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Aus: Ausgabe vom 05.08.2020, Seite 10 / Feuilleton
Musik

Kraut anbauen, Schönheit verbreiten

Kosmische Musik: Mehrere Veröffentlichungen lassen den Krautrock wieder aufblühen
Von Thomas Behlert
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Elektropionier und Krautrocker Hans-Joachim Roedelius 2015 live im HKW Berlin

Vor über 30 Jahren fügten deutsche Musiker der Musikgeschichte ein eigenes Kapitel hinzu. Sich vom klebrigen R ’n’ B abzuwenden und den neuen elektronischen Instrumenten hinzugeben, war dabei ein kleiner, aber entscheidender Schritt. Man orientierte sich am experimentellen Komponisten Karlheinz Stockhausen, verbannte oft Schlagzeug oder einfache Gitarren, spielte lieber auf Kindertröten und selbstgebauten Tasteninstrumenten und ließ Töpfe über Treppen rollen. Es gab Musikgruppen, die nicht nur still auf der Bühne standen und Tasten drückten, sondern ihre aufregende Musik mit Lichtelementen, Schauspielerei und Pantomime verbanden und alles verdammt hart klingen ließen. Es entstanden Klänge, die New Wave vorwegnahmen, als Blaupause für Techno gelten, in den Heavy Metal hinein wirkten aber auch eine ganz eigene Welt schufen.

Wunderbarer Wirrwarr

Diese Musik, die das heutige elektronische Gezirpel überhaupt erst möglich machte, erlebt ein Revival: Der Krautrock, den die Protagonisten selbst gerne als »kosmische Musik« bezeichnen. Es war eine herrliche Zeit, mit Bands, deren Namen man sich ehrfurchtsvoll während der Vorlesungen zuflüsterte, die den harmlos flachen Scheiß von Emerson, Lake and Palmer, die spirituellen Airbrushmalereien von Yes und das Mantrageklingele von Pink Floyds »Dark Side of the Moon« aus den Gehörgängen verbannten. Da waren sie, die Genialen der Krautrockszene: Can (mit Irmin Schmidt), Cluster, Tangerine Dream (Edgar Froese), Amon Düül, Klaus Schulze, Neu!, später dann Faust und natürlich Kraftwerk.

Mit dabei und mit Bands wie Cluster und Harmonia wegweisend: der Elektropionier Hans-Joachim Roedelius. Von ihm hat Bureau B. nun eine 3-LP-Box mit Material aus seiner experimentellen Zeit herausgegeben, harmonische Skizzen und nicht ­verwendete Stücke von 1973 bis 1978. Außerdem überredete das Label Roedelius, mit den Instrumenten der Krautrockzeit eine neue Folge seiner Reihe Selbstporträt aufzunehmen.

Des weiteren kommt das aufopferungsvolle und mit wundervollen Zusammenstellungen immer wieder auf sich aufmerksam machende Label Bear Family Records ins Spiel. Die netten Menschen aus Holste steigen in ihre Archive und holen für die Nachwelt fast Vergessenes, aber zum Vergessen viel zu Wertvolles ans Tageslicht. Nachdem sie damit die 10er-CD-Box »Die Burg Waldeck Festivals« bestückt hatten und die wundervolle Serie »Aus grauer Städte Mauern – Die Neue Deutsche Welle« dem Publikum zur Verfügung stellten, widmen sie sich nun ganz der Krautmusik. Seit März haben sie zwei CD-Doppelalben mit 100seitigem Booklet veröffentlicht.

Im ersten Teil konzentriert man sich ganz auf den Norden der Bundesrepublik, denn auch da baute man Kraut der Sorte 1a an. An erster Stelle müssen wir Achim Reichel nennen, der nach seinen Beatmätzchen mit den Rattles und Wonderland elektronischen Wirrwarr verbreitete, den anzuhören heute noch eine Freude ist. A. R. & Machines nannte er die Band, sein Song »Schönes Babylon« ist einfach nur schön. Ebenfalls mit dabei sind Michael Rother, der Neu! gründete und auch solo dem Krautrock den Weg aufzeigte, die laut schrammelnden Atlantis, Lucifer’s Friend, Nektar und Eloy. Galaxy brachten wiederum ihren Song »Supermarket« mit keyboardlastigem, leicht bombastischem Artrock zum Einsturz. Mit dabei ist außerdem das Trio Silberbart aus Niedersachsen, das leider viel zu schnell in Vergessenheit geriet. Sie rüttelten das Land mit irrem Hard Rock, kosmischem Blues und ihrem bizarren Sänger Hajo Teschner mächtig auf.

Zur Revolution überreden

Irgendwie gehören zu den kosmischen Klängen wohl auch verschiedene Folkkapellen, die zusammen in Wohngemeinschaften oder Scheunen lebten und vollkommene musikalische Schönheit verbreiteten. Wer träumen und beseelten Klang genießen will, der ist bei Novalis und Ougenweide genau richtig. Die einen sangen »Wer Schmetterlinge lachen hört« und die anderen Texte von Walther von der Vogelweide. Man vermischte traditionelles Liedgut mit moderner Rockpoesie und schuf so faszinierende Hymnen.

Im zweiten Teil der Reihe trifft man auf Politrocker wie Floh de Cologne, die mit kräftigen Gitarren und einfachen Texten das »Fließbandbaby« zur Revolution überreden wollten. La Düsseldorf ließen es harmonisch angehen, brachten den reinen Beat in die Musik. Und Passport, einstmals mit Udo Lindenberg am Schlagzeug und dem späteren »Das Boot«-Komponisten Klaus Doldinger, verbanden schräge funkige Rhythmen und Jazz mit Rock. Bröselmaschine wiederum ließen ihren Song »Schmetterling« fliegen und das Liedermacherduo Witthüser & Westrupp vereinte deutsche Texte mit mystischem Folk, besang »Jesuspilze« und wandte sich ganz der verspinnerten Illusion zu. Schließlich taten Hoelderlin es ihnen gleich, wobei bei ihnen das Mittelalter wieder erwachte. Am Ende des Samplers zeigen Epitaph, wie Krachgitarren eingesetzt und die Schlagzeugburg errichtet werden können und trotzdem ein ganz neuer Sound entsteht.

»Kraut! – Die innovativen Jahre des Krautrock 1968–1979«, Teil 1 & Teil 2 (Bear Family Records)

Roedelius: »Tape Archive Essence 1973–1978«, (Bureau B.)

Roedelius: »Selbstporträt – Wahre Liebe« (Bureau B.)

Unverzichtbar!

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Gerd Schulz, Schleusingen: Bemerkenswert Mit Interesse habe ich den Artikel über »Krautrock« gelesen. Nicht erwähnt ist, dass eine dritte und vierte Folge unterwegs sind. Ich selbst habe die Serie bei Büchergilde gekauft und erhalte alle vie...