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Aus: Ausgabe vom 08.09.2020, Seite 8 / Inland
NRW vor Kommunalwahlen

»Der ländliche Raum wird immer wieder vergessen«

Kommunalwahlkampf in NRW: Partei Die Linke setzt auf sozialen Wohnungsbau und mehr ÖPNV. Ein Gespräch mit Sidney Lewandowski
Interview: Markus Bernhardt
Verkehrsverbund_in_N_61699053.jpg
Fahrkartenautomat im Hauptbahnhof in Düsseldorf (16.2.2011)

Sie treten bei den nordrhein-westfälischen Kommunalwahlen am 13. September in Kamp-Lintfort, einer Stadt mit knapp 40.000 Einwohnern, als Bürgermeisterkandidat für Die Linke an. Was wollen Sie anders machen als der bisherige Amtsinhaber Christoph Landscheidt von der SPD?

In erster Linie möchte ich eine Alternative zu ihm sowie zu anderen Kandidatinnen und Kandidaten sein. Landscheidt hat bislang Schönwetterpolitik betrieben, und auch wenn sich Kamp-Lintfort unter seiner Führung gemacht hat, gibt es starke Defizite. Der kommunale Wohnungsbau ist seit rund zwanzig Jahren am Ende, es sind mehr als 70 Prozent der Sozialwohnungen weggefallen. Das ist ein Zustand, den wir als Linksfraktion aufgedeckt haben – aber anders als die SPD nicht verschweigen und nicht kleinreden. Auch der schlecht ausgebaute ÖPNV ist bei den Bürgerinnen und Bürgern ein wichtiges Thema, das wir als Linke besonders ansprechen.

Inwiefern?

So wie die Busse aus und nach Kamp-Lintfort fahren, sind sie keine gute Alternative zum Pkw. Auch wenn es jetzt eine Bahnanbindung gibt, ist diese ungenügend, denn eine Reisedauer von 45 Minuten von Kamp-Lintfort nach Duisburg ähnelt eher der einer Fahrt mit der Bimmelbahn.

Wie unterscheiden sich die Probleme, die die Menschen in den NRW-Ballungsräumen wie den Ruhrgebietsstädten hat, ansonsten von denen im ländlich geprägten Teil des bevölkerungsreichsten Bundeslandes?

Wie schon angesprochen, ist der ÖPNV mangelhaft gegenüber den Ballungsgebieten. Auch wenn Kamp-Lintfort recht nah am Ruhrgebiet liegt, ist es eine riesige Hürde, überhaupt ohne Auto über den Rhein zu kommen. Außerdem wird für die jungen Leute im Kreis Wesel oder auch in Kamp-Lintfort wenig geboten – auch politisch. So fehlt zum Beispiel ein Jugendparlament. Und gerade auch, was die Sensibilisierung gegen rechte Tendenzen angeht, gibt es hier ebenfalls noch viel zu tun. Damit haben leider viele Menschen in den ländlicheren Gegenden noch deutlich mehr Probleme als in der Stadt. Ein weiteres wichtiges Thema ist der voranschreitende Kiesabbau, den die Menschen in unserer Region so nicht mehr wollen.

Bräuchte es dann nicht eine wesentlich breiter angelegte politische Offensive für den ländlichen Raum, die Probleme wie fehlende Einkaufsmöglichkeiten, unzureichende Gesundheitsversorgung, einen bedarfsgerechten öffentlichen Nahverkehr und mangelnde Kultur- und Freizeitangebote für Jung und Alt endlich behebt?

Natürlich brauchen wir so etwas, und ich befürworte und unterstütze solche Pläne sofort, wenn es so was geben würde. Leider wird der ländliche Raum immer wieder vergessen. Da bin ich aber froh, dass wir als Linke in NRW schon öfter Strategiekonferenzen zum ländlichen Raum durchgeführt und darüber gesprochen haben, wie diese Probleme anzupacken sind. An dieser Stelle sind wir weiter als andere Parteien.

Im Stadtgebiet von Kamp-Lintfort fehlen Tausende mit öffentlicher Hilfe gebaute Wohnungen. Wie wollen Sie diese Situation ändern?

Laut einer Anfrage unserer Fraktion vor Ort sind in den vergangenen 20 Jahren rund 5.000 Wohnungen aus der Förderung weggefallen. Die sind jetzt nicht komplett weg, aber sie sind teurer geworden, und viele Menschen können sie sich nicht mehr leisten. Und auch jetzt sehen wir, dass die Kaltmieten in Kamp-Lintfort extrem gestiegen sind. Deshalb haben wir in der Vergangenheit einen Antrag zur Gründung einer kommunalen Wohnbaugesellschaft gestellt. Diese sollte in großem Umfang in den Wohnungsbau investieren, denn die Kommune muss selbst Herr der Lage werden und nicht auf private Investoren hoffen. Leider wurde dieser Antrag durch die SPD-Mehrheit abgelehnt.

Woher sollte dafür das Geld kommen?

Wenn Kamp-Lintfort stark in den Umbau des Stadtzentrums investieren und auch eine Landesgartenschau veranstalten kann, sollte es doch möglich sein, nun auch eines der dringendsten Pro­bleme anzupacken.

Sidney Lewandowski ist Vorsitzender der Fraktion von Die Linke im Stadtrat von Kamp-Lintfort und gelernter Zerspanungsmechaniker

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