Gegründet 1947 Dienstag, 29. September 2020, Nr. 228
Die junge Welt wird von 2356 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 08.08.2020, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Verrückt. Oder einfach nur literarisch

Wie J. D. Salinger zunehmend daran scheiterte, Poesie und das Leben zu vereinen. Ausrufezeichen und Randbemerkungen zu »Der Fänger im Roggen«
Von Frank Schäfer
6-7.jpg
Auf diesen Seiten meinte die Nachkriegsjugend endlich jemand gefunden zu haben, der sie verstand

Das erste Buch, das ich von Salinger in den Händen hielt, war natürlich »Der Fänger im Roggen«. Der alte Nolte, Chef der gleichnamigen Buchhandlung in der nahen Kreisstadt, wo ich zur Schule ging, ein großer, düster dreinblickender Mann ohne Haare, verkaufte es mir. Und balbierte mich über den Löffel.

Mein Freund Jo hatte mir den Roman empfohlen und die Rowohlt-Ausgabe gezeigt. 5,80 DM immerhin, mehr als eine Woche Taschengeld. Als ich die alte Grimmglatze nach dem Buch fragte, führte er mich zum Kiwi-Paperback für 9,80 DM. Zwei Wochen Taschengeld! Ich wollte ein Buch lesen und nicht Herrn Nolte die Platte vergolden, fragte also nach der Rororo-Volksausgabe. Er schüttelte stur den Kopf.

»Ham wa nich, kriegen wir auch nicht rein.«

Nun sollte ich vielleicht erwähnen, dass er tatsächlich noch eine Rechnung mit mir offen hatte. In den Freistunden besuchten wir oft seinen Laden und blätterten in der Presseabteilung die einschlägigen Schülerzeitschriften Penthouse, Playboy und Lui durch. Der alte Nolte sah sich das eine Weile an, vielleicht weil er die Fickelhefte als Einstiegshilfe zur richtigen Literatur begriff, was ja auch ganz richtig war, aber irgendwann wurde es ihm zu bunt.

»Kuckt mal lieber in eure ­Schulbücher!« grantelte er und riss uns die Hefte aus der Hand. Der Spruch war eher oll, und wir wollten gerade loslachen, da wedelte er so komisch in der Luft herum, das internationale Zeichen für »macht euch vom Acker«. Dieser Mann, der ohnehin schon keine große Lebensfreude versprühte, war kurz davor zu platzen. Wir waren klug genug, den geordneten Rückzug anzutreten.

Nur ein paar Wochen später kam ich dann mit meinen Rororo-Extrawürsten, kein Wunder, dass er eine neuerliche Provokation witterte. Immerhin überraschte ich ihn damit, dass ich ohne weitere Zicken und nonchalant wie Graf Koks zur überteuerten Kiwi-Ausgabe griff und zur Kasse schlenderte. Es war so eine Art Separatfriede zwischen dem alten Eierkopf und mir, wacklig zwar, aber vielleicht gerade deshalb um so haltbarer. Ich ließ nichts mehr anbrennen bei der Presseabteilung, und er verkaufte mir dafür regelmäßig überteuerte Premiumausgaben.

Das Geld war gut angelegt, vor allem für den Kiwi-Fänger. Das Buch hat ein paar Umzüge überstanden und diverse Lektüren – unter anderem diese letzte hier. Immer sind noch ein paar Ausrufezeichen und Randbemerkungen dazugekommen.

