die Parade dauerte zwei Tage, immer mit dem »Commandeur Amo« an der Spitze und erregte »das höchste Wohlgefallen« der »Königl. Hoheit (…), welche auch deswegen den Herren Studiosis sechs Eymer Rhein-Wein geben ließen.«

Offensichtlich war der frischgebackene Magister damals kein Kind von Traurigkeit. Dies bezeugen mehrere Listen im Stadtarchiv Wittenberg, auf denen säumige Zecher, unter ihnen Amo, vermerkt sind. Doch dies hielt ihn nicht davon ab, fleißig an seiner Dissertation zu arbeiten, die er 1734 abschloss. Diese ist uns erhalten und trägt den umständlichen Titel: »Über die Apatheia der menschlichen Seele oder über das Fehlen der Empfindung und der Fähigkeit des Empfindens in der menschlichen Seele«.⁹ Mit ihr wurde Amo als Magister legens, das heißt als ordentlicher Hochschullehrer, zugelassen.

Ehrbarer Philosophus

Danach kehrte Dr. Anton Wilhelm Amo nach Halle zurück. Am 21. Juli 1736, so geht aus einer Notiz des Dekanatsbuchs der Philosophischen Fakultät in Halle hervor, beantragte er die Genehmigung, Vorlesungen zu halten. Er bat, ihm diese Genehmigung gratis zu erteilen, da er arm sei. Denn inzwischen war sein Gönner Herzog August Wilhelm von Braunschweig gestorben, und dessen Nachfolger zeigten keinerlei Interesse mehr an dem jungen Philosophen. Seinem Antrag wurde offensichtlich stattgegeben, denn im Vorlesungsverzeichnis von 1737 wird seine Lehrveranstaltung »De harmonia, seu concordia rerum« erwähnt. Er nahm auch wieder an öffentlichen Disputationen teil. Ein Bericht von 1736 lautet: »Bey dieser disputation hat nebst andern Hrn., Mag. Amo, aus Africa, und daselbst aus Guinea gebürtig, ein Genuiner-Mohr, aber ein bescheidener und ehrbarer Philosophus mit Vergnügen nach seiner Art publice oponirt.«

1738 wurde in Halle sein Hauptwerk gedruckt: »Tractatus de arte sobrie et accurate philosophandi«, zu Deutsch: Traktat über die Kunst, nüchtern und sorgfältig zu philosophieren. Obwohl sich Amo mit diesem Werk endgültig als hochqualifizierter Philosoph auswies, so verbaute er sich damit die eigene akademische Karriere. Denn in Halle gab es zwei sich bekämpfende philosophische Schulen. Auf der einen Seite stand der Philosoph der Aufklärung, Christian Wolff, auf der anderen die theologische Fakultät. Letztere war stark vom Pietismus geprägt, einer religiösen protestantischen Strömung, mit der auch das preußische Königshaus sympathisierte. Es wurde mit harten Bandagen gekämpft. Letztlich erreichten die Pietisten, dass Wolff aus Halle ausgewiesen und seine Lehre verboten wurde. Amo jedoch machte kein Hehl daraus, dass er ein entschiedener Wolffianer war, was sich auch in seinem »Tractatus« niederschlug.

Und so verließ der Schwarze Philosoph erneut Halle und ging nach Jena. Am 27. Juni 1739 richtete er ein Schreiben an die dortige philosophische Fakultät. Es ist in lateinischer Sprache verfasst und stellt die umfangreichste Handschriftenprobe von Anton Wilhelm Amo dar. In der Übersetzung lautetet es folgendermaßen: »Herr Dekan der philosophischen Fakultät / hochansehnlicher und verehrungswürdiger Senior, / und Ihr, meine hochbedeutenden und hervorragenden / Professoren und hochzuverehrenden Schutzherren! Einerseits in der Absicht, dem Staate zu dienen, andererseits auch besonders, weil die Notwendigkeit gegeben ist und drängt (ich bin nämlich von Haus aus arm), habe ich, wie es einem Manne gebührt und soweit es meine Pflicht war, eifrig gearbeitet an beiden Universitäten, der Wittenberger und der Hallenser dadurch, dass ich zu Hause wie öffentlich Philosophie lehrte und öfters disputierte. Deshalb Ihr Herren, die Ihr an der Spitze der Wissenschaft steht, selbst im Vertrauen, dass mir hier das Gleiche gestattet wird, bitte ich Euch inständig und in schuldiger Hochachtung, dass es mir erlaubt sein möge, auch an diesem berühmten Musensitz dasselbe zu betreiben. (…) Anton Wilhelm Amo, ein Afrikaner, Magister und Dozent der Philosophie und der freien Künste und Rechte Kandidat«.

Die Lage bleibt schwierig

Nach einigem Hin und Her wurde dem Gesuch stattgegeben. Eine in lateinischer Sprache von Amo selbst geschriebene Ankündigung ist uns erhalten, die auf den 17. Juli 1739 datiert ist und ein philosophisches Seminar in Aussicht stellt. Danach gibt es nur noch wenige Hinweise auf den afrikanischen Philosophen. Offensichtlich kam er sein ganzes akademisches Leben lang nie über die prekäre Position eines Privatdozenten hinaus. 1740 schrieb er einem Freund einen Vers des antiken Philosophen Epiktet (der übrigens selbst ursprünglich ein Sklave gewesen war) ins Stammbuch: »Necessitati qui se accommodat sapit, estque rerum Divinarum conscius«, zu deutsch: Wer sich dem Notwendigen anpassen kann, ist weise und göttlicher Dinge sich bewusst. Vielleicht spielte Amo mit diesem Vers auf seine eigene Situation an. Als kleiner Junge aus Afrika nach Europa verschleppt, dort getauft, vermutlich ohne seine Einwilligung, und auch später nie einer unter vielen, sondern immer irgendwie anders als seine Kommilitonen und Kollegen, war Amo sicherlich einem besonders starken Anpassungsdruck ausgesetzt. 1743 starb der Hallesche Philosophieprofessor Johann Peter von Ludewig, Amos Lehrer, Förderer und Freund seit seinem ersten Semester. Dies, so erzählte er später dem Schiffsarzt Gallandat, habe ihn »sehr schwermütig« gemacht.

