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Aus: Ausgabe vom 27.07.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Rechter Terror

Chance zur Aufklärung nicht genutzt

Sprengstoffanschlag am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn jährt sich zum zwanzigsten Mal
Von Markus Bernhardt
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Rettungskräfte vor dem Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn nach dem Anschlag (27.7.2000)

Die Chancen, dass der offenbar antisemitisch motivierte Bombenanschlag auf den S-Bahnhof Düsseldorf-Wehrhahn vom 27. Juli 2000 noch aufgeklärt wird, stehen nicht gut. Bei dem mehrfachen Mordversuch, der sich gegen eine Gruppe von überwiegend jüdischen Sprachschülern aus Osteuropa richtete und der sich am heutigen Montag zum 20. Mal jährt, wurden zehn Menschen teils schwer verletzt; eine Frau verlor ihr ungeborenes Baby.

Im Juli 2018 hatte das Landgericht Düsseldorf den erst 17 Jahre nach der Tat angeklagten Neonazi Ralf S. mit der Begründung freigesprochen, dass »erhebliche Zweifel an der Täterschaft des Angeklagten« bestünden, wie der Vorsitzende Richter Rainer Drees bei der Urteilsverkündung begründete. Die Staatsanwaltschaft legte Revision gegen das Urteil ein, worüber der Bundesgerichtshof in Kürze zu befinden hat.

Bemerkenswert ist unterdessen, dass der zum Tatzeitpunkt noch aktive »Koordinierungskreis antifaschistischer Gruppen Düsseldorf und Umland« (Antifa-KOK) bereits einen Tag nach dem feigen Anschlag in einer Pressemitteilung auf eine mögliche Täterschaft von Ralf S., der in Tatortnähe ein Geschäft für »Survival Security« und »Outdoor« betrieb, aufmerksam gemacht hatte. S. soll sich zudem gegenüber einem Mitgefangenen zu dem Anschlag bekannt haben, als er 2014 in Castrop-Rauxel eine Ersatzfreiheitsstrafe absaß. Das Gericht schenkte der Aussage seines damaligen Mitgefangenen am Ende jedoch keinen Glauben.

Zutage traten im Rahmen des damaligen Prozesses jedoch eine Reihe von vermeintlichen Ermittlungspannen und Versäumnisse der Behörden. So behauptete die Staatsanwaltschaft Düsseldorf bereits kurz nach dem Sprengstoffanschlag, dass zwar eine rechte Szene in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt existiere, diese sei aber bislang nicht mit einer solchen Gewaltbereitschaft vorgegangen, wie sie den Wehrhahn-Anschlag kennzeichne. Die Realität sah hingegen schon damals anders aus: Bereits 1996 – und damit vier Jahre vor dem Wehrhahn-Anschlag – hatte es einen Anschlag auf ein Asylbewerberheim in Düsseldorf-Wersten gegeben. Die Täter wurden wegen 23fachen versuchten Mordes verurteilt.

Bereits während des Prozesses hatte Kai Rudolph, Sprecher der antifaschistischen Gruppen aus Düsseldorf, außerdem schwere Vorwürfe gegen die Ermittlungsbehörden erhoben. Diesen warf er vor, »nach dem Anschlag in entscheidenden Punkten versagt« zu haben. »Es kann nur als Beschönigung und zugleich unkluge Lüge bezeichnet werden, wenn polizeilicherseits seit der Festnahme von Ralf S. 2017 behauptet wird, dass man diesen die gesamte Zeit über – also von Ende Juli 2000 bis heute – für den Täter gehalten, es aber leider an den nötigen Beweisen gefehlt habe. Wäre dem tatsächlich so gewesen, hätte man ihn dann über zwölf Jahre lang aus den Augen gelassen und damit die Chance zur Tataufklärung ungenutzt gelassen?« kritisierte Rudolph damals.

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