Holden Caulfield, der hochsensible, von der Welt und den Menschen enttäuschte, vereinsamte, gerade mal 17jährige Ich-Erzähler, weilt im Sanatorium und erzählt von den Vorgängen im letzten Jahr, bis zu seinem Nervenzusammenbruch. Als er seiner kleinen Schwester Phoebe beichtet, dass er nun schon zum vierten Mal wegen mangelnder Leistungsbereitschaft von einer Schule relegiert werde, und sie ihn deshalb zur Rede stellt, kommt er zu sich selbst – und der Roman zu seinem Titel. Phoebe beklagt sich, er könne »überhaupt nichts ausstehn« und fliege nur deshalb ständig von der Schule, woraufhin Holden dem Mädchen erklären muss, was er mag und dann auch gleich, was er gern sein will. Er möchte eine literarische Gestalt sein, und das wird er dann ja auch mit der Niederschrift dieses Sanatoriumsberichts. Zunächst aber möchte er in Robert Burns’ Gedicht »Comin’ Thro’ the Rye« sein, oder zumindest in einer leicht variierten Phantasie, die Burns’ Gedicht zur Imaginationsgrundlage nimmt. Er stellt sich »immer kleine Kinder vor, die in einem Roggenfeld ein Spiel machen. Tausende von kleinen Kindern, und keiner wäre in der Nähe – kein Erwachsener, meine ich – außer mir. Und ich würde am Rande einer verrückten Klippe stehen. Ich müsste alle festhalten, die über die Klippe hinauslaufen wollen – ich meine, wenn sie nicht achtgeben, wohin sie rennen, müsste ich vorspringen und sie fangen. Das wäre alles, was ich den ganzen Tag lang tun würde. Ich wäre einfach der Fänger im Roggen. Ich weiß schon, dass das verrückt ist, aber das ist das einzige, was ich wirklich gern wäre.«

Verrückt, oder eben einfach nur literarisch. Denn abgesehen von den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens geht es hier eben auch um den Antagonismus von Kunst und Leben. Immer wieder fällt Holden das Unnatürliche, Unechte in der Kunst auf – etwa wenn er sich an frühere Lektüren erinnert, in der Kneipe einem Klavierspieler zuhört, ins Kino oder ins Theater geht: »Sie spielten gut, aber eben zu gut. Wenn ein Ehepartner seine Rede gehalten hatte, antwortete der andere blitzschnell etwas. Das sollte den Eindruck von Leuten erwecken, die wirklich zusammen sprechen, sich ins Wort fallen und so weiter. Aber der Fehler war eben, dass es zu beabsichtigt wirkte. Ihre Art erinnerte mich ein bisschen an die Art, wie Ernie draußen im Village Piano spielte. Wenn man etwas zu vollkommen macht, muss man sehr achtgeben, dass keine Aufschneiderei daraus wird. Denn dann ist es schon nicht mehr so vollkommen.«

Auf der anderen Seite leidet er an der Prosa der Erwachsenenwelt, an ihrem ganz und gar unpoetischen Wesen. »Im mündlichen Ausdruck muss jeder in der Klasse aufstehn und einen Vortrag halten«, erzählt er seinem ehemaligen Lehrer Antolini. »Aus dem Stehgreif, wissen Sie. Und wenn er vom Thema abweicht, so soll man so schnell man nur kann ›Abschweifung‹ brüllen. Das hat mich halb verrückt gemacht. Ich bekam eine schlechte Note – eine Sechs.«

Wenn sich dieses Erwachsenenleben schon mal eine Aura von ästhetischer Stilisierung geben will, kommt eben doch nur hohle Affektiertheit dabei heraus und nicht Poesie: »Famos. Dieses Wort ist mir wirklich verhasst. Dieser Schwindel. Wenn ich das höre, muss ich jedesmal kotzen.«

Caulfield will Kunst und Leben zusammenzwingen, und das hat Auswirkungen für beide Seiten: Für die Kunst postuliert er das Natürliche, Lebensnahe – und für das Leben Poesie. Ohne Poesie ist das Existieren jämmerlich. Heillos. Da darf man schon mal zusammenbrechen. Um wieder auf die Beine zu kommen, muss Holden zum Künstler werden, denn nur dem gelingt es, Poesie und Leben zu vereinen.