1747 wird er noch einmal erwähnt – in einer Schmähschrift mit dem Titel: »Belustigende poetische Schaubühne und auf derselben (…) Herrn M. Amo, eines gelehrten Mohren galanter Liebesantrag an eine schöne Brünette, Made. Astrine. (…) Der Mademoiselle Astrine parodische Antwort. (…)« Möglicherweise geht dieses Pamphlet auf eine wahre Begebenheit zurück. Offensichtlich hatte Amo, inzwischen über 40 Jahre alt, um eine Frau geworben, die ihn aber abwies. Die erwähnte Schmähschrift lässt die Mademoiselle Astrine auf Amos Werben antworten: »Weil mich der schönste Mohr zur Liebe nicht beweget, / Im Mohrenlande kann dein Stern ohn Untergehen / Dir noch vielleicht entstehen.« Im Klartext: Wie kannst du, ein Schwarzer es wagen, mich heiraten zu wollen? Geh dahin zurück, wo du hergekommen bist. Falls dieses Gedicht wirklich auf reale Begebenheiten zurückgeht, muss die rassistische Zurückweisung von »Astrine« sehr verletzend gewesen sein. Brutal machte sie dem afrikanischen Philosophen klar, dass er trotz aller Gelehrsamkeit von seiner Weißen Umgebung nicht als ebenbürtig anerkannt wurde. Noch verletzender muss es für ihn gewesen sein, dass er durch die gedruckte Schmähschrift auch noch öffentlich der Lächerlichkeit preisgegeben wurde.

Danach hören wir lange nichts mehr von Anton Wilhelm Amo. 1782 erschien in Holland der Bericht über die Afrikareise des bereits erwähnten Schweizer Schiffsarztes David Henrij Gallandat. Der schreibt, wie er auf seiner Reise auch die »Goldküste« besuchte und »dem berühmten Herrn Anthonius Guilielmus Amo Guinea Afer, Doktor der Philosophie und der freien Künste Meister, einen Besuch ab(stattete)«. Amo, so Gallandat, lebe in der Stadt seiner Geburt, in Axim, als »Eremit und hatte unter den Seinen den Ruf eines Wahrsagers. Er war verschiedener Sprachen mächtig: Hebräisch, Griechisch, Latein, Französisch, Hoch- und Niederdeutsch; er hatte große Kenntnisse in Astrologie und Astronomie und war ein großer Weissager; er war ungefähr 50 Jahre alt. Sein Vater und seine Schwester lebten noch und wohnten vier Tagereisen landeinwärts. Er hatte einen Bruder, der Sklave war in der Kolonie von Surinam. Später ist er von Axim fortgezogen und nahm in der Festung der West-Indischen Com. St. Sebastian in Chama Wohnung.«

Wer war Amos Vater? Und seine Schwester? Und was hat es mit Amos Bruder, der als Sklave nach Surinam verschleppt wurde, auf sich? Wir wissen es nicht. Auch warum er gegen Ende seines Lebens in die Festung der West-Indischen Compagnie gezogen ist, wissen wir nicht. Vielleicht tat er das nicht freiwillig. In diesen Jahren gab es große Sklavenaufstände gegen die Niederländer in Surinam. Möglicherweise wollte man den gebildeten Afrikaner, der zudem durch seinen Bruder Verbindungen nach Surinam hatte, auf diese Weise unter Kontrolle haben. Doch das bleibt Spekulation. Auch der Zeitpunkt seines Todes ist ungewiss. Sein Grab aber ist erhalten und kann heute noch in Ghana vor der Festung Chama besichtigt werden.

Anmerkungen

1 Um anzudeuten, dass es sich bei den Hautfarben-Bezeichnungen »Schwarz« und »Weiß« nicht um biologische Tatsachen handelt, sondern um politisch-soziale Zuschreibungen, werden im folgenden beide Adjektive groß geschrieben.

2 Peter Martin: Schwarze Teufel, edle Mohren. Hamburger Edition, Hamburg 1993, S. 129–180

3 Zit. nach Burchard Brentjes: Anton Wilhelm Amo. Der schwarze Philosoph in Halle. Koehler & Amelang, Leipzig 1976, S. 29/30

4 Zit. nach Ulrich van der Heyden: Rote Adler an Afrikas Küste: die brandenburg-preußische Kolonie Großfriedrichsburg in Westafrika. 2., veränderte Auflage, Selignow-Verlag, Berlin 2001, S. 55

5 Ebd., S. 81

6 Martin, S. 123

7 Brentjes, S. 76

8 Alle folgenden Zitate sind zitiert nach Brentjes.

9 In deutscher Übersetzung der ursprünglich lateinischen Fassung ist sie abgedruckt in Brentjes, S. 87–108

Ursula Trüper schrieb zuletzt an dieser Stelle in der Ausgabe vom 14. Juli über das »Euthanasie«-Programm der Nazis anhand des konkreten Falles ihrer Großtante Marie.

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