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Aus: Ausgabe vom 05.09.2020, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Reisereportage

Homestay in Südkorea

Ein Blick hinter die Fassade des »asiatischen Tigerstaats«. Leistung, Hyperkonsum und Patriarchat
Von Andreas Niederdeppe
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Turbokapitalismus auf Kosten der Umwelt: Zum Schutz vor Smog gehörten Atemschutzmasken auch schon vor Corona zum Straßenbild in Seoul (5.3.2019)

»Ich hatte mir dich aufgrund deiner tiefen Stimme als Deutschen mit Vollbart und dickem Bauch vorgestellt.« So grüßt mich meine Gastfamilie bei meiner Ankunft in Südkorea. Mich amüsiert das Klischee. Schnell zeigt sich, dass die »Koreanische Zentrale für Tourismus« Familien für einen sogenannten Home­stay auswählt, die weltgewandt sind. Zwei Töchter sind Flugbegleiterinnen bei Korean Air, die Jüngste vertreibt hochwertige Stofftiere, die preisgünstig in China produziert werden. Auslagerung in Billiglohngebiete, zu denen Südkorea lange schon nicht mehr zählt. Erster Ausflug: »Bitte erzähle meiner Mutter nicht, dass ich diese teure Markensonnenbrille gekauft habe, da ich bereits zwei ähnliche besitze.« Designerlogos sind im Land der Morgenfrische ein Statussymbol. Die hohe Verschuldung der Privathaushalte spiegelt es wider; Reichtum gilt es niemals zu verstecken.

Bei einer befreundeten Familie sitzen wir auf dem blitzblanken Holzfußboden vor dem Heimkino. Weshalb zieht eine betuchte Familie in den 28. Stock eines Hochhauses? Apartments in dieser Liga gelten in Südkorea als fortschrittlich. Gewachsene Wohnstrukturen mussten dem Bulldozer weichen. Die hochmodernen und doch sterilen Wohnblöcke verfügen über Einlassschranken mit Portiers, die sich ihre bescheidene Rente aufbessern. Lieferdienste düsen mit dem Moped durch diese artifiziell anmutenden Reservate.

»Wo ist die Tochter an diesem Abend?« frage ich. Ungläubige Blicke. »Englisch lernen.« Ich hake nach: »Aber es ist Sonntag.« In Südkorea sind private Lerninstitute für die Kinder unvermeidlich. Die Eltern leiten ihren gesellschaftlichen Stand nicht zuletzt vom Erfolg ihres Nachwuchses ab. Die Kurse für Ballett, Computer, Kunst, Klavier oder Geige und Sport finden unter der Woche statt. Wenn die Kinder mit dem gelben Bus des Hagwon (wörtlich übersetzt: Lernakademie) um 22 Uhr nach Hause kutschiert werden, ist dies noch früh. Die PISA-Studie 2018 zu Mathe zeigt: Auf einer Skala von 379 bis 564 Punkten erreichen koreanische Schüler 526 Punkte, deutsche Altersgenossen 500. Es gibt nur ein Ziel: einen Platz an einer der Eliteuniversitäten zu ergattern.

Dank das schnell aufgebauten Vertrauensverhältnisses zu meiner Gastfamilie erfahre ich, was ihr Ziel für die Kinder ist: Universitätsprofessor für die Söhne, Chefärztin für die Töchter. Natürlich mit Auslandsstudium. Ein überall spürbarer Erwartungsdruck. Südkorea und Japan wechseln sich bei der Zahl der Selbsttötungen von Menschen, die dem nicht standhalten können, an der tragischen Spitze ab. Wie viele kreative und feinfühlige Menschenleben werden hier für Titel und vermeintliche Karrieren geopfert? Notrufnummern auf Brücken sollen den tödlichen Sprung verhindern helfen.

Die Familie ist der Ankerpunkt. Daran hat die Modernisierung nichts geändert. Was sich in westlichen Zivilisationen über Jahrhunderte erstreckt hat, holten die von japanischer Kolonialherrschaft geknebelten und lange abgeschotteten Südkoreaner in wenigen Jahrzehnten nach. Hierfür entstand der Begriff »turbokapitalistischer asiatischer Tigerstaat«. Was heißt das in Zahlen? Südkorea erreichte 2019 laut OECD pro Kopf ein Bruttoinlandsprodukt von 42.925 US-Dollar – gegenüber 5.902 US-Dollar in Indien.

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Für Reisende Endstation im Sperrgebiet: Der Bahnhof Dorasan im südkoreanischen Paju (30.11.2018)

Für mein Frühstück wird fürsorglich Frischkäse aus Frankreich besorgt, der hier umgerechnet mehr als sieben Euro kostet. Bei der Großmutter wurde am Morgen noch Fischsuppe mit vergorenem Kohl (Kimchi) serviert. Ich fühle mich zur Gegeneinladung verpflichtet. Auf den Europäer, in Südkorea »Langnase« genannt, wird jedoch Rücksicht genommen. »Wie wäre es mit einem Spezialrestaurant für Kartoffelsuppe?« Mir kämen aber gerade frisches Gemüse und koreanische Glockenblumenwurzeln recht. Die Suppe beweist allerdings, dass hier die zwei großen Kartoffeln als Beilage zum Fleisch in der Suppe dienen und nicht umgekehrt. Doch die zahlreichen Kleinigkeiten, die in Korea ohne Speisenfolge gleichzeitig zum Hauptmenü gereicht werden, bieten Fleischverächtern geschmackliche Vielfalt.