So erzählt er ein Jahr später – möglichst unmittelbar und lebensecht natürlich, in der vergröbernden und vergrößernden Sprache der Adoleszenz, was man Salinger denn auch als eine besondere Mimese-Leistung anrechnen darf – von den drei Tagen allein in New York, die ihn umhauen: von der Flucht aus seiner Schule kurz vor den Weihnachtsferien, von Kneipen-, Kino- und Theaterbesuchen, von der Prostituierten, die er sich aufs Zimmer bestellt und dann unverrichteter Dinge wieder wegschickt, vom Treffen mit seiner langweiligen Flamme Sally Hayes, die er schließlich beleidigt und stehenlässt, und nicht zu vergessen von seiner kleinen Schwester Phoebe, die er klammheimlich des nachts zu Hause besucht – na, und noch von diesem und jenem.

Und siehe da, in der literarischen Transformation gibt es sie doch, diese flüchtigen, funkelnden Momente, die sich auf ewig eingraben in seine Erinnerung, die Momente einer poetischen Realität, die er anders als der vermeintliche Rest der Welt als das Eigentliche erkennt, für das es sich zu leben lohnt. Zum Beispiel diese Sache mit seiner eher platonischen, aber nun auch wieder nicht bloß platonischen Freundin Jane Gallagher. Sie gehen zusammen ins Kino, und hier passiert etwas, »das mich sprachlos machte. Es war während der Wochenschau, glaube ich, und plötzlich fühlte ich Janes Hand im Nacken. Komischer Einfall. Sie war ja noch ganz jung, und meistens legen nur ­Fünfundzwanzigjährige oder Dreißigjährige ihrem Mann oder ihrem Kind die Hand in den Nacken – ich tue es zum Beispiel manchmal bei meiner kleinen Schwester Phoebe. Aber wenn ein Mädchen noch so jung ist und diese Bewegung macht, ist das so nett, dass es einen umwerfen kann.«

Ich glaubte zu ahnen, was er meint, als ich diesen Roman mit 15 erstmals las, komplett identifikatorisch natürlich, mit dieser nie wieder so vorbehaltlosen Bereitwilligkeit, sich überall in der Welt und also auch in der Literatur wiederzufinden.

Was war denn das höchste der Gefühle damals? Dass ein Mädchen sich so für mich interessierte, um mich berühren zu wollen. An so was wie Sex war noch nicht zu denken, gut, zu denken schon, ehrlich gesagt, dachte ich über nicht vieles so intensiv nach wie über Sex, aber darum ging es nicht bei einem echten Mädchen. Es ging um so eine Art Erwähltheit. Ein Mädchen sah irgend etwas in einem und fand auf einmal nichts mehr dabei, einen anzufassen. Ich erinnere mich an dieses sensorische Nachglühen, das ein solches Ereignis bei mir hinterließ. Zum Beispiel als Carmen, die Klassenschönheit, mit der alle gehen wollten, aus irgendeinem Grund nach ein paar Runden Autoscooter auf dem Weg zum Zeltrand, wo alle standen und nun große Augen machten, meine Hand nahm. Oder als Claudia in der Tanzschule einfach so ihren Kopf an meine Schulter legte. Das ist so nett, dass es einen umwerfen kann, meint Holden. Er hat verdammt recht damit.

Es gibt noch so eine Gänsehautpassage in dem Buch, wieder geht es um Jane: »Es regnete wie aus Kübeln, und wir saßen dort beim Damespiel, und plötzlich kam dieser blöde Säufer heraus, mit dem ihre Mutter verheiratet war, und fragte Jane, ob noch irgendwo Zigaretten im Haus wären. Ich kannte ihn nicht näher, aber er schien mir so ein Mensch zu sein, der nur mit einem redet, wenn er etwas haben will. Ich fand ihn widerlich. Jane gab keine Antwort auf seine Frage nach den Zigaretten. Er wiederholte die Frage, aber sie gab immer noch keine Antwort. Sie schaute überhaupt nicht auf. Schließlich ging er wieder ins Haus. Als er verschwunden war, fragte ich Jane, was das zu bedeuten habe. Sie wollte nicht einmal mir antworten. Sie tat so, als ob sie sich auf ihren nächsten Zug konzentrieren müsste. Dann fiel plötzlich eine Träne auf das Schachbrett. Auf eines der schwarzen Felder – ich sehe es noch vor mir. Jane verrieb sie nur mit dem Finger auf dem Brett. Das ging mir wahnsinnig nah, ich weiß nicht, warum. Deshalb stand ich von meinem Stuhl auf und schob sie auf ihrem Bänkchen auf die Seite, um mich neben sie zu setzen – ich setzte mich ihr tatsächlich fast auf den Schoß. Dann fing sie richtig an zu weinen, und als nächstes weiß ich nur, dass ich sie überall küsste – einfach überall –, auf die Augen, die Nase, die Stirn, die Augenbrauen, die Ohren und so weiter – auf das ganze Gesicht, nur nicht auf den Mund. Sie wollte mich nicht zu ihren Lippen lassen.« Das, wie so vieles andere in diesem Buch, wird mir wohl ein ewiges Rätsel bleiben. Warum lässt sie Holden nicht zu ihren Lippen? Warum?

