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Aus: Ausgabe vom 05.09.2020, Seite 15 / Geschichte
Radio am Ende der DDR

Der Westen übernimmt

Der »Medienputsch«: Vor 30 Jahren okkupierte RIAS 1 kurzzeitig die Frequenzen des DDR-Jugendradios DT64
Von Ronald Weber
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Die Kündigung zum Jahresende stand schon bevor: Mitarbeiter des Senders Jugendradio DT 64 am 25. September 1991 im Berliner Studio

Der Proteststurm war groß. »Wir wollen unser Radio zurück!« und »RIAS raus!« schallte es am Abend des 7. September 1990 durch die Straßen. Hunderte Jugendliche hatten sich in verschiedenen Städten der DDR versammelt, um gegen die Abschaltung des beliebten Jugendradios DT64 zu protestieren. In Dresden besetzten 2.000 Hörerinnen und Hörer den Platz vor dem Kulturpalast und blockierten den Straßenbahnverkehr. In Ostberlin traten Jugendliche vor dem Gebäude des DDR-Ministerrates in den Hungerstreik. Man würde erst weichen, wenn die Jugendwelle auf ihren angestammten Frequenzen wieder zu hören sei.

Deren Programm war am Abend ab 20 Uhr außerhalb Berlins sowie der umliegenden Bezirke Potsdam und Frankfurt nicht mehr zu empfangen. Auf zwölf der insgesamt 18 Frequenzen von DT64 wurde plötzlich RIAS 1 ausgestrahlt: klassische Musik statt Rock und Pop. Kurz zuvor hatte der erst Ende August ins Amt gelangte 35jährige geschäftsführende Rundfunkintendant Christoph Singelnstein die später als »Medienputsch« in die Geschichte eingegangene Abschaltung zugunsten des Propagandasenders (»Eine freie Stimme der freien Welt«) mit dem »Aufbau eines demokratischen und pluralistischen Rundfunks« begründet. Bei den anwesenden Mitarbeitern im Funkhaus Nalepastraße in Berlin-Oberschöneweide erntete er dafür nur Hohngelächter. Denn tatsächlich ging es um etwas ganz anderes: DT64 war im Rahmen eines größeren Deals als Bauernopfer auserkoren worden.

Optimale Anpassung

Nach dem Sieg der Allianz für Deutschland (CDU, Deutsche Soziale Union und Demokratischer Aufbruch) bei den Volkskammerwahlen am 18. März zeichnete sich schnell ab, dass ein eigenständiges, bundesweit zu empfangendes ostdeutsches Fernseh- und Rundfunkprogramm nicht im Interesse der westdeutschen Medienanstalten lag. Wie auf anderen politischen Feldern auch prägten ab April Bonner Beamte die Überlegungen zur Neugestaltung des Rundfunks jenseits der Elbe. Der Leiter des Medienreferats im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, der Kommunikationswissenschaftler Walter J. Schütz, formulierte im Mai 1990 ein »Rundfunkpapier«, das zur Grundlage der nächsten politischen Schritte der von Lothar de Maizière (CDU) angeführten Koalitionsregierung wurde. Schütz forderte »eine optimale Anpassung« an die Rundfunkstruktur der BRD. Das bedeutete: Föderalisierung und Schaffung von Landesrundfunkanstalten unter dem Dach der ARD, denen auch die Rundfunkgebühren zukommen sollten, Zusammenführung von Rundfunk und Fernsehen (der Deutsche Fernsehfunk war 1968 institutionell vom Staatlichen Rundfunkkomitee getrennt worden) sowie Privatisierung bestehender Sender – und in der Konsequenz »Personalabbau« bei den mehr als 14.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Hörfunk und Fernsehen. So stand es schließlich im kurz vor dem Ende der DDR von der Volkskammer verabschiedeten Rundfunküberleitungsgesetz sowie im Artikel 36 des Einigungsvertrags, der den bestehenden Sendern eine Galgenfrist bis zum 31. Dezember 1991 gewährte. Spätestens dann sollten diese den Landesrundfunkanstalten zugeordnet oder privatisiert worden sein; ansonsten drohte die Auflösung.

Für DT64 sowie die übrigen DDR-weiten Sender DDR I, DDR II und Stimme der DDR (seit Februar 1990 Deutschlandsender) bedeutete das eine ungewisse Zukunft. Die Leitung des 1964 anlässlich des »Deutschlandtreffens der Jugend« entstandenen Programms, das 1986 zu einem eigenständigen Sender ausgebaut worden war, der sich aufgrund seines umfassenden Rockprogramms sowie seiner kritischen Berichterstattung großer Beliebtheit erfreute, suchte daher schon seit dem Sommer 1990 nach einer Perspektive. Die glaubte man zunächst in Verhandlungen mit dem niedersächsischen Privatsender Radio FFN (Funk & Fernsehen Nordwestdeutschland) gefunden zu haben. Da aber noch keine gesetzliche Grundlage für den privaten Rundfunk vorlag, stockten die Gespräche. Auch blieb lange Zeit unklar, ob man als Privatunternehmen überregional senden dürfe. Zugleich stieg der Druck. Die Finanzierung der rund 150 Mitarbeiter stand auf der Kippe. Und in Berlin war dem Jugendradio mit dem am 30. April 1990 gegründeten Radio 4U des Senders Freies Berlin (SFB), dem späteren Fritz, bereits direkte Konkurrenz entstanden. Weitere Jugendprogramme der künftigen ostdeutschen Landessender waren in Planung.