Eine Zeitreise

Den Stadtteil Jongno prägen solide Holzhäuser mit Gemüsekübeln vor dem Eingang. Bezogen wurden die traditionellen Häuser mit Fußbodenheizung Anfang der 1950er Jahre. Freigewordene Immobilien werden als Bistro, Hostel und Kaffeehaus umgestaltet. Junge Liebespaare schlendern durch die schmalen Gassen. Jedenfalls werden hier keine Neubauten mit Apartments errichtet. Die Regierung hat erkannt, dass die Tradition erhaltenswert ist. Selbst Fairtrade wird von der Regierung zentral gefördert, direkt an der Kaffeetheke im Rathaus. Die Stadt stellt Touristen WLAN zur freien Nutzung. Keinen Spaß versteht der Staat beim Versuch des Aufrufs indexierter Internetseiten, so dass der Nutzer häufig auf eine Warnseite umgeleitet wird. Dies betrifft sowohl prokommunistische Inhalte Nordkoreas als auch als moralisch verwerflich angesehene Portale und Casinos.

Meine Gastfamilie eröffnet mir, dass man nicht des Geldes wegen vermiete. Die Familie möchte Freundschaften schließen. Auch zum Mittagessen, das nicht im Arrangement enthalten ist, bin ich jederzeit eingeladen. Ich freue mich über die herzliche Gastfreundschaft. Das Programm in der Zehnmillionenmetropole lässt kaum Gelegenheit dazu. Unweit der Messe kommen Fans koreanischer Popmusik auf ihre Kosten. Begeisterte aus Japan reisen in Gruppen an. Ein Zeichen für den Erfolg südkoreanischer Massenkultur. Herunterladen, abtanzen und Merchandise kaufen. Hier ist vom blinkenden Kuli bis zum Magneten für den Kühlschrank alles von den Divas der als K-Popgruppen bezeichneten Bands zu erstehen. Die Kehrseite zeigte sich vergangenes Jahr: mit dem Selbstmord des Idols Goo Hara, die dem Druck mit nur 28 Jahren nicht mehr standhielt. Das wirft Fragen zu der Rolle der sogenannten sozialen Medien auf und danach, ob die obligatorischen Schönheitsoperationen der Stars eine gesunde Entwicklung für Kunst und Kultur sind.

Der Ausflug nach Seoul-Itaewon zeigt, dass lange Ampelphasen für Fußgänger manchmal auch Vorteile haben. Ich spreche einen Uniformierten auf deutsch an, der stolz die Schweizer Flagge der »Neutralen Überwachungskommission in Korea« auf dem Ärmel trägt. Diese ist für die unabhängige Kontrolle des Waffenstillstands zuständig. Militärangehörige aus der Schweiz und Schweden sind bis heute südlich dem Demarkationslinie stationiert. Nordkorea entledigte sich 1991 ihres Gegenparts aus den ehemaligen sozialistischen Ländern Tschechoslowakei und Volksrepublik Polen.

Ich betrete eine Manufaktur, die Abzeichen von Nobelkarossen im verdunkelten Schaufenster ausstellt. Im Laden wird klar, wer hier das Sagen hat. US-Soldaten holen in zackigem Kommisston bestellte Medaillen ab. Hier wird englisch gesprochen, Punkt. Wieder alleine im Laden, offenbart der Inhaber mir, die in blaues Samt gehüllten Medaillen der US Army nicht allzuernst zu nehmen. Zum Preis einer Dose Bier werden mir Restbestände schwerer Erinnerungsstücke an den US-Militärgeheimdienst und Manöver feilgeboten. Draußen gibt es Bekleidung aller Marken, nahezu perfekt den Originalen nachempfunden. Für Fliegeruhrenreplikate werden Ausländer in eine Untergrundpassage geführt. Uhren werden einzeln von einem »fliegenden Kurier« herbeigeschafft. So kann die Polizei niemals ein Lager beschlagnahmen.

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Diese Art der Betonreservate gelten in Südkorea als fortschrittlich. Gewachsene Wohnstrukturen mussten der sogenannten Modernisierung weichen (7.8.2020)

Entspannter geht es vor einem Restaurant zu. Der Inhaber erkennt durch das Fenster mein Zögern. Freundlich kommt er nach draußen und erläutert mir die Speisekarte. Liebevolle Straßenküchen bieten Kartoffelpuffer mit heimischen Zutaten oder getrockneten und dann in Soße frisch zubereiteten Tintenfisch an. Die Hygiene ist vorbildlich, ich habe die Stände oft genutzt. An anderer Stelle zeigt sich, wie zwiespältig das Fortleben überlieferter Werte in einem hochmodernen Land anmuten kann. So wird zu Geschäftseröffnungen noch heute gerne eine Schamanenzeremonie mit Schweineköpfen durchgeführt.