Als »Der Fänger im Roggen« im Sommer 1951 erschien, glaubte die Nachkriegsjugend, endlich jemand gefunden zu haben, der sie verstand. Besser verstand als die eigenen Eltern. J. D. Salinger war Holden Caulfield, da gab es gar keinen Zweifel. Zu wahrhaftig klang das, was der Autor seinen empfindsamen, juvenilen Helden von den letzten drei Tagen vor seinem Nervenzusammenbruch erzählen lässt. Und zu verlockend schien diese poetische Rebellion gegen die Profanität des Erwachsenseins. Salinger wurde in der Folge schier erdrückt von den Herzensergüssen, Bittgesuchen und Gunstbeweisen seines Publikums und zog sich zurück in seine Mönchsklause, ein Haus in Cornish, New Hampshire, um sich ganz der hehren Kunst und spirituellen Sinnsuche – und dem ökologischen Anbau von Nutzpflanzen – zu widmen. Auf Kosten des sozialen, ja irgendwann sogar des Familienlebens.

Salingers Außenseitertum war viel zu selbstbezogen und elitär, um allgemeine Handlungsanweisungen daraus ableiten zu können. Sie war schlicht Notwehr gegen die Zumutungen einer Welt, die er bis dahin nur mit viel Glück überlebt hatte. Er gehörte im Juni 1944 am D-Day zu jenen ersten Landungseinheiten in der Normandie, die unzählige Tote zu beklagen hatten, kämpfte im Hürtgenwald, an der sogenannten Siegfried-Linie, wo die Alliierten eine ihrer schlimmsten Niederlagen des Zweiten Weltkriegs einstecken mussten, und nahm schließlich auch an der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau teil. Salinger hatte so ziemlich alles gesehen, was Menschen anderen Menschen antun können. Und so wurde für den verwöhnten Jungen aus gutem Haus, der sich anfangs eher aus Langeweile und Eitelkeit als Literat versuchte, Schreiben zu einer Art Selbsttherapie. »Ein ganzes Leben reicht nicht aus, um den Geruch von verbranntem Fleisch aus der Nase zu kriegen«, zitiert ihn seine Tochter.

Schon vor dem Rückzug in die Eremitage hatte er den Zen-Buddhismus für sich entdeckt, und der passte gut zu seinem psychohygienischen Schreibprogramm. Seine Literatur wurde immer offensichtlicher Meditation. Er sah sich schließlich als »Gottes Autor«. In einem Brief an seinen Freund, den Richter Learned Hand, formuliert er 1958 sein Glaubensbekenntnis: »Verharre friedlich in der Einheit mit Gott und folge blind dem klaren, geraden Weg deiner Pflichten. Wenn Gott mehr von dir will, dann wird er es dich durch seine Inspiration wissen lassen.«

Exponiertes Rebellentum war ihm suspekt. Die Beat Generation, die ebenfalls eine Spiritualisierung des Lebens anstrebte, aber anders als er in die Offensive ging, auf physische Verausgabung setzte und ihre gesteigerte Daseinslust noch dazu mit programmatischem Geschrei anpries, ­schmähte er als »Zen-Töter« und »Hochadel der Schwerhörigkeit«, die »an ihren ganz und gar einsichtslosen Nasen entlang auf diesen herrlichen Planeten blicken«.

