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Aus: Ausgabe vom 27.07.2020, Seite 7 / Ausland
Italien

Außer Kontrolle

Polizeiskandal in Italien. Beamte in Drogenhandel und Erpressung verwickelt
Von Gerhard Feldbauer
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Sag: »Cheese!« – Einige der Carabinieri in Piacenza haben das erwirtschaftete Geld gerne zur Schau gestellt (Donnerstag)

Ein Polizeiskandal erschüttert Italien. Wie die Nachrichtenagentur ANSA am Donnerstag und Freitag berichtete, haben Angehörige der Carabinieri nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in ihrem Bezirksrevier im norditalienischen Piacenza eine Mafiaorganisation gebildet. Diese betrieb Drogenhandel, folterte und erpresste. Dabei soll sie sich an der Fernsehserie »Gomorrha«, die auf einem Buch des Schriftstellers Roberto Saviano beruht, orientiert haben.

An den Straftaten, die bis ins Jahr 2017 zurückreichen, sei eine große Zahl an Personen beteiligt gewesen. Bisher wurden fünf Carabinieri festgenommen, und ein leitender Offizier steht unter Hausarrest. Insgesamt seien 23 Personen, darunter zehn Polizisten, in den Kriminalfall verwickelt. Die leitende Staatsanwältin von Piacenza, Grazia Pradella, hat die Schließung des Reviers und die Beschlagnahmung der gesamten Einrichtung angeordnet. ANSA betont, dass dies ein bisher einmaliger Akt sei.

Das Generalkommando der Carabinieri in Rom teilte mit, dass die Beschuldigten vom Dienst suspendiert worden seien. Verteidigungsminister Lorenzo Guerini – die Carabinieri unterstehen seinem Ministerium – erklärte, er verfolge persönlich die Ermittlungen, da es »Anzeichen für Militärverbrechen« gebe, schrieb die Nachrichtenagentur am Freitag.

Nach dem über 300 Seiten starken Ermittlungsbericht war der Drogenhandel das »Hauptgeschäft« der kriminellen Vereinigung, an deren Spitze der Unteroffizier Giuseppe Mantella stand. Dieser habe mit Hilfe weiterer Dealer ein größeres Drogenhandelsnetzwerk eingerichtet und in Eigenregie betrieben. Für seinen finanziellen Anteil am Geschäft habe er seinen Händlern »Schutz« gewährt und ihren Ankauf von großen Rauschmittelmengen abgesichert.

Einer der Polizisten wird beschuldigt, während des coronabedingten Lockdowns einem Dealer einen Passierschein ausgestellt zu haben, der es ihm ermöglicht habe, sich nach Mailand zu begeben und dort mit Drogen einzudecken. Um Personen zur Mitarbeit zu zwingen und Mitwisser zum Schweigen zu bringen, hätten die Carabinieri Folter und Erpressung angewandt und auch unrechtmäßige Festnahmen vorgenommen. Die linksliberale Zeitung Fatto quotidiano fragt, warum das so lange Zeit nicht bemerkt worden sei.

Unteroffizier Mantella habe mit einer Villa inklusive Swimmingpool und teuren Fahrzeugen weit über seine Verhältnisse gelebt. ANSA berichtete am Freitag, dass das Revier in Piacenza zudem 2018 für sein »bemerkenswertes Engagement« beim »Einsatz gegen den Drogenhandel« von der Carabinieri-Legion der Region Emilia-Romagna ausgezeichnet worden sei.

Laut ANSA ist das während der Ermittlungen gesammelte und die Carabinieri belastende Beweismaterial erdrückend. Insgesamt seien 75.000 Telefonmitschnitte und Protokolle von Abhörmaßnahmen und überwachten Computerverbindungen angefertigt und ausgewertet worden. Staatsanwältin Grazia Pradella rechne dennoch mit weiteren, umfangreicheren Ermittlungen. Zur Beschleunigung sollten die Verhöre auch am Wochenende fortgesetzt werden.

Im elitären Carabinieri-Korps kam es seit der Nachkriegsgeschichte Italiens bis in die Zeit der faschistischen Regierung unter Silvio Berlusconi zu finstersten Vorfällen. 1963 wollte der Befehlshaber des Korps, General Giovanni De Lorenzo, mit einem Militärputsch die Bildung einer Regierung der konservativen Democrazia Cristiana mit den Sozialisten verhindern und ein faschistisches Regime installieren. Auch danach waren Carabinieri in weitere derartige Putschpläne einbezogen.

Während des G-8-Gipfels 2001 in Genua misshandelten Mitglieder des Korps festgenommene und schwerverletzte Demonstranten unter Adolf-Hitler- und Benito-Mussolini-Bildern und zwangen sie, »Lang lebe der Duce« zu rufen. Montag letzter Woche wurde an den 23jährigen Studenten Carlo Giuliano erinnert. Ihn hatte 2001 in Genua ein Carabiniere von einem Jeep aus mit einem gezielten Schuss umgebracht.

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