Hinein ins dekadente Myeon-dong. Gegen die schrillen Töne der Marktschreier kreischen evangelikale Prediger mit der simplem Botschaft »Jesus gleich Himmel, kein Gott gleich Hölle« an. Der Einfallsreichtum der Händler ist schier unerschöpflich: von Brillen mit einem 90-Grad-Spiegel – zur Nutzung des Smartphones im Liegen – über UV-Taschenlampen zur Desinfektion bis zu Unterhosen mit Banknotenansichten. Vor den riesigen Luxuskaufhäusern zeigt sich der Kontrast. Hochgestylte Frauen lassen sich mit schwarzen Limousinen vor die VIP-Eingänge chauffieren, während Frauen mit sonnengegerbter Haut in ihren 80ern auf wackeligen Handkarren bei 36 Grad Altpapier sammeln.

Nach dem Überdruss des Konsums bieten die Berge mit ihren prachtvollen Tempelanlagen Ruhe für Geist und Körper. Im Tempel Gaeunsa schreitet der Mönch nach seiner Rezitation von Mantren unvermittelt auf mich zu. Habe ich gegen Regeln verstoßen? Mit sonorer Stimme zeigt er mir auf: »Alles im Leben entsteht aus deiner eigenen Wahrnehmung! Das ist Buddhismus.« Eine Weisheit, die ich ein Leben lang behalten darf. Interessierte können auch einen sogenannten Templestay-Urlaub im Land buchen.

Im Sperrgebiet

Ohne Frühstück eile ich vor Sonnenaufgang zum neuen Hauptbahnhof, einem futuristischen Glaspalast und Transportknotenpunkt. Daneben das historische Gebäude, das heute als Ausstellungsmöglichkeit für junge Kunstschaffende dient. Beim Kauf der Fahrkarte fragt die versierte Angestellte dreimal nach, ob ich mir sicher sei. Mein Ziel stelle schließlich eine Endstation im Sperrgebiet dar. Der Bahnhof Dorasan kann nur mit Reisepass erreicht werden, obwohl ich keine Grenze überschreite. Beim Ausstieg werde ich auf dem Bahnsteig vom Militär keine Sekunde aus den Augen gelassen. In Blicknähe befindet sich die Stadt Kaesong in der Demokratischen Volksrepublik Korea. Fotos nach Norden sind strikt untersagt.

Um so offener begegnet man mir in der Ausstellung des Bahnhofs. Von hier aus sollen zukünftig Züge in die nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang rollen. Und weiter durch Eurasien nach Europa: bis Duisburg und Paris, den Endpunkten der »eisernen Seidenstraße«. Dieses Großprojekt soll Japan und Südkorea an das Schienennetz nach Europa anbinden. Nordkorea bekäme bis zur Wiedervereinigung Transitgebühren. Dies, so die Hoffnung, wird für Zusammenarbeit sorgen und den geopolitischen Druck mindern. Denn der Schmerz der Teilung für die getrennten Familien resultiert nicht aus gegen das Ausland gerichtetem Abenteurertum der Koreaner. Im Gegenteil. Nach der schmerzhaften Zeit kolonialer Unterdrückung wurde die koreanische Halbinsel – als Opfer von Geopolitik – von äußeren Großmächten geteilt. Wenigstens hierin sind sich beide koreanischen Staaten einig.

Wieder bei der Gastfamilie, erwarten mich koreanische Spezialitäten: die Suppe Samgye-tang und ein stundenlang gegartes Hähnchen mit Reisfüllung und wertvoller Ginsengwurzel, die auf koreanisch Insam heißt. Der Gastgeberin sind keine Grenzen bei den Zutaten gesetzt: Datteln, Knoblauch, Feigen und Lauch. Es wird sich erkundigt, ob ich Wäsche zum Reinigen habe. Als Gast erlebt man in Korea eine familiäre Fürsorge, die von Herzen kommt. Nun sind auch intimere Gespräche möglich: »Männer erwarten von uns Frauen, dass wir ihnen in jedem Fall einen Sohn gebären.« Gezielt würden Mädchen abgetrieben. Über die Offenheit bin ich erstaunt. Darf ich weiter nachbohren? Die Neugierde siegt: »Warum diese Selektion gegen Mädchen?« Die Antwort: »Nur ein männlicher Nachkomme kann den Familienstammbaum fortführen.« Ich schweige. Meine Begleiterin fährt fort: »Neue Gesetze verbieten es Ärztinnen und Ärzten, das Geschlecht des Kindes vor der Geburt offenzulegen. Um Mädchen zu schützen.« Doch dies werde umgangen. Gynäkologen geben wohlhabenden Eltern illegale Hinweise, nachdem sie einen Geldumschlag überreicht bekommen haben: »Sie brauchen Kinderkleidung in rosa.«

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