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Aus: Ausgabe vom 29.07.2020, Seite 10 / Feuilleton
Kunst

Der Traum vom Künstlerkollektiv

Monumentalmaler und Muralista: Arno Mohr zum 110. Geburtstag
Von Andreas Wessel
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Arno Mohr: »Im Kinderwagen (1910)«, 1960, Kaltnadelarbeit, 9,4 x 13,5 cm

Vor fünf Wochen teilte das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin mit, das für die Galerie des Palastes der Republik geschaffene Gemälde »Krieg und Frieden« dauerhaft zu zeigen. Als Maler des Bildes, für das als Entstehungsjahr 1975 angegeben wird, werden René Graetz und Arno Mohr genannt. Ein Kollektivbild? Sehr ungewöhnlich, besonders, da Graetz schon im September 1974 verstorben war.

Tatsächlich ist das Bild kein Gemeinschaftswerk. Arno Mohr hatte es nach dem unerwarteten Tod seines 66jährigen Künstlerfreundes übernommen, das zehn Quadratmeter große Gemälde nach dessen Entwürfen zu vollenden – soweit wir wissen, ist jeder Pinselstrich von Mohr. Was für eine Aufgabe, für die sich in der Kunstgeschichte kaum ein Präzedenzfall finden lässt! Mohr entschied sich dagegen, den Duktus seines Freundes zu imitieren, vielmehr differenziert er die großen klaren Flächen durch feine Farbabstufungen in dichten, schraffurartigen Pinselstrichen, die dem Bild die Anmutung des Non-finito im Sinne des Vorläufigen eines Wandbildkartons verleihen. Und Wandbild ist hier das Stichwort, denn für Mohr war dies nicht nur ein Freundschaftsdienst, sondern auch der Abschluss eines wichtigen Abschnittes seines eigenen Lebens.

Arno Mohr wird am 29. Juli 1910 in Posen geboren, kommt aber mit der Familie schon 1911 nach Berlin, das er danach nur noch ungern verlässt. Nach achtjährigem Schulbesuch geht er in die Lehre als Schildermaler, durchstreift das Berlin der »Goldenen Zwanziger« mit dem Handwagen, nimmt nebenbei Zeichenunterricht. In der Weltwirtschaftskrise jobbt er als Hilfsarbeiter auf dem Bau, 1933 bekommt er ein Stipendium an der Berliner Kunsthochschule, die er jedoch nach zwei Semestern wieder verlässt – es wurde ihm dort »zu laut«. Mit 29 Jahren wird er zur Wehrmacht eingezogen und ist 36, als er aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrt: ein nicht mehr ganz junger Künstler ohne Werk. Er beginnt sofort beim Aufbau der Kunsthochschule Weißensee mitzuwirken. Da ging es nicht um die individuelle Verwirklichung, sondern um Aufbau, darum, »die Stadt neu einzurichten – nicht mal neu, sondern einrichten«.

Die folgende »Karriere« wird Mohr selbst manchmal schwindelig gemacht haben: ein Plakat für den 1. Mai 1946 macht ihn bekannt, Teilnahme an großen Ausstellungen, 1947 Berufung als Professor, 1948 erste Preise, 1949 die erste Personalausstellung und der Auftrag seines Lebens: »Metallurgie Hennigsdorf«. Zusammen mit drei weiteren Künstlern schafft er in nur drei Monaten dieses riesige Wandbild für die 2. Deutsche Kunstausstellung, welches das Zeug hat, wegweisend für einen »Neuen Realismus« in der Malerei zu sein. »Das war eine hochinteressante Arbeit, wir haben dort mitgearbeitet, mit den Stahlwerkern gelebt. Und wir waren ein Kollektiv! Das war nicht so, dass da einer der Künstler war und die anderen die Zuträger, die Gehilfen. Wir waren ein Quartett! [Hermann] Bruse und [Horst] Strempel und der René Graetz; also einer spielt das Cello, einer die Geige und so weiter; nur gemeinsam klingt das schön! Jeder gibt seins und jeder gibt sein Bestes. Künstlerkollektiv ist doch nicht, wenn viere Geld brauchen und auch noch Zeit haben.«

Mohr findet hier bei der Arbeit im Dresdner Atelier sein Ideal vom kollektiven Arbeiten, doch was wurde daraus? Kennen wir ihn nicht als den knurrigen Alten, das einzelgängerische »Berliner Original«? Und was wurde aus dem Monumentalmaler, der vier Meter hohe Figuren souverän zu meistern wusste? Was dazwischenkam, war die bis heute von marxistischen Kunstwissenschaftlern nicht aufgearbeitete »Formalismuskampagne«. Dazu Otto Nagel 1955: »Arno Mohr war zu der Zeit, als diese Diskussion einen Höhepunkt erreicht hatte, ein Künstler jung an Jahren, mitten in seiner Entwicklung begriffen. Er malte gute Bilder, die etwas ganz Neues darstellten, sowohl im Inhalt wie in der gegebenen Form, und dieser Künstler, der mitten im Werden war, wurde durch die Diskussion vollkommen zerschlagen. Das ist die Wahrheit. Ich habe das selbst miterlebt und habe gesehen, wie einem Künstler von Wert das Malen verleidet wurde.« Und Mohr selbst mit mehr als 30 Jahren Abstand: »Man darf einem Menschen nicht die Arbeitslust nehmen. Ist gar nicht begriffen worden damals, was da kaputt gemacht wurde; ist bis heute nicht begriffen.«

Die gleichzeitige Entdeckung der Möglichkeiten der Druckgrafik in der Dresdner Hochschulwerkstatt ermöglichte es Mohr, sich als Grafiker neu zu etablieren und uns unzählige ikonische Bildzeichen zu schenken. Aber die Idee des Künstlerkollektivs war nicht vergessen, und 1974 schlug er vor, die Palastgalerie durch die 16 beteiligten Maler gemeinsam in einer Art »Palastbauhütte« zu schaffen. Nun, dabei stieß er – nicht nur bei den empörten Malerfürsten – auf komplettes Unverständnis, die sozialistische Kunst wollte halt jeder schön für sich in seinem Kämmerchen machen.

Arno Mohr blieb es nur, das Werk seines Mitstreiters Graetz zu vollenden. Im Pei-Bau des DHM ist es nun auch von der Straße aus zu sehen – in einen monströsen Rahmen geklemmt. Auch dort hat man nicht verstanden, dass dieses Bild, genau wie Mohrs eigener Beitrag, eines der wenigen Palastbilder ist, welches kein aufgeblähtes Tafelbild, sondern das Werk echter Muralistas ist. Die Zeit wird kommen.

Aktuelle Ausstellungen: Ab morgen bis 27. August in der jW-Ladengalerie; Galerie Helle Coppi, Auguststraße 83, Berlin, bis 4. September; Galerie Sandau & Leo, Tucholskystraße 38, Berlin, bis 15. August.

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