Hauen und Stechen

Zu diesem Zeitpunkt trat der Intendant des RIAS, Helmut Drück, an Singelnstein heran. Ebenfalls von Zukunftssorgen geplagt – der Programmauftrag des RIAS war mit dem Ende des sozialistischen Staates erfüllt und die künftige Finanzierung durch die USA fraglich –, suchte Drück nach einer Möglichkeit, die Frequenzen seines Senders auszubauen. Denn in Westberlin wollte man zunächst nur den SFB weiter finanzieren. Unterstützung erhielt Drück vom Intendanten des ZDF, Dieter Stolte, der die Umbruchsituation nutzen wollte, um mit dem RIAS und dem Deutschlandfunk, dessen Weiterexistenz als vornehmlich auf Hörerinnen und Hörer in der DDR ausgerichteter Sender ebenfalls fraglich war, ins Radiogeschäft einzusteigen. Vor diesem Hintergrund kam die geheime Vereinbarung zwischen dem DDR-Rundfunkintendanten und dem RIAS-Chef zustande: Drück sicherte die Übernahme einiger DT64-Redakteure zu, und Singelnstein lieferte im Gegenzug die Frequenzen, um RIAS 1 als überregionalen Kultursender zu etablieren.

Bereits einen Tag nach dem Coup machte der DDR-Minister für Medienpolitik, Gottfried Müller (CDU), dem ganzen Spuk ein Ende. Von den Ereignissen ebenso überrascht wie die Hörerinnen und Hörer, ordnete er die Rückschaltung der Frequenzen an. Zuvor war erwogen worden, ob DT64 nicht pro Neubundesland eine Frequenz erhalten und die übrigen zwölf beim RIAS verbleiben könnten. Das aber hätte gegen Paragraph 36 des Einigungsvertrags verstoßen.

Auf den Straßen der DDR wurde gejubelt. Die Protestierenden hatten ihr Ziel erreicht. DT64 war wieder DDR-weit zu empfangen. Aber die Freude sollte nicht lange währen. Ab dem 3. Oktober 1990 griffen die Bestimmungen des Einigungsvertrags, die der Rundfunkbeauftragte der neuen Bundesländer, der CSU-Medienfunktionär Rudolf Mühlfenzl, rigoros durchsetzte. Im Herbst 1991 erhielten die DT64-Mitarbeiter die Kündigung zum Jahresende. Noch einmal gingen Tausende auf die Straße, nun auch im Westen. Fast eine halbe Million Hörerinnen und Hörer unterschrieben für den Erhalt des Senders. DT64 fand schließlich für kurze Zeit beim Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB), dem späteren RBB, sowie dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) Unterschlupf. In Mecklenburg-Vorpommern, das künftig zum Sendegebiet des NDR gehörte, wurde das Jugendradio abgeschaltet. Kurz darauf stieg auch Brandenburg aus. Ab 1993 sendete DT64 dann unter dem neuen Namen Sputnik als Jugendwelle des MDR aus Halle. Formell bestand der Sender damit fort. Der Versuch, ein unkonventionelles Stück DDR-Kultur in die Nachwendezeit zu retten, war jedoch gescheitert.

RIAS reicht die Hand

»In einer geschichtlichen Situation, in der die beiden Teile Deutschlands zusammenwachsen, eröffnen sich auch neue Perspektiven für eine Zusammenarbeit der Rundfunkanstalten. Noch vor einem Jahr standen Radio DDR und RIAS in unterschiedlichen politischen Lagern. Nachdem im Zuge der Perestroika in der Sowjetunion die Völker Osteuropas und natürlich auch das ganze deutsche Volk zu einer Selbstbestimmung finden, können sich die Medien der DDR demokratisch erneuern. So öffnet sich auch der Rundfunk der DDR den ehemals als gegnerisch empfundenen Journalisten von RIAS Berlin, die uns ihre Hand reichen, um beim Aufbau eines demokratischen und pluralistischen Rundfunks zu helfen. RIAS, dessen Programm ab sofort auf einigen Frequenzen von Jugendradio ausgestrahlt wird, baut mit Journalisten und Redakteuren von Radio DDR Arbeitsgruppen auf, die insbesondere die spezifischen Probleme der Bevölkerung auf dem Gebiet der DDR aufarbeiten. Gleichzeitig geht Jugendradio einer neuen Perspektive entgegen.«

(Erklärung des DDR-Rundfunkintendanten Christoph Singelnstein zur Frequenzabgabe an RIAS 1, gesendet am 7. September 1990, Jugendradio DT64)

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