Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
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Aus: Ausgabe vom 31.07.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Wirecard

Mit allen Abwässern gewaschen

Die Bundesregierung verhalf Wirecard zum Markteinstieg in China
Von Jörg Kronauer
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Die Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters Wirecard in Aschheim

Es hatte wohl seinen Grund, dass das Auswärtige Amt entschied, Burkhard Ley dürfe Außenminister Heiko Maas Mitte November 2018 auf dessen Reise nach Beijing begleiten. Etwa ein Jahr zuvor, am 10. November 2017, hatte Chinas Vizefinanzminister Zhu Guangyao offiziell angekündigt, die Volksrepublik werde ihre Finanzbranche stärker für ausländische Unternehmen öffnen – schrittweise: Zunächst sollte die zulässige Anteilsgrenze bei Joint-Ventures von 49 auf 51 Prozent angehoben und nach drei Jahren dann komplett gestrichen werden. Klar: Das weckte im Westen Begehrlichkeiten, auch bei Wirecard. Ley, von 2006 bis 2017 Finanzvorstand des Unternehmens, seitdem als dessen »strategischer Berater« aktiv, war mit der Suche nach Optionen für den Einstieg in China befasst. Das Auswärtige Amt wiederum hatte seinerseits Interesse, der deutschen Branche einen größtmöglichen Anteil an dem sich nun neu öffnenden Geschäft zu sichern. Wirecard hatte einen zweifelhaften Ruf; ein Jahr zuvor hatte sogar das Manager-Magazin über unerklärliche Viertelmilliardensummen in der Firmenbilanz berichtet – doch egal: Während Maas im November 2018 in Beijing über den weiteren Abbau von Marktzugangsbeschränkungen verhandelte, bahnte Ley in der Entourage des Ministers den Wirecard-Markteintritt an.

2019 wurde das entscheidende Jahr. Ende November 2018 hatte die Allianz als erste ausländische Versicherung die Erlaubnis erhalten, in China eine vollständig in ihrem Besitz befindliche Holding zu gründen. Mitte Januar 2019 bestätigte die Volksrepublik beim zweiten »Deutsch-chinesischen Finanzdialog« in einer gemeinsamen Erklärung, sie heiße deutsche Unternehmen »auf dem chinesischen Markt für Zahlungsdienstleistungen« willkommen. Wirecard und sein Berater Ley hatten eine chinesische Firma im Visier, die sie gern übernehmen wollten: den Zahlungsabwickler Allscore Payment Services. Der freilich war nun auch keine richtige Vorzeigefirma: Er hatte viel Geld mit der Abwicklung von Zahlungen bei verbotenem Glücksspiel gemacht. Zuletzt wurde er deshalb im April 2020 zu einer Strafe in Höhe von rund 9,3 Millionen US-Dollar verurteilt – in der Branche ein Rekord. Wirecard, selbst mit allen Abwässern gewaschen, störte das nicht. Im Juni 2019 informierte Wolfgang Schmidt, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und Intimus von Minister Olaf Scholz, die zuständigen chinesischen Regierungsstellen von Wirecards Absicht, Allscore Payment Services zu übernehmen. Anfang September hakten während ihrer China-Reise Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich und ihr Wirtschaftsberater Lars-Hendrik Röller nach. Kaum zurück, setzte Röller auch den deutschen Botschafter in Beijing und den chinesischen Botschafter in Berlin auf die Sache an: Immerhin ging es um deutschen Einfluss auf dem riesigen Finanzmarkt der Volksrepublik.

Am 5. November 2019 konnte Wirecard schließlich Erfolg vermelden: An jenem Tag hatte das Unternehmen eine Einigung über die Allscore-Übernahme erzielt. Zunächst sollte es 80 Prozent in seinen Besitz überführen dürfen, nach zwei Jahren dann die übrigen 20 Prozent. Der Einstieg in China war dank tatkräftiger Unterstützung des Auswärtigen Amts, des Finanzministeriums und des Kanzleramts gelungen. Und darauf kam es, mochten Wirecard und Allscore noch so schmutzige Wäsche waschen, der Berliner Politik letzten Endes an. Ley, der den Deal zwischen den zwei dubiosen Firmen eingefädelt hatte, sitzt inzwischen in U-Haft.

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