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Aus: Ausgabe vom 03.09.2020, Seite 6 / Ausland
Coronapandemie in Indien

Indien am Limit

Trotz weltweit höchsten Anstiegs bei Neuinfektionen mit Coronavirus weitere Lockerungen in Kraft getreten. Millionen in Existenznot
Von Thomas Berger
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Ein Gesundheitsmitarbeiter nimmt in Gauhati einer Anwohnerin einen Abstrich für einen Coronatest (29.8.2020)

Ein trauriger Rekord: Nirgendwo auf der Welt entfaltet sich momentan eine bedrohlichere Dynamik des Infektionsgeschehens mit dem Coronavirus als in Indien. Zwar steht das Land mit rund rund 3,77 Millionen nachgewiesenen Fällen – von weltweit 25 Millionen – in den Statistiken nach absoluten Zahlen noch hinter den USA und Brasilien. Mittlerweile verzeichnet der Subkontinent jedoch die weltweit meisten Neuinfektionen am Tag, allein am Mittwoch wurden mehr als 80.000 neue Coronafälle registriert. Obwohl die Testkapazitäten mittlerweile auf über eine Million pro Tag ausgeweitet wurden, kommen die Behörden und Krankenhäuser bei der Registrierung der Fälle und der Nachverfolgung der Infektionswege kaum noch hinterher.

Vom 24. März bis zum 30. Mai hatte ein Lockdown das öffentliche Leben in Indien beinahe komplett zum Stillstand gebracht. Während so die Verbreitung des Virus eingedämmt werden konnte, scheint sie nun – nach der schrittweisen Aufhebung der Einschränkungen – vollends außer Kontrolle zu geraten. Selbst zehn der nur noch 59 Angehörigen des Great Andaman Tribe, einer indigenen Gemeinschaft auf den Andamanen-Inseln, haben sich laut Medienberichten der vergangenen Woche mittlerweile mit SARS-Cov-2 infiziert, insbesondere jüngere Männer, die sich als Arbeitsmigranten in der Lokalhauptstadt des Archipels angesteckt hatten.

Am 1. September trat Indien in die sogenannte Stufe vier der Lockerungen ein. Nachdem laut Zahlen des Statistikbüros vom Montag von April bis Juni das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 23,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum geschrumpft war, wird nun in immer mehr Wirtschaftsbereichen wieder gearbeitet. Auch U-Bahnen, Regionalbusse und Züge sollen planmäßig funktionieren. Mediziner befürchten, dass sich das Virus in den kommenden Wochen insbesondere in den vollen Züge ausbreiten könnte. Unterdessen haben fünf Unionsstaaten angekündigt, weiter auf verschärfte Beschränkungen des öffentlichen Lebens zu setzen, darunter die bevölkerungsreichsten Maharashtra und Uttar Pradesh. In Tamil Nadu bleiben die Schulen bis Ende des Monats geschlossen, in Westbengalen bis zum 20. September.

Derweil wird die Verteilung der Kosten für die Testung und Behandlung von Coronafällen immer mehr zu einem Streitpunkt zwischen Bundesstaaten und Zentralregierung. Am Mittwoch kritisierte die Chefministerin von Westbengalen, Mamata Banerjee, die Rechtsregierung in Neu-Delhi blockiere Gelder aus dem im März eingerichteten Coronanothilfefonds »PM Cares«. »Wir versuchen unser Bestes, aber es ist sehr schwierig geworden, den Angestellten die Gehälter zu zahlen. Es stehen keine Mittel zur Verfügung«, so Banerjee bei einer Videokonferenz mit mehreren Oppositionspolitikern.

Bereits in der ersten Aprilhälfte, als der umfassende Lockdown kaum zweieinhalb Wochen in Kraft war, hatten die Vereinten Nationen davor gewarnt, dass gerade im sogenannten informellen Beschäftigungssektor 400 Millionen Menschen im Land unmittelbar von Armut bedroht seien. Besonders die Wanderarbeiter, die sonst in den boomenden Großstädten tätig sind, machten sich nach dem Verlust ihrer Verdienstmöglichkeiten auf den Weg in ihre Heimatstaaten.

Eine am Dienstag veröffentlichte Studie der London School of Economics kommt zu dem Ergebnis, dass 52 Prozent der ehemals in den urbanen Zentren Beschäftigten während des Lockdowns mindestens einen Monat ohne jegliche Einnahmen auskommen mussten. Viele offiziell als extrem arm geltende Familien sind zwar minimal durch Rationierungskarten abgesichert, mit denen sie verbilligte Lebensmittel bekommen. Wie die Nachrichtenplattform The Wire am Mittwoch mit Verweis auf Zahlen aus dem Verbraucherministerium berichtete, kamen jedoch gerade die für Wanderarbeiter vorgesehenen Lebensmittelspenden in den vergangenen Monaten häufig nicht bei diesen an. So seien in manchen Bundesstaaten gerade einmal 33 Prozent der Rationen verteilt worden.

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