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Aus: Ausgabe vom 15.08.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Schweizer Atombombengelüste

Von Arnold Schölzel
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Unter der Überschrift »Ohne Sicherheit kein Wohlstand« zieht der »Chefredaktor« der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) Eric Gujer am 8. August die Konsequenz aus der am meisten reaktionären Ideologie des imperialistisch gewordenen Bürgertums: Die rechtliche Regulierung internationaler Konflikte mit Hilfe des Völkerrechts ist danach passé, gültig sind allein die Gesetze des Dschungels, das Faustrecht. Der Mann aus einem der übelsten Schurkenstaaten der Welt – die Existenz der Schweiz und ihr Wohlstand hängen nach wie vor zum großen Teil von den Milliardensummen ab, die Ganoven und Politgangster zwischen Basel und Genf bunkern – plädiert folgerichtig für die Anschaffung von Atomwaffen, insbesondere in der Bundesrepublik. Als Zeitpunkt wählt er dafür die 75. Jahrestage der Abwürfe von US-Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Deutlicher geht’s nicht.

Offenbar reichen Inspiration und Mitfinanzierung der AfD aus eidgenössischen Quellen nicht mehr, um politisch in der Bundesrepublik einen Fuß in die Tür zu bekommen, in der NZZ wird weiter gedacht als bis zum nächsten Flüchtlingsheim. Der Mythos von der Islamisierung Schrumpf-»Europas«, der unten auf Resonanz stößt, entspricht allerdings dem vornehmeren, den Gujer für oben fabriziert: Beide beruhen auf der Behauptung, »Europa« zerfalle innerlich, werde wieder »national«, und sei fast schutzlos ausländischen Eindringlingen oder Bedrohern ausgeliefert. Bei den einen sind’s Migranten, die vergewaltigend und messerschwingend längst da seien, bei Gujer und Co. ist es »der Russe«. Die Unterüberschrift zu Gujers Text skizziert: »In Europa entsteht ein gefährliches militärisches Vakuum, aber die Bedrohung wird verdrängt. Die einstige Schutzmacht Amerika zieht sich zurück, und die Europäer sind nicht in der Lage, die Lücke zu schließen.«

Gujer stützt sein gesamtes Plädoyer so auf das Ignorieren von Tatsachen. Das ist bei Texten programmatischer Art auch gleichgültig. In ihnen geht es nur um eine Botschaft. Gujers lautet: »Wohlstand gibt es auf Dauer nicht ohne militärische Absicherung, auch wenn diese in langen Friedenszeiten kaum mehr greifbar erscheint.«

Selbstverständlich weiß der Chefredaktor, dass in seinem »Europa« kein militärisches Vakuum entsteht, dass sich die USA nicht zurückziehen, dass sie gemeinsam mit den NATO-Verbündeten ein Rekordrüstungsbudget nach dem andern auflegen, dass gegen Russland neue militärische Infrastruktur geschaffen wird, dass USA und NATO rund um Russland – vom Pazifik bis Nordnorwegen – einen Ring militärischer Basen und Krisenherde gelegt und – nicht zuletzt – fast alle Verträge über atomare Abrüstung und Rüstungskontrolle systematisch zerstört haben. Da hilft nur lügen, wie es die NATO nicht hinbekommt: »Erst brechen die Russen einen Vertrag, dann kündigen die Amerikaner den Vertrag. Neue Abkommen kommen nicht zustande, weil sich China der Rüstungskontrolle mit fadenscheinigen Argumenten verweigert. Das wiederum dient den USA als Vorwand für Untätigkeit.« Schlussfolgerung: »Da das komplexe System der Verträge rasch erodiert, ist eine glaubwürdige atomare Abschreckung heute so wichtig wie lange nicht mehr.« Berlin könne den »Erpressungsmanövern Russlands« sonst nichts entgegensetzen. Es müsse seine »pazifistische Kehrtwende nach 1945« überwinden. Selbst Spiegel-Gründer Rudolf Augstein wusste 1961, dass die Bundeswehr nicht gegründet wurde, weil der Staat sie brauchte, sondern umgekehrt: Der Staat wurde gegründet, weil man eine Armee gegen die Sowjets brauchte. Nach deren Verschwinden hat sich die Konstellation nicht geändert, bis auf: Die NATO will den Krieg gegen Russland mit einem neuen Atomwaffentyp wieder »führbar« machen. Gujer ist dessen Prophet.

Der Mann aus einem der übelsten Schurkenstaaten der Welt – die Existenz der Schweiz und ihr Wohlstand hängen nach wie vor zum großen Teil von den Milliardensummen ab, die Ganoven und Politgangster zwischen Basel und Genf bunkern – plädiert folgerichtig für die Anschaffung von Atomwaffen, insbesondere in der Bundesrepublik

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