Als sich ein in östlicher Philosophie bewanderter Student bei ihm in einem Brief beklagte über den schnöden Materialismus seiner Zeit, ganz im Sinne der Salinger’schen Helden Holden Caulfield, Franny, Zooey und Seymour Glass, lässt er ihn grandios am langen Arm verhungern. »Für mich«, schreibt Salinger, »sind Sie vor allem ein junger Mann, der ein neues Schreibmaschinenband braucht. Stellen Sie sich dieser Tatsache, verleihen Sie ihr nicht mehr Bedeutung, als ihr zukommt, und dann widmen Sie sich wieder Ihrem täglichen Leben.«

Wenn man nur noch der göttlichen Inspiration verpflichtet ist, spielt das Publikum ohnehin irgendwann keine Rolle mehr. Der Salinger-Verehrer John Updike hat schon in seiner Rezension von »Franny und ­Zooey«, dem vorletzten Buch vor seinem Verstummen, seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck gebracht. »›Zooey‹ ist einfach zu lang; es kommen zu viele Zigaretten vor, es wird zuviel geflucht und zuviel wortreiches Getue um nicht genug Inhalt gemacht.«

So ganz unrecht hat er nicht. Die Protagonisten paffen um die Wette, mindestens zwei Schachteln auf den 233 Seiten der deutschen Ausgabe. Darüber hinaus geht es einmal mehr um das Leiden der Heranwachsenden am Spiritualitätsdefizit in der säkularen, komplett durchrationalisierten Welt. Allerdings ist der Plot fast ganz aufgelöst im Dialog, in einer furiosen, sarkastisch-maliziösen Konversation. Aber hier gelingt es Salinger noch, das Gerede halbwegs unter Spannung zu halten, indem er es unterbricht und strukturiert durch die akribische Beschreibung von Gesten und Alltagshandlungen, durch epiphanische Kleinstbeobachtungen.

Die Hilfe von William Shawn, seinem Mentor beim Magazin New Yorker, darf man nicht unterschätzen. Ein halbes Jahr feilt er mit ihm an dieser Erzählung, bevor sie dann in der Zeitschrift gedruckt wird. Hier ist Salinger auch noch witzig. Die Badezimmerunterhaltung Zooeys mit seiner leicht durchgeknallten Mutter Bessie zum Beispiel, die glaubt, Frannys Leiden an der Welt sei am ehesten mit einem Teller schön heißer Hühnersuppe beizukommen, ist ein Musterbeispiel komischer Dialogkunst. Und auch sonst hat er Spaß an einer liebevollen Satirisierung vor allem von Mrs. Glass. »Sie blieb ungefähr fünf Minuten weg. Als sie wiederkam, hatte sie jenen besonderen Ausdruck auf dem Gesicht, der, wie ihre älteste Tochter Boo Boo ihn einst beschrieben hatte, nur zweierlei bedeuten konnte, dass sie gerade mit einem ihrer Söhne telefoniert oder dass sie gerade aus bester Quelle die Nachricht erhalten hatte, es sei vorgesehen, der Stuhlgang jedes einzelnen Menschen auf der Welt solle für den Zeitraum einer vollen Woche mit absoluter hygienischer Regelmäßigkeit erfolgen.«

In den letzten drei zu Lebzeiten erscheinenden Erzählungen langweilt er zusehends. Und seine Figuren werden immer mehr zu Sprachrohren seiner hinduistischen Vedanta-Lehre, der er jetzt anhängt. Vor allem Seymour, der genialisch guruhafte Spross der Familie Glass, der mit sechs Jahren bereits alles über Gott gelesen hat, was die Bibliotheken hergeben. Mittlerweile ist Salinger jedoch ein Bestsellerautor, und so werden »Hebt an die Dachbalken, Zimmerleute« und »Seymour, eine Einführung« anstandslos im New Yorker gedruckt, der in den Jahren zuvor durchaus einiges abgelehnt hatte, und erscheinen dann auch noch gesammelt als Buch.

