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Aus: Ausgabe vom 02.09.2020, Seite 15 / Antifa
Deutsche Unternehmensgeschichte

Rückgrat der Aufrüstung

Autozulieferer Continental legt Studie zur eigenen Rolle als »Musterbetrieb« der Nazidiktatur vor
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Historische Aufnahme aus dem gummitechnischen Prüflaboratorium im Continental-Werk Vahrenwald (1930er)

Der zweitgrößte Autozulieferer der Welt hat nicht erst seit der sogenannten Dieselaffäre mächtig Dreck am Stecken. Die Ursprünge von Continental reichen 150 Jahre zurück. Für die Kautschukgewinnung in Asien, Afrika und Südamerika beutete das Unternehmen Menschen und ganze Länder aus. Dass der Vorläufer des heutigen Dax-Unternehmens auch unter der Nazidiktatur kräftig profitierte, dürfte nicht überraschen. Am Donnerstag vergangener Woche präsentierte Continental in Hannover das Ergebnis der von der Firma angestoßenen Untersuchung dieses Teils der eigene Geschichte. Den Auftrag dazu hatte der Historiker Paul Erker von der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität erhalten.

Ihm zufolge dienten Continental und auch später in den Konzern gekommene Firmen wie VDO, Teves, Semperit oder »Phoenix« von 1933 bis 1945 zumindest in Teilen einem Zweck: der Zulieferung zentraler Bestandteile von Konsum- und Rüstungsgütern. Erker zeigt dies vor allem für die »strategischen Rohstoffe Kautschuk und Gummi«. Es ging um Reifen für Militärfahrzeuge oder Schuhabsätze für Armeestiefel – aber auch um Schläuche für Panzerbremssysteme oder um Teile für Flugzeuge, um Batteriekästen und um Steuergeräte des »V1«-Marschflugkörpers. Continental sei ein wichtiger Akteur in einer Branche gewesen, die »das eigentliche Rückgrat der nationalsozialistischen Rüstungs- und Kriegswirtschaft« bildete. Zur Herstellung und Erprobung etlicher Basisprodukte griff man auf Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie in den letzten Kriegsjahren auch auf Gefangene in Konzentrationslagern zurück.

Erker schildert unter anderem, wie KZ-Gefangene Schuhsohlen aus Gummiprodukten des Unternehmens testen mussten. Dabei seien sie teils »bis zu Entkräftung und Tod ausgebeutet und misshandelt worden«, hieß es. Als Beispiel nennt der Historiker die sogenannte Schuhprüfstrecke im KZ Sachsenhausen. »Die jeweiligen Leiter waren für ihre Brutalität bekannt, und es gab zahlreiche Fälle vorsätzlicher Ermordung von dort eingesetzten Häftlingen.« Über Stunden ohne Pause, Dutzende Kilometer weit, häufig ohne Strümpfe und auch bei Frost drehten sogenannte Schuhläufer ihre Runden, teils »unter Absingen deutscher Marschlieder«. Es gab Prügel von SS-Leuten. Jede Runde seien sie am Galgen des Lagers vorbeigekommen.

Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter habe Continental auch in der Herstellung von Gasmasken oder der Verlagerung der Produktion unter Tage eingesetzt. Rund 10.000 hätten unter »menschenunwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen« gelitten, erklärte das Unternehmen vergangene Woche. Das damalige Management sei »aktiv involviert« gewesen. Die Studie sei eine »von uns bewusst gewählte Chance und ein erneuter Anlass dafür, uns unserer Verantwortung zu stellen«, sagte Vorstandschef Elmar Degenhart zu den Resultaten der Untersuchung. Continental habe nun ein Programm gestartet, das die Ergebnisse der Studie in die Aus- und Fortbildung integriere. Auch werde das Firmenarchiv für die Wissenschaft geöffnet.

Die Studie hatte Continental im Jahr 2015 in Auftrag gegeben. Die Erforschung des »dunkelsten Kapitels unserer Unternehmensgeschichte« sei überfällig gewesen, meinte Degenhart. »Die damaligen Entscheidungen waren durch nichts zu rechtfertigen«, sagte er über die Ausbeutung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Es sei »gleichzeitig eine Mahnung an alle Führungskräfte in Wirtschaft und Politik, mit ihrer Verantwortung sehr sorgsam umzugehen«.

Erkers Analyse trägt den Titel »Zulieferer für Hitlers Krieg. Der Continental-Konzern in der NS-Zeit«. Die gebundene Ausgabe des 868 Seiten umfassenden Werks soll am kommenden Montag im Verlag De Gruyter Oldenbourg erscheinen und knapp 50 Euro kosten. Die digitale Ausgabe ist dort bereits seit dem 26. August verfügbar. (dpa/jW)

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