»Hapworth 16, 1924«, 1965 ebenfalls in seinem Hausmagazin veröffentlicht, ist dann seine letzte Publikation vor dem endgültigen Schweigen. Eine »völlig unlesbare Geschichte«, schreibt der Philologe John Wenke, »in der ein unfassbar altkluger siebenjähriger Junge eine 30.000 Wörter lange Liste seiner Lektüre darbietet«.

Salinger schien Publikum und Kritiker in voller Absicht düpieren zu wollen. Mit zunehmender Erhebung war ihm das Publizieren ohnehin immer peinlicher geworden. Der Markt verunreinigte für ihn die spirituelle Dimension des Kunstwerks, deshalb hatte er sich größte Kontrolle über Titel, Satz und Ausstattung zusichern lassen. Trotzdem haderte er ständig mit seinen Verlagen, die seine Bücher nun mal verkaufen wollten. Man konnte es ihm nicht recht machen. Als die Marke Salinger ein Selbstläufer war – ironischerweise nährte sein schrittweiser Rückzug aus der Öffentlichkeit das Interesse an Person und Werk –, verstummte er endgültig. Ein Autor Gottes muss zwar schreiben, aber nicht mehr veröffentlichen.

Diverse Zeitgenossen bestätigen, dass Salinger in den 45 Jahren nach seinem Rückzug kontinuierlich weiter geschrieben und eine erkleckliche Anzahl an Manuskripten fertiggestellt hat, die er offenbar in einem ominösen Tresor verwahrte. Von 15 druckfertigen Romanen wurde gelegentlich fabuliert. Aber so viele sind es vielleicht doch nicht.

David Shields und Shane Salerno machen in ihrer biographischen Collage »Salinger. Ein Leben« relativ konkrete Angaben über immerhin fünf Werke: eine um fünf neue Geschichten erweiterte Kompilation aller Erzählungen zur Familie Glass; ein Handbuch zur hinduistischen Vedanta-Lehre; einen Roman über die Liebesaffäre eines GIs und einer Deutschen unmittelbar nach dem Krieg (fußend auf der kurzen Ehe Salingers mit der deutschen Ärztin Sylvia Welter); ein (semi-)fiktives Tagebuch über die Greuel des Zweiten Weltkriegs aus der Perspektive eines Agenten der US-amerikanischen Spionageabwehr; und schließlich eine erweiterte Familienchronik der Caulfields, die alles Alte, also vor allem den »Fänger im Roggen«, aber auch einiges Neue enthalten soll.

Ich glaube das alles erst, wenn ich eins der Bücher in den Händen halte.

Jerome David Salinger wurde am 1. Januar 1919 als Sohn eines wohlhabenden Käse- und Fleischimporteurs in Manhattan, New York geboren und jüdisch erzogen. Mit 22 Jahren veröffentlichte er im New Yorker seine erste Kurzgeschichte. Nach seinem Einsatz als Soldat im Zweiten Weltkrieg, wo er an der Befreiung des KZ Dachau beteiligt war und in der Schlacht im Hürtgenwald kämpfte, nahm er seine Schriftstellertätigkeit wieder auf. 1951 veröffentlichte er den Roman »The ­Catcher in the Rye« (Der Fänger im Roggen), der ihn berühmt machte. Danach isolierte er sich zunehmend und veröffentlichte nur noch kürzere Werke. Am 27. Januar 2010 verstarb er in Cornish, New Hampshire, wo er sich ab 1953 von Ruhm und öffentlichem Interesse abgeschirmt hatte.

Frank Schäfer lebt und arbeitet als Schriftsteller, Musik- und Literaturkritiker in Braunschweig. Vor kurzem veröffentlichte er das Buch »Notes on a Dirty Old Man. Charles Bukowski von A bis Z« (Zweitausendeins).

An dieser Stelle schrieb er zuletzt in der Ausgabe vom 25./26. Januar »Am Ton sollt ihr sie erkennen. Wie aus Rock Kunst wurde: Zur Genese des Gitarrenhelden«

Mehr aus: Wochenendbeilage